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WAS MACHT EIGENTLICH ...: Ruud Gullit

Rastazöpfe waren sein Markenzeichen: Der niederländische Ausnahmefußballer gewann mit seiner Mannschaft 1988 in Deutschland die Europameisterschaft.

Rastazöpfe waren sein Markenzeichen: Der niederländische Ausnahmefußballer gewann mit seiner Mannschaft 1988 in Deutschland die Europameisterschaft.

Zur Person:

Ruud Gullit, 39, lebt in Amsterdam mit seiner Frau Estelle Cruyff, einer Kusine des Fußball-Idols Johan Cruyff. Die beiden haben zwei Kinder, Maxim und Joelle. Gullit startete seine Karriere 1973 bei den Meerboys Amsterdam und kickte später für Feyenoord Rotterdam, PSV Eindhoven, AC Mailand, Sampdoria Genua und FC Chelsea. Insgesamt spielte er 66-mal für die Niederlande, die er 1988 als Kapitän zum EM-Titel führte. Zwei Jahre später scheiterte sein Team im legendären WM-Achtelfinale gegen Deutschland (kl. Foto). Heute arbeitet Ruud Gullit fürs Fernsehen als Fußball-Experte und berichtet in einer eigenen Reihe über die private Welt der Stars. In seiner Freizeit spielt er Golf, am liebsten mit seinem alten Torjäger-Kumpel Marco van Basten.

Herr Gullit, werden Sie in den kommenden WM-Wochen frustriert vor der Glotze sitzen, weil Holland nicht dabei ist?

Warum sollte ich? Sauer sind nur die Kicker. Aber so ist das nun mal: Wer sich nicht gegen schwächere Gegner durchsetzen kann, verdient es auch nicht, dabei zu sein.

Was machen Sie in der Zeit?

Ich schaue mir zu Hause die ersten wichtigen Spiele an. Später vertrete ich in Japan einen Sponsor, der die Gewinner einer internationalen Preisfrage zur WM eingeladen hat.

Im Gegensatz zu vielen Ihrer Landsleute betrachten Sie den deutschen Fußball eher positiv.

Das wäre zu viel gesagt. Ich meine im Prinzip die früheren Mannschaften mit Beckenbauer, Müller, Netzer, Overath oder Häßler, die kämpferisch, spielerisch und technisch überlegen waren und trotzdem unterbewertet wurden. Eben weil der Totalfußball von Oranje damals alles überragte - ohne allerdings viele Titel zu erringen.

Sie spielten bei großen Clubs in den Niederlanden, Italien und England. Warum nicht in Deutschland?

Bayern München wollte mich verpflichten. Ich hatte mich positiv über einen Wechsel geäußert, ohne jedoch ein definitives Jawort zu geben.

Warum machten Sie einen Rückzieher?

Mich packte eine Art Heimweh. Mit Angst vor Bockwurst, Sauerkraut, München oder Deutschland hatte das nichts zu tun.

In Deutschland kursiert schon länger das Gerücht, in der niederländischen Nationalmannschaft herrsche Rassismus.

Das ist Schwachsinn, ich schwöre es!

Aber bei der Europameisterschaft 1996 in England ...

... ging es um die schwarzen Ajaxspieler, die gerade den Sprung in die Oranje-Elf geschafft hatten. Dass die als Neulinge im Team sich an einen Tisch setzen, ist doch kein Wunder. Die fünf Surinamer saßen beim Essen zusammen, was für einige wohl schon nach Apartheid aussah.

Hätte Kapitän Gullit nicht solche Missverständnisse vermeiden können?

Haha. Meine schwarzen Kollegen wollten traditionell surinamisch essen. Das ging halt nur getrennt. Der Trainer ließ sogar einen Koch aus Surinam einfliegen.

Sie sind ein gesellschaftskritischer Mensch. Ihre Auszeichnung 1987 als Europas bester Fußballer etwa widmeten Sie dem amaligen Apartheid-Opfer Nelson Mandela.

Ich wollte ein Zeichen setzen. Rassentrennung wie früher in Südafrika ist etwas Hässliches.

Sie rügten Boris Becker, der als Junge dort Tennis spielte.

Das zielte nicht auf Boris persönlich, sondern auf jene, die so einen ahnungslosen Jugendlichen dorthin schicken. Das Regime wurde dadurch aufgewertet.

Inzwischen haben Sie in den Niederlanden eine eigene TV-Sendung, in der Sie weltberühmte Sportler, Schauspieler und Politiker porträtieren - Ihr neuer Beruf?

Ich fange gerade an. Meine Interviewpartner sind genauso neugierig auf mich wie ich auf sie. Das wirkt.

Boris Becker war auch schon Gast.

Ich glaube, das war die beste Sendung. Boris zeigte sich unbefangen und sprach freizügig über seine Affären. In Holland existierte das Bild eines sexbesessenen Dreckskerls. Dem hat er ein Ende gemacht. Vor allem Frauen reagierten gerührt auf seine Offenheit.

Ihre WM-Prognose: Wer holt den Titel?

Als Kandidaten sehe ich Argentinien, Brasilien, Portugal und - trotz bescheidener Vorrunde - Deutschland. Ich hoffe auf einen afrikanischen Außenseiter: Kamerun.

Interview: Albert Eikenaar