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Griechenland vor dem EM-Viertelfinale: Anstoßen mit "Bloody Merkel"

Die Stimmung in Griechenland ist vor dem Spiel gegen die Deutschen nicht so aufgeheizt wie erwartet. Nur die Häme der "Bild"-Zeitung kommt nicht gut an, dafür aber Bastian Schweinsteiger.

Von Andreas Albes, Athen

Wer in Kostas Wettbüro im Athener Vorort Glyfada vor dem EM-Viertelfinale heute Abend zehn Euro auf das griechische Team setzt, kann 90 Euro gewinnen. Ein Tipp auf die Deutschen bringt im Siegfall nur 13 Euro. "Unsere Regierung könnte doch zwanzig Milliarden auf unser Team setzen", schlägt Kostas vor, "dann müssten wir nur die Deutschen schlagen und wären saniert." Und wenn nicht? "Dann bleiben wir Merkels Sklaven auf Lebenszeit." Es wird eine politische Partie, die da heute in Danzig steigt. Nachdem Griechenland mit dem Sieg über die Russen überraschend eine Runde weiterkam, titelte Athens Sportpresse bereits: "Niemand wird Griechenland aus der Euro-Zone werfen." Oder: "Ihr habt uns den Internationalen Währungsfonds gegeben, wir geben euch Euro-Sprengstoff." Und: "Bringt uns Merkel!" Tatsächlich wird die Kanzlerin auf der Tribüne sitzen. Womöglich gar Seite an Seite mit Griechenlands neuem Premier Antonis Samaras. Aber das steht noch nicht fest.

Schweinsteiger ist der größte Diplomat

Das griechische Fußballmagazin "Goal News" nutzte den Fußball-Krisengipfel gleich zum Interview mit Deutschlands Botschafter Wolfgang Dold. Der tippte vorsichtig diplomatisch auf einen 1:0-Sieg der Deutschen und überraschte den Reporter mit Sachkenntnis über das griechische Team: "Wenn ich mich nicht irre, hat die griechische Mannschaft seit zwei Jahren in 23 Spielen nur zwei Niederlagen erlitten."

Zum größten Diplomaten vor dem brisanten Match aber wurde Bastian Schweinsteiger, der die griechische Elf mit den Worten lobte: "Sie haben ihre Klasse in den Gruppenspielen bewiesen. Es wäre ein Fehler, die Griechen zu unterschätzen. Ich hoffe, unsere Fans haben begriffen, dass wir noch nicht das Halbfinale erreicht haben." Der Artikel erschien unter der Schlagzeile: "Wir respektieren die Griechen."

Griechische Presse hält sich zurück

Kostas hat die Zeitungsseite in seinem Wettbüro an die Wand geheftet. "Sowas wollen die Leute lesen", sagt er. "Die Griechen sehnen sich nach etwas Respekt in diesen Zeiten. Da kann ich nur sagen: Danke Scheinsteiger!" Ob denn viele bei ihm auf die Griechen wetten? "Alle. Aber natürlich aus purer Sentimentalität. Denn es weiß ja jeder, dass wir keine Chance haben."

Für griechische Verhältnisse hält sich die Boulevard- und Sportpresse vor dem Match übrigens erstaunlich zurück. Ein paar Spielerzitate wurden groß aufgemacht: "Die Deutschen fürchten uns." (Verteidiger Papadopoulos) Oder: "Wir wollen, dass es die letzte Partie ist, die Frau Merkel besucht." (Torhüter Sifakis) Und dann natürlich der martialische Satz von Trainer Fernando Santos: "Wir sind nicht die Besten, aber wer gegen uns spielt, muss Blut spucken, um uns zu bezwingen." Allerdings ist Santos kein Grieche, sondern Portugiese (Jahresgehalt: 650.000 Euro).

Vielleicht ist es noch Respekt vor Otto Rehhagel

Ganz anders noch war die Stimmung vergangenen Herbst, als Dortmund zum Champions League-Duell gegen Olympiakos Piräus anreiste. Da wurde Angela Merkel als halbnacktes Pin Up-Girl abgedruckt, und kaum eine Zeitung erschien ohne Hakenkreuze. Die 33.000 Zuschauer im Piräus-Stadion skandierten: "Angela Merkel, du Tochter einer Hure! Du Schlampe!" "Vielleicht ist es diesmal der Respekt vor Otto Rehhagel", erklärt Kostas vom Wettbüro die Zurückhaltung. "Denn unsere Mannschaft spielt ja bis heute den Rehhagel-Stil, mit dem wir 2004 den Titel holten: Hinten reinstellen und auf die richtige Möglichkeit warten." Dann macht er eine Pause. "Aber sollten wir ganz überraschend doch gewinnen, will ich nicht wissen, was hier los ist. Ihr Deutschen solltet euch dann besser nicht im Stadtzentrum blicken lassen. Denn ihr habt euch hier in letzter Zeit nicht viele Freunde gemacht."

Deutsche müssen sich keine Sorgen machen

Was die deutsche Presse vor der EM-Begegnung schrieb, wurde sehr genau registriert. Das Boulevard-Blatt "Espresso" beklagte sich bitter über die "Bild"-Zeitung, die hämisch titelte: "Arme Griechen, die nächste Pleite gibt’s geschenkt. Gegen Jogi Löw hilft kein Rettungsschirm." Die "Süddeutsche Zeitung" stieß einem Radiomoderator sauer auf, weil sie sich darüber lustig machte, dass die griechischen Spieler in Warschau ganz bescheiden in einem Mittelklassehotel untergekommen sind, wo das Standardzimmer 75 Euro kostet, die Betten "hölzern sind" und man aus dem Fenster auf karge Erdhügel blickt.

Wer deutsche Verwandte in Athen hat, muss sich jedoch keine Sorgen machen. Die meisten versammeln sich zum Public Viewing weit außerhalb des Zentrums vor dem Restaurant "München". Da wird Augustiner Edelstoff ausgeschenkt, und Schweinshaxe gibt's auch. Wenn die Deutschen gewinnen, schmeißt Wirt Erich bestimmt wieder eine Lokalrunde. Seinen berühmten Spezialcocktail hat er ganz zeitgemäß benannt: "Bloody Merkel".

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