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WAS MACHT EIGENTLICH...: Erwin Kostedde

Der Sohn eines amerikanischen Besatzungssoldaten war in den siebziger Jahren der erste farbige deutsche Fußballer, der in der Nationalmannschaft spielte. Heute ist der 55-Jährige arbeitslos.

Der Sohn eines amerikanischen Besatzungssoldaten war in den siebziger Jahren der erste farbige deutsche Fußballer, der in der Nationalmannschaft spielte.

Zur Person:

Erwin Kostedde, 55, begann seine Fußballkarriere begann 1965. Heute lebt er wieder in seiner westfälischen Heimatstadt und ist arbeitslos. Durch dubiose Finanzanlagen hatte er den größten Teil seines Geldes verloren. 1990 wurde Kostedde zu Unrecht eines Spielhallenraubes verdächtigt. Der dreifache Nationalspieler kickte u. a. für den MSV Duisburg, Standard Lüttich, Kickers Offenbach, Borussia Dortmund und beendete 1983 beim VfL Osnabrück seine Laufbahn.

Können Sie noch den »Erwin-Shuffle«, Herr Kostedde?

Einen doppelten Übersteiger machen meine Knie nicht mehr mit. Ich wurde am Kreuzband operiert, bin noch krankgeschrieben und habe die Rente eingereicht.

Hört sich traurig an.

Ist es auch. Vom Fußball sind mir nur Erinnerungen geblieben, und dafür kann ich nichts kaufen. Manchmal in einer stillen Stunde denke ich: Hättest du bloß nie gegen den Ball getreten, Erwin. Wärst du lieber was Anständiges geworden.

Was machen Sie beruflich?

Ich bin arbeitslos. Arbeitsloser Diplom-Sportlehrer.

Ein Schicksal, das auch Berühmtheiten wie Otto Rehhagel getroffen hatte, bevor der griechischer Nationaltrainer wurde.

Sie können Rehhagel und mich nicht vergleichen. Der hat zuletzt Bayern München und Kaiserslautern trainiert, bevor er kurzzeitig mal arbeitslos wurde, ich aber den Verbandsligisten Sportfreunde Oesede und Straßenkinder im Essener Norden. Und überhaupt: Hören Sie mir auf mit Rehhagel! Wenn ich Anstreicher gelernt hab wie der, dann steh ich dazu und mach nicht auf Louvre und Michelangelo. Als ich damals in Haft war, hat sich Rehhagel im Fernsehen über mich ausgelassen.

Wie lange haben Sie gesessen?

Ein halbes Jahr. Man wollte mir einen bewaffneten Raubüberfall auf eine Spielhalle anhängen. Aber ich wurde freigesprochen und bekam 3000 Mark Haftentschädigung. Das muss man sich mal vorstellen: drei Tausender für sechs Monate Knast.

Gab es auch Kollegen, die zu Ihnen hielten?

Klar. Vor allem mein alter Kumpel Willi Lippens hat sich um mich gekümmert. »Ente« hat mich als einziger sogar im Gefängnis besucht. War ganz toll.

Ihre Ersparnisse hatten Sie schon vor dem Knast verloren, oder?

Von Geld hatte ich keine Ahnung. Ich hatte nur Fußball im Kopf. Das hat sich gerächt. Ich habe mit Anlagegeschäften mehr als eine Million verloren. Geblieben sind mir nur Schulden.

Dreimal haben Sie das Trikot mit dem Bundesadler getragen. Sind Sie eigentlich stolz, Deutscher zu sein?

Ich war damals stolz, Nationalspieler zu sein. Heute kennen mich die Jungen nicht mehr. Da werde ich behandelt wie jeder andere Farbige.

Beispiel?

Ich warte mit dem Einkaufskorb an der Supermarktkasse. Sagt so ein Typ: »Guck mal, was die Asylanten sich alles leisten können.« Manchmal rege ich mich noch auf. »Hören Sie, ich bin Deutscher, 1946 hier in Münster geboren« und so. Aber das ist sinnlos. Wenn ich Kohle hätte, würde ich auswandern. Als ich in Belgien bei Standard Lüttich spielte, war alles einfacher. Die hatten aus ihren Kolonien so viele Afrikaner, da fiel ich gar nicht auf. Die wollten mich sogar zum Belgier machen und mit zur WM nehmen. Aber ich wollte unbedingt in Deutschland Nationalspieler werden.

Würden Sie annehmen, wenn Sie noch mal ein ordentliches Angebot als Trainer bekämen?

Sicher. Ich behaupte nicht, dass ich wie der große Zampano sprechen kann. Aber ich weiß, wovon ich rede. Ich behaupte, dass ich Ahnung vom Fußball habe, dass ich eine Mannschaft trainieren und einstellen kann.

Wovor haben Sie denn dann Angst?

Dass die Zuschauer beim Auswärtsspiel »Knacki Kostedde« rufen, wenn ich ins Stadion komme.

Interview: Werner Schmitz