Ausstellung "Kampf der Dinge" Guter Rasierer, böser Wackeldackel


In der Berliner Ausstellung "Kampf der Dinge" konkurriert Kitschiges mit Edlem aus Ost und West, geniales Gerät mit Design-Desastern: Zu sehen sind Wackeldackel, Affen-Aschenbecher und Männertorso-Salzstreuer.
Von Viola Keeve

Auf jedem Flohmarkt würde sie irgendwann ein Liebhaber erstehen, die grüne Holzkuh mit rotem Euter, auf der steht: "Ich bin Muh-Muh, die grüne Hoffnungskuh, es soll in deinem Leben auch wieder Butter geben". So kitschig, billig und abgegriffen wirkt das, dass die Holzkuh schon wieder rar und begehrenswert erscheint, zum Beispiel als ironisches Zitat, als Kult-Stück auf einer silbergrau polierten Bulthaup-Küchenzeile.

Dort steht sie aber nicht, sondern in Berlins "Museum der Dinge", das nach fünf Jahren Schließung in einem Loft in Kreuzberg jetzt wieder eröffnet wurde. Bis Ende des Jahres zeigt das kleine, feine Design-Museum zum hundertjährigen Bestehen des Deutschen Werkbunds seine neue Ausstellung "Kampf der Dinge", in der Kitschiges mit Edlem aus Ost und West konkurriert - ein hoch spannender Streifzug durch die deutsche Warengeschichte des 20. Jahrhunderts.

Tausende von Kisten haben die Mitarbeiter des Museums aus dem Lager geholt, und den Inhalt liebevoll in Vitrinen drapiert, darunter viele ungewöhnliche Produkte wie Gasmaskenfilter, die zu Schöpfkellen umgebaut wurden, einen hellblauen Stahlhelm, der als Nachttopf genutzt wurde, oder Schaumstoffbusen aus den Fünfzigern. Es gibt nur wenige Texttafeln. Die Dinge sprechen für sich, Nippes wie die bunte Holz-Kuh oder rarer Retro-Chic wie die gewaltige, futuristische Musiktruhe "Kuba Komet", eine Art Segelschiff mit acht Lautsprechern aus dem Jahr 1957.

Jede Epoche hat ihre Geschmacksverirrungen

"Wir werten hier nicht, wir bringen die Dinge nur in einen Dialog", sagt Kuratorin Imke Volkers. "Natürlich ist solch eine Holzkuh nicht das. was der Werkbund unter moralischer Erziehung zum Guten, Schönen und Wahren verstand, aber jeder wünscht sich doch auch anheimelnde Gemütlichkeit." Geniale Gerätschaften stehen hier Design-Desastern gegenüber. Der Besucher, sagt Volkers, solle selbst urteilen: "Muss Design immer karg und funktional sein?"

Gerade von den Puristen, den Klassikern der Moderne, dem Thonet-Kaffeehausstuhl, dem Freischwinger von Marcel Breuer, dem Wasserkessel von Peter Behrens oder dem Wagenfeld-Design heben sich hier die Dinge ab, die nie sachlich sein wollten: zum Beispiel die Sünden der Achtziger. Da gibt es Gläser mit nackten Frauenbrüsten, weiße Männertorsi als Salzstreuer, Rollerskates in Schwarz-Pink-Gelb-Grün, das "Carphone RC 928", ein silbernes Auto als Telefon, Zauberwürfel und Neon-Federmappen. Jede Epoche hat ihre Geschmacksverirrungen, ihr gutes und böses Design.

Ein Eldorado für Ostalgiker

Qualität ist das Anständige", sagte Theodor Heuss, von 1918 bis 1933 Geschäftsführer des Deutschen Werkbundes. Zum "guten Design" zählten für den Werkbund Weck-Einmachgläser, Kaffee-Hag-Kannen oder Pelikan-Tintenfässer, Braun-Rasierapparate, Bahlsen-Kekspackungen, aber auch schwarze Wählscheibentelefone, Adler-Schreibmaschinen oder der schlichte AEG-Ventilator aus Messing von 1930. "Hier gibt es viele Dinge, die ich gern mitnehmen würde", flüstert eine Studentin ihrem Freund zu, "der silberne Fön hier, der Haartrockner Gnom, oder das Braun-Radio Tischsuper RT 20, eine geile Kiste."

Andere Besucher fühlen sich wie in ihre DDR-Kindheit versetzt: "Daran kann ich mich noch erinnern, an das Plattenbau-Spiel von Plaspi, genau, der kleine Großblock-Baumeister hieß das." Vieles in den Vitrinen wirkt wie dem Leander-Haußmann-Film "Sonnenallee" entsprungen. Die Sammlung ist ein Eldorado für Ostalgiker: Pittiplatsch-Ente, Puck, der blaue Kofferempfänger der DDR, Mitropa-Geschirr, bunte Plastik-Hühner als Eierhalter, Heim-Kaltwelle, "Fluortine - die Zahncreme für junge Leute", das Kölnisch Wasser "Raumfrisch", Mondes-Kondome oder das Gummiband "Elasta, zum Auslassen von Büstenhaltern und Hüftgürteln", heute Trash im besten Sinne. Ganze Szenemeilen wie die Oderberger Straße oder die Kastanienallee im Prenzlauer Berg leben von der Sehnsucht der Spätgeborenen, der Zuzügler aus dem Westen oder dem Ausland, die heute die Erfindungsgabe und die Produktnot des DDR-Sozialismus irgendwie rührend finden.

Unverständlich scheint ihnen fast, dass der Kampf gegen den Kitsch des deutschen Werkbunds schon ein Jahrhundert dauert. 1907 schlossen sich in München Künstler, Politiker und Industrielle zusammen, um mit sachlich reformiertem Produktdesign das Leben in der Moderne "vom Sofakissen bis zum Städtebau" ästhetisch zu "veredeln". Für sie hieß es vor allem weg von der Prunksucht des späten Jugendstils, der "Ornamenthölle", wie sie der österreichische Architekt Adolf Loos 1903 nannte, von all den Schäfermalerei-Tellern der Gründerzeit und den Schnörkelvasen, mit denen sich ärmere Leute gern schmückten.

Gegen diese "Hausgräuel" kämpfte vor allem einer vehement: 1912 erschien das Lehrbuch des Stuttgarter Kunsthistorikers Gustav E. Pazaurek "Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe". Es richtetet sich gegen "wunderliche Materialien" wie Baumwurzeln oder Chrysanthemensträuße aus abgeschnittenen Fingernägeln, "Dekor-Brutalitäten" wie Biedermeier-Bäumchen, Affen-Aschenbecher oder Mundharmonika in Fischform und gegen "Konstruktions-Pimpeleien" wie Sitzmöbel aus Geweihen oder Tiere als Nadelbehälter. Und noch im selben Jahr erschien der erste Warenkatalog mit dem "gediegenem Gerät fürs Haus".

1924 nannte der Werkbund seine erste Ausstellung nach dem Krieg "Die Form ohne Ornament". Alles sollte eine "sauber konstruierte, materialgerechte und anmutige Schönheit" ausstrahlen. Doch dann wurde die neue Sachlichkeit, die Bauhaus-Schule des Werkbunds, abgelöst vom Partei-Kitsch der Nationalsozialisten. Eine Vitrine zeigt ein Hitler-Ruhekissen, "weiße Edelseife", ein Hakenkreuz-Feuerzeug, das deutsche Pflaster "Germaniaplast" und Autos auf Holzschienen, die zu "Unser Deutschland - das zeitgenössische Geographiespiel mit den Reichsautobahnen" gehören. Der kritische Werkbund, der sich anfangs entrüstet zur "Geistigkeit der Form" bekannte, wurde 1934 in die Reichskulturkammer integriert und 1938 schließlich aufgelöst.

Was ist Kunst, und was ist Kitsch?

"Nach dem Krieg hatten deutsche Produkte einen unglaublich schlechten Ruf", sagt Kuratorin Volkers. Das änderte sich auch durch die Werkbund-Firmen Bosch, Braun und AEG. Plötzlich zählte Sparsamkeit und Ehrlichkeit, "eine Schönheit der Armut" der Dinge, die in der Wirtschaftswunderzeit der Fünfziger schnell wieder umschlug in bunte, verspielte Formen, mit der man den wieder erlangten Wohlstand zeigen wollte. Manche Dinge dieser Fünfziger sind Grenzgänger, machen es dem Betrachter schwer, zu entscheiden: Was ist Kunst, und was ist Kitsch? Die "Schwangere Louise" zum Beispiel, ein mintgrüner, bauchiger Orchideenkrug, den Fritz Heidenreich 1950 für die Rosenthal AG entworfen hat.

Eindeutig fürchterlich sind viele Halter für Brezeln, Servietten und Zigaretten, gern bedruckt mit geometrischen Formen in Rosa, Gelb und Schwarz oder lustige, bunte Metallbecher für kleine Schnäpse. Zum neu erwachten Stolz der Fünfziger gehörte auch das Reisen in die Ferne, das Sammeln von Souvenirs schlimmster Sorte. Zwischen Nierentischen und Tütenlampen hielten goldene Venedig-Gondeln, Eiffeltürme, bemalte Porzellanteller aus Teneriffa und peinliche Glashalter Einzug: Eine schlanke Schwarze im Bastrock schiebt einen Wagen aus gebogenem Metall, in den das Glas für den abendlichen Absacker passt - Bommi mit Pflaume oder Weinbrand-Cola, ein Gipfel der Geschmacklosigkeit.

Mit unserm Kitsch, dem Wackeldackel, dem Räuchermännchen oder dem Gartenzwerg, sind wir übrigens in bester Gesellschaft: Aus China kommen winkende Katzen, aus Israel Gottesmütter, die im Dunkeln leuchten, aus Russland Putin-Becher und Matroschka-Puppen mit Politiker-Köpfen. Kitsch, sagen seine Kritiker, sei vor allem "kalkulierte Gefühlsverlogenheit", habe etwas Naives, Kindliches, ja "dümmlich Tröstendes", lebe von einer vorgegaukelten "heilen Welt".

Kitsch gefällt international

Und jede Nation scheint dafür offen. Las Vegas baut Eiffeltürme und Pyramiden nach. Briten lieben ihr Londoner Restaurant Sarastro, das optisch durch alle Stil-Epochen fegt, mit getigerten Tischdecken, römischen Büsten, afrikanischen Masken, persischen Teppichen, goldenen Lämpchen und roten Geranien. Und Italiener schätzen ihren knuddeligen Fiat Cinque Cento, auch "Topolino" genannt, das "Mäuschen", ein Auto für die Wärme, die Hitze, die Liebe.

In seinem Buch "Kitsch! Oder warum dieser schlechte Geschmack der eigentlich gute ist", schreibt der Wiener Philosophieprofessor Konrad Paul Liessmann: "Der Kitsch nämlich erlaubt es per se, weil er als Kitsch immer schon identifizierbar ist, - sich jene Genüsse zu erfüllen, die sich die ihrer selbst bewusste Moderne versagen musste: Gegenständlichkeit, Opulenz, saubere Erotik, glatte, schöne Körper, Helden, Heilige und die sublimen Freuden des kleinen Glücks".

Wer die Fabriketagen des "Museums der Dinge" verlässt und auf die Oranienstrasse tritt, stößt bei einem türkischen Händler nur wenige Meter weiter sofort auf all das, was den Werkbund-Vertretern einen kalten Schauer über den Rücken gejagt hätte, sieht rosarote, übergroße Rosenblüten-Teetassen, Plastik-Weinranken, bunte Wasserpfeifen und Heiligenbilder mit Goldrand. Es wird sie einfach immer geben, die schrecklich schönen schaurigen Dinge.


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