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WOLFGANG JOOP: »Narzissmus ist keine wahre Freude«

Vom Selbst- zum Kinodarsteller: Der Modemacher Wolfgang Joop spielt den Therapeuten - und lästert im wahren Leben über Penisneid und Größenvergleiche, Gefallsucht und die Gefahren der Gefälligkeit.

Herr Joop, Sie sind unter die Schauspieler gegangen. Wie übersetzen Sie den Filmtitel »Suck My Dick« ins Deutsche?

Da ich nicht in den Verdacht kommen möchte, im hohen Alter ein Pornostar geworden zu sein, sage ich lieber eine englische Variante: »Oops, I Did It Again!«

Die Münchner »Abendzeitung« nennt den Film dunkel ein »surrealistisches Unterbewusstseins-Massaker«.

Es geht um Albträume, Obsessionen und Verlustängste von Männern. Der koksende Buchautor Dr. Jekyll erlebt, wie seine Romanfigur Hyde aus seinem Gehirn ausbricht und ihm den überdimensionierten Penis wegnimmt. Der schwanzamputierte Jekyll hat dann nur noch ein kleines Loch zum Pinkeln. Für mich ist der Film eine Burleske - humoristisch, bösartig und verstörend.

Sie spielen einen Society-Psychiater. Waren Sie selbst schon mal beim Seelenarzt?

Ich therapiere meine Seelenqualen lieber durch Arbeit. Das dauernde Rumpopeln im Ego bringt doch genauso wenig wie die Suche nach individuellem Glück. Man ist nie unglücklicher als in der Zeit, in der man das Glück sucht. Ich tröste mich, indem ich Biografien lese. Da merke ich, dass meine Probleme auch andere haben.

»Suck My Dick« karikiert den Phalluskult. Kennen Sie Penisneid?

Eher Penisbewunderung. Man braucht ja hin und wieder was, an dem man sich festhalten kann. Aber nach der Pubertät nimmt das Interesse an Geschlechtsorganen allmählich ab - bei den meisten zumindest. Ich litt am stärksten in der Zeit, als ich erotisch am aktivsten war. Da wollte ich das einzige Objekt der Begierde sein und jeden Menschen durch jede erotische Handlung für immer beeindrucken. Irgendwann merkte ich dann aber, dass es immer einen geben wird, der intelligenter ist und einen größeren Schwanz hat.

Litten Sie als Schüler unter Umkleideraum-Phobie?

Nach der Sportstunde im Kollektiv nackt unter die Dusche zu gehen habe ich immer gehasst. Es ist heute noch so, dass ich mich nicht gern entblöße. Dass Jungs sich immer zwanghaft vergleichen müssen, setzt sich später in symbolischen Schwanzduellen fort. Man demonstriert dem Rivalen, dass man mehr drauf hat, indem man ein dickes Auto fährt oder eine Frau mit großen Brüsten heiratet.

Waren Sie als Jugendlicher mit Ihrer Physis im Einklang?

Natürlich nicht! Wer früh gelernt hat, so genau hinzuschauen wie ich, ist extrem verunsichert. Ich hatte eine perfektionistische Vorstellung von mir, und es war für mich oft erschütternd, dass ich meinem Idealbild nicht entsprach. Narzissmus ist keine wahre Freude. Wenn Narziss sein Spiegelbild auf der Wasseroberfläche küssen wollte, zerrann es. Er ist nie berührt worden und hat sich nie gefunden.

Was störte Sie an Ihrem Spiegelbild?

Ich fand mich immer recht kubistisch. Man hätte mich noch mal zerschlagen sollen, um mich dann wieder richtig zusammenzusetzen. Dieses Mangelempfinden, dass alles nicht so harmonisch war, wie ich es gern gehabt hätte, führte sehr früh zu einer tiefen Unsicherheit. Ich hatte Verlustängste massivster Art und fühlte mich einsam und schwach. Das Einzige, was mir übrig blieb, war, die Kunst der Verführung zu üben. So wurde aus Selbstzweifeln Gefallsucht.

Was empfinden Sie heute bei Ihrem Anblick?

Das Verfallsdatum ist bereits überschritten. Wenn ich ein Foto von mir betrachte, bin ich jedes Mal erschrocken. Ich sehe mich ganz anders, als ich aussehe: wesentlich jünger, rassiger, stromlinienförmiger. Mit dem Alter musst du dich mit der Ästhetik des Verfalls anfreunden - und das ist ein hartes Unterfangen. Die Würde und der Triumph des Alters lägen darin, sich vom Zwang zum Vergleichen zu befreien. »Auch langsame Katastrophen gehen schnell vorbei«, sagt Gertrude Stein.

Sie klagen über »Orgasmusterror«.

Sexualität wird heute oft wie eine Verpflichtung zum Sport betrachtet: »Was, Sie haben schon wieder keine Rumpfbeugen gemacht?« Zum Sex gehören bei mir Sehnsucht und Inszenierung. Wer mir seine Sexualität wie Hundefutter hinwirft, erinnert mich an jene Hamburger, die in ihren Einkaufspassagen Chablis und Austern im Stehen zu sich nehmen. Es ist ja abenteuerlich, was über mein Sexualleben die Runde macht. Leute denken zum Beispiel, Bisexualität sei ein doppelt bestrichenes Sandwich, das ich mir jeden Tag einführe. Solche Polemik nehme ich aber als Kompliment, denn wenn dir erotisch nichts mehr unterstellt wird, bist du aus dem Rennen. Ich glaube, über das Sexualleben von Frau Merkel macht sich höchstens Herr Merkel Gedanken. Hoffentlich!

Sie leben seit 20 Jahren mit Edwin Lemberg zusammen, einem ehemaligen Fotografen, der heute Ihr Berater ist. Überrascht Sie die Haltbarkeit Ihrer Beziehung?

Ja. Seit 20 Jahren gelingt es uns nicht, uns nicht zu sehen. Beziehungen scheitern oft an falscher Politik, an falschen Erwartungen. Edwin und ich wissen, dass mich niemals jemand glücklich machen wird. Meine Beziehung zu ihm ist diplomatische Arbeit, keine erotische. In meinem Bett liegt schon jemand mit behaartem Arsch - mein Hund Wolfi.

Ein Pommerscher Zwergspitz.

Ich habe drei davon. Ich weiß inzwischen auch, weshalb die aus der Mode gekommen sind: Die kläffen furchtbar, und wie kleine Männer wollen sie immer dominieren. Mir kommen sie vor wie Zwerge im Pelzmantel.

Der Name Wolfi wirkt leicht neurotisiert

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Er hat ein Identifikationsproblem mit mir. Er isst nur, was ich esse - egal, ob das Tomaten sind oder saure Gurken. Ich habe ihm mal ein rosa Stoffschwein gekauft. Mit dem hat er jetzt immer exzessiven Sex. Am Strand von Monte Carlo hat er mich neulich ziemlich in Verlegenheit gebracht. Da saß ein Ehepaar mit einem kleinen Jungen, dessen Teddybär auf dem Rücken lag. Wolfi rannte hin und rammelte den Teddy durch. Ich musste ihn dann mühsam runterzerren.

Gibt es zwischen Edwin Lemberg und Ihnen Eifersucht?

Früher war ich aus Unsicherheit ein primitiver Sklave der Eifersucht. Wenn ich mich als Liebesobjekt nicht adoriert fühlte, habe ich den anderen terrorisiert. Heute bin ich eifersüchtig, wenn Edwin mich aus der Kollektion seiner Sorgen sortiert.

1998 hat die Wünsche AG 95 Prozent Ihrer Firma übernommen. Warum haben Sie sich jetzt von Ihren Restanteilen getrennt?

Ich war die letzten Jahre in einem tiefen Depressionsloch, weil ich als Modedesigner den Selbstrespekt verloren hatte. Ich lebte am Rande des nervlichen Zusammenbruchs. Es gab nur Eskapismen, aber keinen Ausweg. Davon erhole ich mich gerade. Die Schauspielerei ist ein Versuch, meinen Seelenfrieden zu finden - auch wenn viele denken, ich soll lieber an die Singer zurück und was Hübsches nähen.

Im Mai erhielten Sie als Chefdesigner wegen angeblicher Rufschädigung eine fristlose Kündigung, die inzwischen von einem Gericht für unwirksam erklärt wurde. Der Wünsche-Vorstand Gerhard Janetzky klagt: »Der öffentliche Joop, der sich in Talkshows zu FDP und Lesben äußert, polarisiert die Verbraucher. Wenn sich der Erfolg bei der Marke nicht so einstellt, liegt das auch an solchen Auftritten.«

Hätte sich Herr Janetzky mir vorgestellt, hätte ich ihm gesagt: »Ach, überschätzen Sie mich nicht. Den öffentlichen Joop abzulehnen bedeutet nicht, dessen Produkte nicht zu kaufen.« Wir alle suchen doch Vorbilder, die polarisieren. Wenn jemand in der Mode gefällig ist, gefällt er schnell keinem mehr. Gefälligkeit ist in dem Metier die schlimmste Todsünde.

Wann haben Sie das letzte Mal ein Joop!-Geschäft betreten?

Vor ein paar Monaten habe ich mir im Frankfurter Laden die Kritik des Verkaufspersonals angehört. Für die war ich ja der Verantwortliche, wenn ein Knopf abfällt oder die Jeans nicht passt.

Wie fanden Sie das Warenangebot?

Reichhaltig und gefällig. Viele Produkte sind heute austauschbar, seelenlos. Ich vermisse ein Bekenntnis. Mein eigenes ist auch für mich nicht mehr leicht zu erkennen.

Welche Gründe hat der Abstieg der Marke?

Ein unglückseliges Management dachte schon vor längerem, man könne Luxus demokratisieren, und wollte durch Vermassung ans große Geld. Das Lizenzgeschäft wurde so ausgeweitet, dass man mich fragte: »Wann schreiben sie deinen Namen auf Klobrillen und Tampons?« Mein Entwicklungsatelier in Hamburg wurde wegrationalisiert, und wenn ich Lizenzfirmen besuchte, um dort eine klare Produkthandschrift durchzusetzen, hieß es: »Diese Zicke stört doch nur.« Wer die Kontrolle nicht hat, dem entgleitet die Marke irgendwann.

Sie werden neuerdings als »Plaudertasche ohne Label« verhöhnt. Reut es Sie, Joop! verkauft zu haben?

Ich habe Jil Sander immer bewundert für ihren Willen und ihre Stärke, aber ich sah auch, wie sie über die Jahre aufgrund ihrer übertriebenen Besessenheit immer verbissener und verhärmter wurde. So ein Leben wollte ich nicht führen. Wenn man sich diesem Business in ihrer Art und Weise hingibt, frisst es einen komplett auf.

Jil Sander hat inzwischen im Streit an die Prada-Gruppe verkauft. Wissen Sie, wie es Ihrer Kollegin geht?

Ich weiß nur, dass sie hin und wieder bei ihren alten Freundinnen in Hamburg auftaucht und nonstop die ganze Jil-Sander-Saga besprechen möchte. Jil tut mir etwas leid. Ihr ist mehr genommen worden als mir, weil die Firma ihr Kind war.

Wäre es für Sie nicht die größte Schmach, wenn Joop! ohne Joop mehr Erfolg hätte?

Ich habe die Firma 1998 mit 560 Millionen Mark Umsatz übergeben. Jetzt sind es vermutlich nur noch 400 Millionen. Natürlich wünsche ich der Marke Erfolg, die meinen Namen trägt - aber Erfolg braucht Strategie.

Die Firma Jil Sander machte im ersten Jahr ohne Frau Sander 16,4 Prozent mehr Umsatz. Warum soll bei Joop! die Trennung von Marke und Person nicht gelingen?

Inzwischen ist die Firma Jil Sander angeblich das erste Mal in den roten Zahlen. Viele Kunden fragen sich, wieso sie für die Sachen der Schüler so viel zahlen sollen wie für die der Meisterin.

Sie haben schätzungsweise 50 Millionen Mark für Ihre Firma bekommen, und Wünsche hat schwerste Finanzprobleme. Werden Sie Joop! zum Schnäppchenpreis zurückkaufen?

Dazu bräuchte ich einen finanziell und strategisch starken Partner. Das Risiko, alles zu verlieren, ist sehr groß. Ich bin zu erfahren, um als Hasardeur aufzutreten.

Es ist kein Geheimnis, dass Designer kaum mehr etwas selbst entwerfen. Wozu braucht man sie noch?

Mit dem richtigen Team lässt sich theoretisch jede Marke wiederbeleben. Aber sie müssen eine Person haben, um die man eine Geschichte spinnen kann. Dann sucht der Käufer die Nähe zu dieser Person, indem er ihre Produkte kauft. Nehmen Sie Tom Ford, der selbst ein Marketingkonzeptionist ist: Sobald man eine Gucci-Sonnenbrille in die Hand nimmt, sieht man den schönen Tom vor sich. Oder man sieht sich selber an seiner Stelle und teilt den Blick auf Toms schicke Welt.

»Mode ist eine so unerträgliche Form der Hässlichkeit, dass wir sie alle sechs Monate ändern müssen«, spottete Oscar Wilde. Erteilen Sie Ihrer Umwelt Modeberatung?

Ich nehme meine eigenen Ratschläge nicht so ernst. Der Zynismus in der Mode ist: Wer in alle Modefallen tappt, indem er unsere Vorschläge eins zu eins übernimmt, hat unseren Respekt verloren, weil er sich den Tätern ausgeliefert hat. Den klügsten Satz über unser Metier hat Vivienne Westwood gesagt: »Die Menschen sollten sich mehr anstrengen, weniger dumm zu sein. Das kleidet sie am besten.«

Die Zeitschrift »Gala« führt Sie unter den »Top 150 der Society« auf Platz 28. Beunruhigt es Sie, hinter einem Julian NidaRümelin gelandet zu sein?

Gleichauf mit ihm zu sein wäre ein Kompliment, weil ich den Mann gebildet und faszinierend finde. Für mich sieht der aus wie ein rassiger Pharao. Mich interessiert bei diesen Listen eigentlich nur, wer in der Jury sitzt. Wenn ich lese, wer sich da mal wieder in die Presse presst, blättere ich sofort weiter.

Warum haben Sie bei »Wetten, dass ...?« abgesagt?

Ich habe zu »Suck My Dick« eine wirklich scharfe CD mit erotischen Ansagen aufgenommen. Die könnte ich hochhalten und den Film promoten. Aber dafür müsste ich stundenlang neben Herrn Jürgen von der Lippe auf dem Sofa sitzen. Und dann auch noch Böblingen! Zum Traurigsein muss ich nicht verreisen.

Werden Sie ohne Mode nicht bald unter einem Horror Vacui leiden?

Viele, die einmal aus der Tretmühle Mode ausgestiegen sind, kommen nie mehr zurück, weil sie merken, wie sehr sie Lifestyle mit Leben verwechselt haben. Immerhin habe ich mal ein Kochbuch geschrieben. Wenn es mit der Mode nicht klappt, werde ich mich um Saucen und Dips kümmern.

Von Sven Michaelsen und Daniel Josefsohn (Fotos)