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Zoë Kravitz: Papas Wilde

Von klein auf ist Zoë Kravitz den Umgang mit Entertainern gewohnt - völlig klar, dass sie auch Schauspielerin wurde. Im neuen "Mad Max"-Film zeigt sie, dass sie mehr ist als nur die Tochter von Lenny.

Von Christine Kruttschnitt

Zoë Kravitz trägt einen Nasenring mit winzigen Türkisen und um die 20 Tattoos am Körper

Zoë Kravitz trägt einen Nasenring mit winzigen Türkisen und um die 20 Tattoos am Körper

Das Porträt erschien zuerst im stern, Heft Nr. 20 vom 7. Mai 2015.

An ihrem linken Innenarm prangt ein Anker, und auf ihrer rechten Schulter flattern sechs Vögelchen, kaum größer als Moskitos. Auf ihren Fingern blühen Blümchen, arabische Schriftzeichen tanzen über ihren Rücken, und zwei Tauben flattern rechts und links von ihren Nackenwirbeln. Von Kopf bis Fuß ist Zoë Kravitz tätowiert, aber nicht wie ein Biker mit Feuer speienden Drachen, sondern nur mit mädchenhaften Schwarz-Weiß-Symbolen, die ihren zierlichen Körper in ein Poesiealbum verwandeln. Die Schauspielerin trägt ein ärmelloses Strickkleid von der Farbe eines Emmentalers und mit dessen Loch-Optik, und überall dort, wo ihre karamellfarbene Haut hervorlugt, hat der Tattoo-Künstler sich schon verewigt. "Ich hab etwa 20 Stück" , sagt die 26-Jährige stolz. "Ich finde Tätowierungen toll, den Anblick und auch die Schmerzen."

Es ist ein heißer Mai-Mittag in Hollywood, und Zoë Kravitz, Tochter des musikalischen Zampanos (und Gelegenheitsmimen) Lenny Kravitz und der Schauspielerin Lisa Bonet, sitzt im Hinterhof eines Filmstudios am Sunset Boulevard, umgeben von Gemüseplatten und Plakaten für ihren neuen Film. Heute wird "Mad Max: Fury Road" der Presse vorgestellt - vierter Teil der postapokalyptischen Kraftfahrer-Orgie aus dem australischen Hinterland, die vor 36 Jahren, mit Mel Gibson in der Titelrolle, erstmals über die Leinwände knatterte. George Miller, Schöpfer der Serie, die damals als Billigproduktion startete, schickt nun seine Helden mit einem 100-Millionen-Dollar-Budget erneut auf die Piste: Der Brite Tom Hardy trägt das stramme Lederjöppchen des "irren" Max und kämpft in der Einöde einer nicht zu fernen Zukunft gegen noch viel irrere Brummi-Banden. Bei uns startet das Spektakel am 14. Mai.

Kinotrailer: "Mad Max: Fury Road"

"Er ist ein Genie", wispert Zoë Kravitz und schenkt George Miller ein strahlendes Lächeln, als der im Vorübergehen ihren Arm tätschelt. Zoës Kollegen machen gerade Mittagspause. Die Hauptdarstellerin Charlize Theron, deren Wangenknochen auf den Filmplakaten prominenter hervorstechen als der gesamte Tom Hardy, nagt an einer Karotte. Die Supermodels Rosie Huntington-Whiteley und Abbey Lee staksen auf Gazellenbeinen um die Wasserstelle. Die beiden spielen, wie Zoe, die Ehefrauen eines Warlords, die zum Gebären seiner Brut abgestellt sind und von der Bleifuß-Amazone Charlize Theron befreit werden.

Zoë Kravitz vergoss Freudentränen

Die Stimmung ist gut, die Beteiligten scheinen fast erleichtert, dass es das Opus Magnum ihres Anführers endlich in die Kinos geschafft hat: Mal spielte das Wetter nicht mit, mal platzten Verträge. "Ich musste vor Freude jedenfalls fast heulen" , sagt Zoë Kravitz, "als im Kino die ersten Trailer liefen!"

Zoë Kravitz und ihr Vater Lenny bei einer Filmpremiere im November 2013

Zoë Kravitz und ihr Vater Lenny bei einer Filmpremiere im November 2013

Sie ist eine kleine Frau - nicht nur im Vergleich zu den Gazellen - und trägt den hübschen dunklen Kopf voller Minizöpfchen, die bis zur Hüfte wallen. Ihre Nase ziert ein goldenes Ringlein mit winzigen Türkisen. Zoe selbst hat auch schon Schmuck entworfen, in ihrem liberalen Elternhaus wurden jegliche Anflüge von Kreativität stets bestärkt. Wie es für Starlets aus Künstlerhaushalten typisch ist, hat sie zudem für einen Designer und eine Parfümmarke gemodelt. Und natürlich macht sie Musik: Als Enkelin eines Opernsängers und Tochter des Popstars Lenny inszenierte sie in ganz jungen Jahren Musical-Auftritte für die Familie im Wohnzimmer, schmetterte "The Sound of Music" und gab Luftgitarrensoli à la Jimi Hendrix. Ihren dritten Geburtstag feierte sie mit Elvis Presleys Enkelin, ihrer Freundin Riley Keough (die nun an ihrer Seite in "Mad Max" dito eine Nebenrolle spielt).

Von klein auf ist Zoë den Umgang mit Entertainern gewohnt - völlig klar, dass sie auch Schauspielerin wurde. Sie nahm Unterricht an einem New Yorker Konservatorium, brach aber nach einem Jahr ab, weil sie bereits mit Angeboten bestürmt wurde. Sie war 16, als sie für ihren ersten Film engagiert wurde, und hat seitdem in etwa 20 Spielfilmen mitgemacht. Das ist mehr, als ihre Eltern zusammengenommen gedreht haben. Zoë ist kein Star, noch nicht. Wenn sie in Klatschspalten auftaucht, weil sie mal mit einem berühmten Boyfriend wie Michael Fassbender gesehen wird, oder wenn sie in Amerikas Late-Night-Shows zu Gast ist, dann immer als Lennys hübsche Tochter, und die erste, mit Sicherheit aber die zweite Frage gilt dem schillernden Daddy. "Er ist irre stolz, wenn ich gelobt werde", sagt Zoe. Und fügt dann lachend hinzu: "Und wehe, man erwähnt ihn nicht!"

Musik als Therapie

Vor 25 Jahren hat Lenny ein Liebes- und Schlaflied für sein Baby geschrieben, "Flowers for Zoë". Alles, was wichtig ist, so hat Zoë später gelernt, findet eine Melodie. Sie schreibt selbst Songs, und anders als die Schauspielerei, die sie für den besten Beruf der Welt hält, aber eben trotzdem: eine Erwerbstätigkeit, ist Musik ihre Leidenschaft. Mehr noch: "Musik ist Therapie für mich", sagt sie.

Mit ihrer Mutter, Schauspielerin Lisa Bonet, besuchte Zoë Kravitz im Februar die Oscar-Party von "Vanity Fair"

Mit ihrer Mutter, Schauspielerin Lisa Bonet, besuchte Zoë Kravitz im Februar die Oscar-Party von "Vanity Fair"

Von ihrem 13. Lebensjahr an litt sie unter Essstörungen. Sie fand sich hässlich, war unsicher, glaubte durch die Folter ihres Körpers ihr Leben im Griff zu haben. Auf der High School sei es besonders schlimm gewesen, sagt sie. Da wurde der berühmte Name, der doch so manche Tür geöffnet hat, zum Verhängnis: "Du glaubst wohl, du bist was Besonderes" , höhnten ihre Mitschüler.

Heute fühlt sie sich wohler in ihrer Haut. Mit Freunden aus Brooklyn hat sie die Band Lolawolf gegründet, benannt nach ihren beiden jüngeren Halbgeschwistern aus Lisa Bonets zweiter Ehe. Sie singt von Sex und innerem Tumult, doch ihre Probleme klingen alle tanz- und lösbar. Mit ihrer Combo trat Zoë schon im Vorprogramm von Miley Cyrus auf; es läuft alles gut für Lennys Girl.

Doch warum die Freude am Schmerz? "Er bringt Seele und Körper zusammen", sagt Zoë. "Manchmal brauchen wir das." Außerdem erwachse aus dieser Pein so viel Schönes. Sie hat sich Lennys ersten Hit, ihren Leitspruch, auf die Schulter tätowieren lassen. "Let Love Rule". Auf Arabisch, so ist das gerade schick. Muttersprachler nörgeln, die Grammatik stimme nicht. Aber Zoë Kravitz ist stolz und Lenny noch stolzer, und was schert die Liebe Grammatik.

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