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Fortuna feiert - Hertha erwägt Protest: Aufstieg im totalen Chaos

Fortuna Düsseldorf hat unter skandalösen Umständen den Aufstieg in die Bundesliga perfekt gemacht. Ob das 2:2 Bestand haben wird, ist aber unklar. Hertha BSC denkt über einen Protest nach.

Von Klaus Bellstedt

Am Anfang war noch Sport: Michael Preetz vergrub das Gesicht in seinen Händen, und Otto Rehhagel lächelte nur ungläublig. Noch nicht einmal eine Minute war in diesem Relegations-Match vorüber und die beiden Verantwortlichen auf der Bank von Hertha BSC Berlin waren der Verzweiflung nah. Dabei hatten sich Manager und Trainer aus der Hauptstadt für die Partie in Düsseldorf so viel vorgenommen. "Wir müssen mit Kopf spielen und dürfen keine Fehler machen." Das waren die Worte von Otto Rehhagel im Vorfeld. Und dann das: Nach einem Ballverlust der Berliner im Mittelfeld kam Fortunas Maximilian Beister an die Kugel, ging auf und davon und traf per Sonntagsschuss am Dienstagabend zum 1:0. Es war ein wahrer Keulenschlag, den die Hertha da einstecken musste; Gift für Körper und Seele.

Mit 2:1 hatte die Fortuna das Hinspiel vor acht Tagen gewonnen. Düsseldorf hatte die Saison als Dritter der Zweiten Liga abgeschlossen. Die Elf von Trainer Norbert Meier ging als Außenseiter in die beiden Ausscheidungsspiele. Nach der Rückkehr der Mannschaft aus Berlin hielt der Pilot eine Fortuna-Flagge aus dem Cockpit, die Feuerwehr empfing die Air-Berlin-Maschine mit Wasserfontänen. So werden normalerweise Europacup-Helden begrüßt. Aber genau so sind sie in Düsseldorf: immer etwas größenwahnsinnig und überheblich. Das sind gute Stichworte. Denn auch das Spiel der Fortuna entwickelte sich nach der Blitzführung von Beister in eine ähnliche Richtung. Die Hertha wirkte nämlich nur kurz geschockt und war ab der 15. Minute das bessere Team. Ben-Hatiras Ausgleich (22.) war kein Zufall. Die Taktik von Norbert Meier, wie im Hinspiel fast ausschließlich auf Konter zu setzen, ging zur Pause zwar auf. Aber sie war schon auch etwas simpel.

Leuchtraketen und unzählige Bengalos

Dass es für Fortuna Düsseldorf am Ende doch mit dem Aufstieg in die Bundesliga klappte, hatte vor allem etwas mit der Dummheit der spielerisch klar überlegenen Berliner zu tun. Damit ist in erster Linie Änis Ben-Hatira gemeint, der seiner Mannschaft kurz nach Wiederanpfiff mit seinem zweiten gelbwürdigen und völlig überflüssigen Foul einen Bärendienst erwies und vom Platz gestellt wurde (54.). Düsseldorf spielte die Überzahl natürlich in die Karten und ging nur fünf Minuten nach der Herausstellung des Herthaners durch Joker Jovanovic wieder in Führung. Aber auch die Berliner "Fans" waren dämlich. Zumindest ein Teil der mitgereisten Anhänger. Sie provozierten nämlich nach dem neuerlichen Rückstand fast einen Spielabbruch.

Leuchtraketen und unzählige Bengalos flogen auf den Platz. Erinnerungen an die Schande von Dortmund wurden wach, als im vergangenen Oktober im Pokalspiel zwischen dem BVB und Dresden tausende Dynamo-Fans im Stadion wüteten. In Düsseldorf war nach der Unterbrechung für die Hertha im Grunde alles vorbei. Die Mannschaft von Otto Rehhagel wirkte doppelt geschockt - durch das Gegentor und die Idiotie der eigenen Anhänger. Die Fortuna spielte die Uhr einigermaßen leicht und locker herunter, Raffael gelang zwar kurz vor Ende der regulären Spielzeit noch der 2:2-Ausgleich, aber mehr war nicht - zumindest nichts Fußballerisches.

Was sich indes in der Nachspielzeit auf dem Rasen der Esprit-Arena abspielte, war dann ein Skandal - und Anlass für die Berliner Verantwortlichen, nun über einen Protest gegen die Wertung des Spiels nachzudenken. Zwei Minuten vor Ablauf der Extra-Time stürmten Düsseldorfer Fans zu Tausenden den Platz und zündeten ebenfalls Bengalos. Sie hatten offenbar einen Pfiff des Unparteiischen fälschlicherweise als Schlusspfiff interpretiert. Beide Mannschaften flüchteten daraufhin in den Spielertunnel. Zu absolvieren waren zu diesem Zeitpunkt noch 90 Sekunden der offiziell siebenminütigen Nachspielzeit.

Schiedsrichter Stark ganz stark

Polizisten, Ordner und auch Düsseldorfer Spieler, darunter der nicht eingesetzte Kapitän Sascha Rösler, versuchten vehement, die Fans zur Rückkehr auf die Tribünen zu bewegen. Inmitten von mehreren hundert Fans gerieten auch einige Spieler beider Teams heftig aneinander. Die Partie stand am Rande des Abbruchs, ehe sie doch noch zu Ende gespielt werden konnte. Hellmut Krug, der Schiedsrichterchef der DFL, zollte hinterher Schiedsrichter Wolfgang Stark ein großes Kompliment, dass er das Spiel noch beendete. "Das war eine Eskalation, wir können froh sein, dass es so glimpflich ausgegangen ist", sagte Krug. Es sei richtig gewesen, das Spiel nicht abzubrechen. Stark hatte abgewartet, bis das Spiel wieder komplett geräumt war, ehe er erneut anpfiff.

Am Ende dieses chaotischen Abends geriet das Sportliche leider total in den Hintergrund. Fortuna tritt nach dem 2:2 im Relegations-Rückspiel gegen die Hertha nach 15 Jahren Abstinenz in der nächsten Saison wieder in der obersten deutschen Spielklasse an. Die Freude der Düsseldorfer fiel aufgrund der Tumulte aber nur gedämpft aus. "Das ist einfach nicht schön. Ich hatte mir das anders vorgestellt", sagte Abwehrspieler Jens Langeneke. "Ich weiß nicht, ob ich nach diesen Bildern froh sein soll. Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas bei uns möglich wäre", so der Vorstandsvorsitzende der Fortuna, Peter Frymuth.

"Nur auf Bitten der Polizei weitergespielt"

Den Berlinern ging es natürlich genauso - und sie denken ernsthaft darüber nach, ob sie es akzeptieren müssen, unter diesen Umständen den bitteren Gang in die 2. Liga zu akzeptieren. Die Hertha-Verantwortlichen erwägen, gegen die Wertung des Spiels Protest einzulegen. "Es ist unsere Verantwortung, darüber nachzudenken. Das sind wir auch unseren Fans schuldig", erklärte Michael Preetz, der auch nach dem Abstieg Manager bleiben soll, wie es am Abend hieß. Die Mannschaft war zwischenzeitlich nicht bereit, auf den Rasen zurückzukehren, und tat dies erst nach ausdrücklicher Aufforderung des Schiedsrichters - und, wie Hertha-Anwalt Christoph Schickardt im ZDF-Morgenmagazin betonte, "nur auf Bitten der Polizei, um eine Eskalation - man hat von einem Blutbad gesprochen - zu verhindern." Hertha-Präsident Werner Gegenbauer gab sich allerdings bezüglich eines Protests verhalten: "Wir haben den Düsseldorfern zum Aufstieg gratuliert", sagte er. "Ich kann es sportrechtlich nicht beurteilten. Wir werden sehen, ob es eine Prüfung gibt." Über einen Protest soll am Mittag entschieden werden.

45 Minuten nach dem letzten Pfiff verwandelte sich die Esprit-Arena schließlich doch noch zum Freudenhaus. Zu den Klängen des Toten-Hosen-Songs "Tage wie diese" feierten 20.000 Fans auf dem Rasen den verdienten Aufstieg von Kapitän Andreas "Lumpi" Lambertz, Maxi Beister und Co. in die Bundesliga. Freud und Leid liegen beim Fußball manchmal ganz dicht beieinander. Kaum ein Klub weiß das besser als die Fahrstuhlmannschaft Fortuna Düsseldorf - und eine weitere Wendung ist Moment nicht ausgeschlossen.

mit DPA

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