Was macht eigentlich ... ... Vidal Sassoon?


In den 60er Jahren prägte der Engländer mit seinen geometrischen Schnitten die Haarmode. Er wurde zu einem der bekanntesten und stilbildendsten Friseure weltweit.

Wann hatten Sie eigentlich zuletzt eine Schere in der Hand?

Kürzlich. Meinen beiden Hunden musste das Fell geschnitten werden. Und das Ganze dauerte anderthalb Stunden! Aber ernsthaft: Das letzte Mal war es auf einer Show vor ungefähr 25 Jahren.

Sie haben von heute auf morgen aufgehört. Warum?

Ich wollte nicht zur Karikatur werden. Ich habe über viele Jahre neue Looks, neue Formen, neue Techniken entwickelt. Irgendwann gab es einfach nichts mehr zu entdecken.

In den Sechzigern lösten Ihre Schnitte fast eine Frisuren-Revolution aus.

Die Zeit war reif für Veränderung. Denken Sie an all die Geschäftsfrauen, Doktorinnen, Anwältinnen. Immer im Stress, jede Woche zum Friseur! Und dann hielten die Haare gerade einen Tag. Außerdem spielte die Mode der 60er Jahre eine große Rolle. Die Entwürfe von Mary Quant oder Courrèges harmonierten perfekt mit meinen geometrischen Schnitten.

Ihre Frisuren bestimmen noch heute unseren modischen Alltag. Konnten Sie das absehen?

Klar, ich habe ja lange darauf hingearbeitet. Meine Schnitte richteten sich an den Linien der Gesichtsform aus. Ich ließ alles weg, was die Aufmerksamkeit vom Gesicht ablenken konnte. Und das Tollste: Nach dem Waschen genügte ein Kopfschütteln, um die Frisur wieder in Form zu bringen.

Sind Sie ein Feminist? Immerhin haben Sie die Frauen von aufwendigen Stylingprozeduren befreit.

Vor allem von all dem Unsinn, der mit ihrem Haar veranstaltet wurde. So gesehen war ich tatsächlich Feminist.

Viele Superstars waren Ihre Kunden. Wer hat Sie am meisten beeindruckt?

Mia Farrow. Nicht weil es mein schwierigster Haarschnitt war. Mia Farrow zeichnet sich durch ihre Menschlichkeit aus. Sie hat zahlreiche Kinder adoptiert, engagiert sich in wichtigen Projekten. Sie ist eine großartige Frau und Künstlerin.

Betrachten Sie sich selbst auch als Künstler?

Ja. Ein Künstler unterscheidet sich vom Handwerker dadurch, dass er Chancen ergreift und über althergebrachte Grenzen hinausgeht. Er entwickelt innovative Ideen. Das habe ich gemacht; Haare bedeuteten für mich immer Abenteuer. Frisieren ist ebenso eine Kunst wie Architektur, vor allem das Bauhaus mit seinen Forderungen wie „Weniger ist mehr“ und „Form muss eine Funktion haben“ hat mich inspiriert. Wäre ich nicht Friseur geworden, wäre Architekt mein Traumberuf gewesen.

Nach ruhigeren Jahren trifft man Sie inzwischen wieder auf großen Modeveranstaltungen. Langeweile?

Absolut nicht, aber ich liebe unsere Branche nach wie vor über alles. Es ist für mich allergrößtes Vergnügen, mich mit Stylisten zu unterhalten, die sich nicht mit dem Normalen begnügen, sondern etwas für unseren Beruf leisten wollen. Natürlich stehe ich nicht mehr mit der Schere auf der Bühne, aber ich gebe gerne etwas von meinen Erfahrungen ab, halte Vorlesungen und trete in Seminaren auf.

Und wenn's mal nicht um Haare geht?

Wann immer ich kann, engagiere ich mich für karitative Zwecke. Ein ganz wichtiges Anliegen für mich ist die Unterstützung von Opfern des Hurrikans Katrina in New Orleans. Dort herrschen noch immer chaotische Zustände. Ein weiteres wichtiges Projekt ist mein Zentrum gegen Fremdenfeindlichkeit an der Uni Jerusalem, das sich mit dem friedlichen Zusammenleben von Christen, Juden, Muslimen und Arabern beschäftigt.

Schneiden Sie Ihrer Frau Ronnie die Haare?

Um Himmels willen! Es gibt eine feste Regel: Kümmere dich nie um die Haare des Menschen, mit dem du zusammenlebst!

Interview: Simone Frieb , Jörg Stolzenberg

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