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Was macht eigentlich ...: ... Irmgard Schwaetzer?

Die FDP-Politikerin durfte sich 1992 für 26 Stunden als erste deutsche Außenministerin fühlen. In einer Kampfabstimmung unterlag sie überraschend Justizminister Klaus Kinkel.

Frau Dr. Schwaetzer...

Moment! Ich muss ehrlich sagen, dass ich die Rubrik "Was macht eigentlich?" zunächst etwas unpassend fand. Ich mische zwar nicht mehr in der Politik mit, aber sonst mache ich noch ziemlich viel.

Dann mal los.

Als Vorsitzende des Deutschen Komitees Katastrophenvorsorge kümmere ich mich darum, die verheerenden Auswirkungen des Klimawandels auf unsere Gesellschaft und auf die Menschen in ärmeren Ländern zu bremsen. Wir sehen doch jetzt schon, was Stürme, Überschwemmungen und Dürren anrichten, wie sie Menschen und deren Besitz zerstören, Entwicklung verhindern.

Und sonst?

In der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit fördere ich junge Menschen. Ich bin Vorsitzende der Gemeindeleitung des Berliner Doms, der in diesem Jahr 400. Geburtstag feiert. Und ich mache Hospizarbeit. Bleibt da noch Zeit für ein Privatleben? Zweimal die Woche gehe ich zum Sport, bin oft im Konzert oder Theater. Ich lebe als Single in Berlin - das ist wunderbar.

Viele kennen Sie unter dem Doppelnamen Adam-Schwaetzer.

Den trage ich seit 1991 nicht mehr. Aber ich bekenne mich zu meiner Lebensgeschichte, auch zu meinen Fehlern.

Ihr größter?

Das muss ich nicht erklären.

Der vom Hochwasser geschädigte Schürmann-Bau in Bonn?

Es ist ein wunderschönes Gebäude geworden, so, wie ich es haben wollte.

Sie hatten als Bauministerin einen schweren Stand.

Ich habe einen guten Sündenbock abgegeben. Als Bonn-Befürworterin galt ich gleichzeitig als Berlin-Bremse. Völlig falsch. In meiner Zeit wurden die meisten wichtigen Entscheidungen für den Umzug der Bundesregierung getroffen.

Einen Tag konnten Sie sich als Nachfolgerin von Hans-Dietrich Genscher als erste deutsche Außenministerin fühlen …

Ja, es war ein Wochenende.

… bis im "Männerladen" FDP dann doch die Herren alles unter sich ausmachten.

Der Widerstand wurde auch unfair gefördert, wie das manchmal in der Politik so ist. Es wurde sogar gesagt, wie denn eine Frau als Außenministerin in Saudi-Arabien agieren würde. Zum Glück denkt man das heute bei Angela Merkel nicht mehr. Ich hätte mir das Amt auch zugetraut. Nach der Niederlage war ich sehr wütend.

"Du intrigantes Schwein", haben Sie Jürgen Möllemann entgegengeschleudert.

Das habe ich eher geflüstert, ich bin nicht stolz darauf. Möllemann und ich haben uns übrigens ein Jahr später ausgesöhnt.

Nervt es, dass dieser Ausspruch noch immer mit Ihnen in Verbindung gebracht wird?

In solch einer Situation denkt man nicht nach. Aber ich wäre froh, wäre ich ihn los.

Wie viele Schläge kann man als Politikerin wegstecken?

Drehen Sie den Spieß mal um: Wer hat überhaupt die Chance bekommen, an so vielen Ereignissen, die unser Land geprägt haben, wie die Deutsche Einheit, mitwirken zu können? Und das als Frau.

Sie wurden in der Politik zwangsläufig zur Feministin, haben Sie einmal gesagt.

Das stimmt. Aber das Verhalten vieler Männer hat sich glücklicherweise geändert. Was sich nicht verändert hat, sind deren Netzwerke, die den Frauen oft den Weg nach ganz oben versperren. Da können sich die Frauen noch einiges abgucken.

Spielen Sie eigentlich noch Harfe?

Das habe ich aufgegeben. Es wird im Alter einfach zu mühsam, tut an den Händen weh. Und ich habe keine Fortschritte mehr gemacht - das hat mich genervt!

Interview: André Groenewoud / print