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Zoë Bell: Die härteste Frau der Welt

Sie geht dahin, wo es wehtut: In "Kill Bill" etwa doubelte sie Uma Thurman, wenn es brenzlig wurde. Nun hat Regisseur Quentin Tarantino der Stuntwoman in "Death Proof" eine Hauptrolle gegeben.

Von Christiane Stella Bongertz

Diese Jungs können vermutlich Konservendosen mit den Daumen aufdrücken, ihre T-Shirts spannen sich über Bizepse, prall wie Melonen, und ihr Gesichtsausdruck ist ernst wie der von Bruce Willis in "Stirb langsam". Ein weibliches Wesen, das ahnt man, hat bei diesen Herren, allesamt Stuntmen, keinen leichten Stand. Doch als Zoë Bell die Trainingshalle betritt, werden die harten Typen zahm wie junge Hunde. Sie geben Küsschen, lächeln und versuchen erst gar nicht, weiter die Coolen zu mimen. Dieser Frau können sie ohnehin nichts vormachen. Zoë Bell hat schon die Haut von Uma Thurman in "Kill Bill" gerettet und die von Sharon Stone in "Catwoman" - jetzt ist die 28-Jährige der Star in Quentin Tarantinos neuestem Film, dem rasanten Movie "Death Proof ". Zoë Bell spielt darin sich selbst: die unerschrockenste Stuntfrau dieses Planeten.

Einen Großteil des Films verbringt Zoë Bell, die im Film so heißt wie im richtigen Leben, auf der Motorhaube eines rasenden weißen Dodge Challenger von 1970. Gejagt und immer wieder gerammt von Kurt Russell als übergeschnapptem Serienkiller in einem schwarzen Dodge Charger, auf dessen Motorhaube ein Totenkopf-Motiv prangt. Tarantino ist hier wieder ganz in seinem Element. "Death Proof " ist seine Hommage an Grindhouses, die verqualmten Seitenstraßenkinos in den USA der Siebziger, die zweite Heimat von Klein Quentin. Der Film ist brutal, gnadenlos und auf makabre Weise witzig - das kennt man von Tarantino. Doch zum ersten Mal hat der Regisseur eine Rolle, ach was: das ganze Drehbuch einer Frau auf den Leib geschrieben. Für diese Frau ist keine Alternativbesetzung möglich. Kurt Russell wäre zu ersetzen gewesen. Aber ohne Zoë Bell kein "Death Proof " - ganz einfach.

Innerhalb von Minuten war Zoë Bell "die Braut"

Kennengelernt haben sich Bell und Tarantino vor gut fünf Jahren. Damals bereitete er "Kill Bill" vor - und hatte ein Problem. Das Double für Uma Thurman musste versiert sein in Schwertfights und asiatischer Kampfkunst. Dazu Saltos schlagen können und Erfahrung in Wirework, Flug-Stunts am Drahtseil, mitbringen. Mit anderen Worten: Tarantino suchte jemanden, so angstfrei wie "die Braut" selbst, Uma Thurmans fiktive Filmfigur. Die Suche verlief ergebnislos. Doch dann kam Zoë zur Tür herein. Eine junge Stuntfrau aus Neuseeland, seit ein paar Tagen in Los Angeles auf Arbeitssuche. Daheim war sie seit ihrem 18. Lebensjahr das Double von Lucy Lawless gewesen, Darstellerin der Amazonenprinzessin Xena in der gleichnamigen TV-Serie. Als "Xena" mit Folge 134 ihr Schwert nach dem Willen der Produzenten für immer niederlegte, wurde Zoë Bell mit einem Mal arbeitslos. Dann hörte Zoë von der Vorstellungsrunde zu "Kill Bill". Was die haben wollten, konnte sie. Asiatischer Kampfsport? Sie hatte jahrelang Taekwondo trainiert! Schwertkampf und Drahtseil-Stunts? Waren Grundvoraussetzung für den Xena-Job! Flickflacks und Saltos? Da half ihre zehnjährige Erfahrung im Bodenturnen! Innerhalb von Minuten war Tarantino klar: Zoë Bell ist "die Braut".

In "Death Proof" wird Zoë "die Katze" genannt. Denn sie übersteht Stürze, bei denen jeder andere sich Knochenbrüche zuziehen würde. Auch ihre grünen, schräg stehenden Augen passen zum Spitznamen. Zoë Bell ist hübsch, keine Frage. Aber im Vergleich zu Stars wie Scarlett Johansson ist ihre Nase ein wenig zu lang, sind die Lippen ein wenig zu schmal. Auch sonst ist sie ein wenig anders, als man es von Hollywood-Schauspielerinnen kennt: Zoë rülpst, raucht und flucht wie ein Bauarbeiter. Und sie liebt ihr abendliches Bier am Strand von Venice, wo sie mittlerweile lebt: "Es gibt nichts Schöneres nach einem Tag, an dem man sich so richtig angestrengt hat."

Shorts rutschen gefährlich weit nach oben

Das tut sie im Moment auch wieder. Gerade übernimmt Ryan Watson, einer der harten Jungs von vorhin, Stuntman und Kampfszenen-Choreograf, den Part des Kommandogebers - und ihres Schwertkampfgegners. Zwischen den kurzen Fights zupft sich Zoë immer wieder die ultrakurzen Frotteeshorts zurecht. Die rutschen ab und an gefährlich weit nach oben. "Verrückt, oder? Im Job kommt es immer wieder vor, dass mir meine Dinger aus dem T-Shirt hüpfen, und dann lach ich nur … Aber die Hose muss sitzen!"

Die Zoë, die in "Death Proof ", die bei einer Gebrauchtwagen- Probefahrt unbedingt aufs Auto klettern möchte, um "Schiffsmast" zu spielen, kommt ziemlich nah an die echte Zoë ran. Hauptsache, Action! Als Kind präsentierte sie ihren Eltern stolz ihre blauen Flecke wie andere Kinder ein selbst gemaltes Bild - der Berufswunsch Stuntfrau war nur eine ganz natürliche Entwicklung. Heute macht sie um Schrammen kein Aufhebens. Bandage drauf, weitermachen. So was kommt nun mal vor, bei weiblichen Stuntleuten häufiger als bei den männlichen Kollegen. Schauspielerinnen sind laut Drehbuch meist leichter bekleidet - und zwangsläufig auch ihre Doubles. Auf nackter Haut lassen sich nun mal schlecht Schutzpads anbringen.

Gerissene Bänder am Handgelenk

Mehr Schutzpads hätten ihr damals, gegen Ende der "Kill Bill"-Dreharbeiten, auch nicht geholfen. Es war einer der Stunts, in denen sie rückwärts springen musste, als würde sie von einer Druckwelle zurückgeschleudert. Sie kam falsch auf. Ergebnis: gerissene Bänder am Handgelenk, ein paar gebrochene Rippen. Zoë musste mehrere Monate pausieren, und eine Operation ließ sich nicht vermeiden. Wegen so was aufzuhören käme ihr nicht in den Sinn: "Ich habe keine Ahnung, was mir sonst Spaß machen würde."

Es war auf einer Party, als Tarantino Zoë zwischen Häppchen und Sekt mitteilt, dass sie in seinem nächsten Film mitspielen solle. Als "richtige" Schauspielerin. "Ja, ja", meint Zoë damals und lacht. Dann vergisst sie die Sache. Doch eines Tages klingelt das Telefon. Tarantino ist dran, er habe nun das Skript fertig. Die beiden treffen sich. Bell sagt: "Dann zeig mir mal die Zeile, die ich sprechen soll." Tarantino schlägt das Buch irgendwo auf. Sie blättert. Als sie auf beinahe jeder Seite des Drehbuchs ihren Namen findet, wird ihr schummerig, und sie sagt: "Kumpel, das macht mir Angst."

Damit meinte sie natürlich die Schauspielerei, nicht das Herumturnen auf fahrenden Autos. Die Sorge war unbegründet. Zoë Bell wirkt in jeder Szene souverän, so als hätte sie ihr ganzes Leben nichts anderes gemacht, als die coolste Frau der Welt zu sein. Und irgendwie stimmt das ja auch.

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