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Annemarie Lindner: Frau im Tiegel

Eigene Hautprobleme brachten Annemarie Lindner einst auf die Naturkosmetik - und zur Gründung von Börlind. Noch heute steckt in jeder Creme dieser Marke die grüne Grundidee.

Von Viola Keeve

"Wollen wir offen fahren?", fragt Annemarie Lindner, lächelt und steigt in ihr Cabrio. Die alte Dame im geblümten Kleid, mit Brille, Perlenkette, weißer Handtasche und Pumps, fährt gern Auto - und das ziemlich schnell. Chauffieren lässt sich die Gründerin des Naturkosmetikkonzerns Börlind aus Calw, der mit "Tautropfen", "Anne Lind" und "Annemarie Börlind" im Jahr 32 Millionen Euro umsetzt, auch mit 87 nicht. Aus der Firma hat sich die Pionierin der deutschen Ökokosmetik zwar schon 1985 zurückgezogen und die Geschäfte ihrem Sohn Michael übergeben. Aber sie reist gern, mindestens einmal im Jahr nach Tokio, um Mitarbeiter zu schulen, oder nach Paris. Dort bekam sie im Juni den "Prix beauté santé" - und vor zwei Jahren in New York sogar den „Natural Legacy Award“ für ihr Lebenswerk. "Lucky Lindner", wie eine US-Zeitung sie nannte, ist das wichtigste Model ihres Unternehmens. Mit fast 90 eine Haut wie eine 50-Jährige zu haben gelingt wenigen. "Kneifen Sie mal", sagt sie und hält die rosarunde, fast faltenfreie Wange hin. "Straff, oder?

Feuchtigkeit ist ganz wichtig und Disziplin, immer morgens und abends cremen, egal, womit, und sich nachts sauber abschminken, keine Katzenwäsche! Natürlich leidet auch sie unter ein paar Wehwehchen, "aber wer in meinem Alter nichts hat, ist schon lange tot", sagt die alte Dame und tritt auf dem kurvigen Waldweg unbekümmert aufs Gas. Schwäbische Idylle, blühende Wiesen, Fachwerkhäuser und Schinkenräucherstuben fliegen vorbei, Ziel ist das Hotel Bad Teinach. Zum Vier-Sterne-Haus gehört der "Börlind"-Spa-Bereich "Relax & Beauty". Damit hier kein Kurgast gestört wird, darf abends ab zehn kein Motorrad mehr durch den Ort knattern und keine Glocke läuten, selbst die Brunnen werden abgestellt. In Calw-Altburg bei Pforzheim ticken die Uhren anders. Das hat auch der neue Produktionsleiter Robert Reseneder festgestellt, der vom amerikanischen Kosmetikriesen Avon kam: "Die Konzentration der Inhaltsstoffe ist hier um ein Zehnfaches höher als sonst."

"Ich bin Kosmetikerin aus Verzweiflung geworden"

Und sie stammen aus aller Welt: Teebaumöl aus Australien, Passionsfruchtsamen aus Kolumbien, Fackellilienblüten aus Südfrankreich - und Rosenöl aus dem Iran. Auf 2.500 Meter Höhe wächst dort, an der Provinz Kerman, der Wirkstoff, den "Tautropfen" bezieht. "Als ich dezent auf die instabile Lage im Iran hingewiesen habe und darauf, dass es günstigeres Öl aus Bulgarien gibt, hieß es: Das riecht aber anders", sagt er. "Bei Avon hätten wir solche Naseneinwände belächelt."Lindner und ihre 190 Angestellte jedenfalls fahren gut damit: Allein "Tautropfen", 2003 dazugekauft, hat den Umsatz seither verdreizehnfacht. Dabei arbeiten nur elf Forscher in Calw-Altburg. "In großen Konzernen sind es oft 6.000", sagt Michael Lindner. Sparsam und zielstrebig zu sein, hat er von der Mutter gelernt: "Wir haben klein angefangen", sagt sie, "aber mit meiner ehrlichen Beratung habe ich meine Kundinnen gewonnen." Heute ist Annemarie Lindner Teil eines grünen Trends: Öko und Luxus gehen gut zusammen. Im Mailänder Modeviertel Corso Como, im "Börlind City Spa", lassen sich Katie Holmes und Armanis Nichte verwöhnen.

Eine Tannentapete erinnert daran, dass "Börlind" aus dem Schwarzwald kommt. Der Erfolg der Marke liegt aber auch darin begründet, dass Lindner weiß, wovon sie spricht. "Ich bin Kosmetikerin aus Verzweiflung geworden. Ich hatte furchtbare Haut, verschleppte Akne." Während einer Kur behandelte eine Kosmetikerin ihre Akne mit Kräutern. "Da wurde ich hellhörig“, sagt sie In Dresden ließ sich die damals 27-Jährige zur Kosmetikerin ausbilden, arbeitete mit Gottesauge, wildem Stiefmütterchen, Tausendschön, rührte eigene Kräutercremes und Gesichtswasser an. 1958 floh sie mit ihrer Familie nach Braunschweig, dann nach Calw. Dort sah der Pharmahersteller Hermann Börner in ihrer Naturkosmetik eine Marktlücke. Aus Lindner und Börner wurde "Börlind", die Marke mit dem rosa Lindenblatt. Im vergangenen März saß Annemarie Lindner als Ehrengast bei den "Duftstars", der Verleihung der Parfüm-Oscars in Berlin. Strahlend genoss sie das Galadiner und lächelte zu später Stunde: "Ich bleibe noch etwas, ich kann eh nicht schlafen."

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