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Rehhagel führt Hertha in die Relegation: Die Rache des alten Mannes

Hertha BSC hat Köln am letzten Bundesliga-Spieltag noch überholt - dank Otto Rehhagel. Während der FC im Rhein versinkt, hält das Trainer-Urgestein den Laden in Berlin zusammen.

Ein Kommentar von Klaus Bellstedt

Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Hertha BSC ist noch lange nicht gerettet. Die Berliner haben lediglich die letzte Chance ergriffen, durch zwei Relegationsspiele die Klasse doch noch zu erhalten. Aber was heißt hier eigentlich 'lediglich'? Seien wir doch ehrlich: Spätestens als die "Schlaffis aus der Hauptstadt" ("Berliner Kurier") am vergangenen Wochenende auf Schalke mit 0:4 unter die Räder kamen, war der Sargnagel reingehämmert - dachten alle. Zu desaströs war das Auftreten dieser Mannschaft, zu bieder und antriebslos. Zum x-ten Mal im Laufe dieser Saison. Der Hertha beim Fußballspielen zuschauen zu müssen, war oft genug eine Strafe. Dass nun, auf den letzten Metern, durch einen 3:1-Erfolg über Hoffenheim und unter gütiger Mithilfe der Bayern, die Köln schlugen, doch noch Platz 16 erreicht wurde, grenzt an ein mittleres Wunder. Wer dafür verantwortlich ist? Otto Rehhagel!

Als Michael Preetz, Berlins glückloser Manager, nach dem unwürdigen Abgang von Markus Babbel und dem misslungenen Kurzversuch mit Michael Skibbe im Februar Otto Rehhagel als Trainer aus dem Hut zauberte, dachten viele an einen schlechten Scherz. Der alte Mann in Berlin? Vielleicht als Bundespräsidentenkandidat, aber doch nicht bei der Hertha. Rehhagel, 73, hat sich - und das ist eine seiner größten Stärken - im Laufe seiner langen Trainerkarriere nie verstellt. "König Otto" trat seinen Feuerwehr-Job am Olympiastadion so an: Wie einer, der nicht mehr von dieser Fußballwelt ist und dessen Sprüche und Lebensweisheiten eigentlich nicht mehr zu ertragen sind. Aber das ist nur die eine Seite des Trainer-Fossils. Auf der anderen ist Rehhagel nämlich (immer noch) ein hervorragender Coach.

Genugtuung für "König Otto"

Er fasst seine Spieler auf diese ganz besondere Art und Weise an. Von allen lässt er sich siezen - und mit fast allen führt er, wann immer es geht, vor und nach den Spielen Einzelgespräche. Rehhagel ist extrem autoritär, schützt aber gleichzeitig seine Akteure beinahe schon liebevoll vor allen Angriffen von außen. So hat er es in Bremen bei seinen 14 Jahren an der Weser immer gemacht. Gerade in der Hauptstadt und einem stets unruhigen Boulevard war das Installieren dieser Wagenburgmentalität genau der richtige Weg. Ein Weg, der für die Mannschaft jetzt vorerst auf Rang 16 endet. Alles ist noch möglich.

Rehhagels Erfahrung und seine vielen Erfolge als Trainer können eine neue Mannschaft schon mal einschüchtern, aber in Berlin war das nicht so. Das Team folgte seinem schrulligen Coach, durchschritt dabei zwar manches Tal, schaffte aber tatsächlich am letzten Spieltag den vielleicht sogar entscheidenden Turnaround. "Otto Rehhagel hat uns hervorragend eingestellt. Wir sind in dieser Woche als Mannschaft ein Stück zusammengewachsen. Und er hat uns auch beruhigt. Denn es lastete ein unheimlicher Druck auf uns", berichtete der Doppeltorschütze vom Samstag Änis Ben-Hatira nach der Partie gegen Hoffenheim. Die Hertha kämpfte wie noch nie in dieser Saison. Sie hatte dank Rehhagel verstanden, welches Stündlein ihr geschlagen hatte.

Der Lohn sind jetzt zwei weitere Partien gegen den Dritten der 2. Liga. Für den in der Hauptstadt anfangs belächelten Otto Rehhagel muss sich das wunderbar anfühlen. Seine Art, Fußballspielen zu lassen, ist nicht schön, aber am Ende ist sie womöglich auch in Berlin erfolgreich. "Modern spielt, wer gewinnt", entgegnet der Kauz auf der Bank oft Journalisten, die ihn wegen seiner altmodisch empfundenen Taktik immer wieder kritisieren. Nie hatte Rehhagel damit mehr Recht, als nach dem 34. Spieltag.

1. FC Köln: Versagen auf allen Ebenen

Hertha hat also noch die Chance, in Köln ist dagegen alles aus. Der FC ist abgestiegen - und wird so schnell wohl auch nicht auf die Bildfläche zurückkehren. Das 1:4 gegen den FC Bayern war das Spiegelbild einer schrecklichen Saison. Köln kassierte in 34 Spielen 75 Gegentreffer, die meisten von allen Bundesligisten. Das spielerische Element war zu keiner Zeit auch nur an Ansätzen existent. Aber nicht nur die Mannschaft, die mit den Ausnahmen des künftigen Arsenal-Profis Lukas Podolski und von Torhüter Michael Rensing nicht bundesligatauglich war, hat versagt - auch die Verantwortlichen am Rhein.

Das Experiment mit dem Trainer-Manager-Duo Stale Solbakken/Volker Finke ist grandios gescheitert. Zwar ist der FC seit der Wahl des neuen Präsidiums wieder handlungsfähig. Aber ohne neuen Trainer und ohne neuen Sportdirektor sind aktuelle Entscheidungen über die Neugestaltung des Profikaders für die 2. Liga nicht umsetzbar. Planungssicherheit besteht nur bei den auf zwölf Millionen Euro geschätzten Einnahmen durch den Podolski-Transfer. Ansonsten werden die Erlöse des schwer verschuldeten Klubs nun wahrscheinlich um knapp 40 Prozent sinken. In der Domstadt gehen die Lichter aus - nicht nur weil der Prinz abhaut.

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