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WAS MACHT EIGENTLICH...: Katrin Jelinek

Mit drei deutschen und 20 weiteren Kollegen der Hilfsorganisation Shelter Now wurde sie am 5. August 2001 in Afghanistan inhaftiert. Vorwurf der Taliban: christliche Missionierung.

Mit drei deutschen und 20 weiteren Kollegen der Hilfsorganisation Shelter Now wurde sie am 5. August 2001 in Afghanistan inhaftiert. Vorwurf der Taliban: christliche Missionierung.

Zur Person:

Katrin Jelinek lebt in einer Wohngemeinschaft in Hannover. Zurzeit arbeitet die 30-Jährige als Krankenschwester in einer Arztpraxis, will bald mit ihrem Freund zusammenziehen. Zwei Jahre arbeitete Katrin Jelinek für Shelter Now in Afghanistan unter anderem in einem Straßenkinderprojekt, bevor sie und ihre Kollegen von den Taliban verschleppt und inhaftiert wurden. Mit amerikanischer Unterstützung gelang der Gruppe Mitte November 2001 die Flucht

Haben Sie schlimme Erinnerungen an die Zeit im Kabuler Gefängnis?

Bei Gewitter oder dem Knallen von Feuerwerkskörpern zucke ich zusammen. Ich merke auch, dass ich nicht so belastungsfähig bin wie früher. Bis alles wieder normal ist, braucht es Zeit.

Was haben Sie als Erstes gemacht, nachdem Sie nach Deutschland zurückkamen?

Eingekauft. Die Taliban hatten alle persönlichen Dinge geplündert, ich besaß nichts mehr: Jeans, Schuhe, Unterwäsche, Jacke. Ich habe alles gebraucht.

War es schwer, sich in Deutschland wieder einzugewöhnen?

Ich hatte auch vorher bei jeder Rückkehr aus Afghanistan einen Kulturschock. In einer Drogerie zum Beispiel, wo ich Tausende Shampooflaschen aufgereiht sah, oder in einer riesigen Wäscheabteilung - da dachte ich nur: »Holt mich hier raus!« Es war auch schwer, zur Ruhe zu kommen. Ich habe Vorträge gehalten, bin viel herumgereist. Erst in den letzten zwei, drei Monaten bin ich wirklich angekommen.

Silke Dürrkopf und Georg Taubmann sind wieder in Kabul, Margrit Stebner geht im Oktober zurück. Auch Sie wollten nach Ihrer Freilassung wieder nach Afghanistan. Wie sehen Ihre Pläne heute aus?

Ich dachte die ganze Zeit, ich gehe zurück. Aber ich habe mich Ende Januar mit einem Mann befreundet, den ich schon länger kenne. Die Beziehung war ein Grund zu sagen, ich bleibe erst mal hier. Aber es wäre grundsätzlich für mich nicht gut gewesen, wie geplant im März wieder nach Afghanistan zu gehen. Ich hätte wahrscheinlich alles in mir vergraben, und es wäre erst in Jahren wieder hochgekommen. Es ist nicht so, dass ich nie wieder zurück will. Ich weiß, da ist etwas, das hat mein Herz berührt. Ich habe noch zu allen Shelter-Mitarbeitern Kontakt, vermisse auch das Team und die Arbeit vor Ort, aber mir sind momentan einfach andere Sachen wichtiger.

Fühlen Sie Hass gegen die Taliban?

Die Ungerechtigkeit hat mich verrückt gemacht. Allein, dass wir mit ansehen mussten, wie die afghanischen Gefangenen geschlagen wurden. Aber mit Hass kann ich nichts ändern. Vergeben heißt auch loslassen. Uns ist ja nicht viel passiert, wir sind nie angefasst worden. Ich habe dadurch gemerkt, ich kann Gott vertrauen. Ich will das jetzt nicht schön malen - es war auch Verzweiflung da. Aber wir haben einmal mehr gemerkt, wie real Gott ist, und wie praktisch er uns geholfen hat durchzuhalten.

Was sagen Sie zu den Vorwürfen, Sie hätten missionieren wollen?

Ich bin aus Liebe zu den Menschen und auch aus Liebe zu Gott dorthin gegangen, aber ich habe niemandem meinen Glauben aufgedrängt. Vor acht Jahren hatte ich mein entscheidendes Erlebnis mit Gott. Ich war viele Jahre lang Epilepsie-krank und habe immer mit Gott gehadert: »Warum heilst du mich nicht?« Erst als ich seinen Weg akzeptiert habe, konnte ich innerhalb einer Woche die Medikamente absetzen und habe nie wieder einen Anfall gehabt. Seitdem habe ich dieses Vertrauen in Gottes Liebe. Für mich ging es in Afghanistan nie darum, jemanden zu bekehren - aber wenn Menschen mich nach meinem Glauben gefragt haben, habe ich ihnen natürlich geantwortet. Das würde ich auch im Rückblick nicht anders machen.

Was sind Ihre Zukunftspläne?

Ich werde wohl überlegen, in die Nähe meines Freundes zu ziehen und freue mich schon auf meine eigene Wohnung. Ich weiß jetzt, ich komme überall zurecht, ob in Hannover oder in den USA oder irgendwann auch wieder in Afghanistan.

Interview: Cornelia Fuchs