Dolce & Gabbana "Bella Italia ist vorbei"


Nach 20 Jahren gemeinsamer Arbeit blicken die Modeschöpfer Dolce & Gabbana zurück auf wilde Zeiten, eine große Liebe - und schwarze Höschen.

Wer im Löwenkäfig lebt, muss selbst zum Löwen werden" - Herr Dolce, Herr Gabbana, so haben Sie zu Beginn Ihrer Karrieren über das Modebusiness geredet. Sind Sie zu Löwen geworden?

Stefano Gabbana: Domenico ist Löwe, vom Sternzeichen her jedenfalls. Zum echten fehlt ihm eigentlich nur die Perücke.

Sie sind bekannt geworden als die "ragazzi", die Mailänder Modejungs. Wie erwachsen fühlen Sie sich mit 42 und 47 Jahren?

Domenico Dolce:

Für manche sind wir leider "die Herren Modeschöpfer" geworden. Auf der Straße siezt man mich immer häufiger. Sogar unsere jungen Assistenten tun das ab und zu.

Gabbana:

Mamma mia, das kann hässlich sein. Ich weiß nie, ob das Siezen ein Ausdruck des Respekts ist oder gewollte Distanz.

Dolce:

Stimmt, wenn mir jemand unsympathisch ist, greife ich sofort zum Sie.

Gabbana:

Hauptsache, unsere Mode altert nicht vor unseren Augen. Das wäre echt hart. Was tun Sie gegen den körperlichen Verfall?

Dolce:

Stefano treibt jede Art von Sport. Seit ich vor zwei Jahren Kreislaufprobleme bekam, gehe ich ins Fitnessstudio und mache morgens Aerobic.

Gabbana:

Nach dem Aufstehen wirft er seine Jane-Fonda-Cassette ein und fängt zu turnen an.

Dolce: Du immer mit deinen Witzen!

Ihre Liebesbeziehung ist seit zwei Jahren beendet. Wären Sie kein berühmtes Designer-Duo - hätten Sie sich schon früher getrennt?

Dolce: Dazu hatten wir keinen Grund. Wir haben 19 Jahre zusammengelebt, Tag und Nacht und in den Ferien, wie siamesische Zwillinge. Es ist uns nicht gelungen, das Privatleben von der Arbeit zu trennen, weil wir einander so nah waren.

Wie arbeitet es sich gemeinsam, wenn man sich eigentlich trennen will?

Gabbana:

Das war anderthalb Jahre sehr schwierig. Zuerst wollte ich sogar abhauen. Natürlich blieb ich - es wäre dumm von uns gewesen, die Jahre gemeinsamen Lebens aus dem Fenster zu werfen. Um unsere Arbeit kümmern wir uns wie um ein gemeinsames Kind.

Leben Sie denn noch immer unter einem Dach in Mailand?

Dolce: Einer wohnt im sechsten, der andere im fünften Stock. Tagsüber arbeiten wir zusammen, am Abend sehen wir uns jedoch selten, jeder führt sein eigenes Leben. Aber die Ferien verbringen wir manchmal gemeinsam. Für mich ist der wichtigste Mensch in meinem Leben immer noch Stefano.
Gabbana: Unser größter Erfolg ist sicherlich, dass wir immer noch hier sitzen. Nach 20 Jahren.

Ist das Geschäft in dieser Zeit denn härter geworden?

Gabbana:

Es war damals schon nicht einfach, auch wir begannen in den Jahren der Krise. Nach einem kleinen Anfangserfolg 1986 sind wir bei Investoren hausieren gegangen, doch die sagten nur: Lasst es besser bleiben, Jungs!

Dolce:

Schulden hatten wir auch. Also, Entschuldigung, dass ich das sage: Wer in der Modebranche scheitert, der tut es, weil er alles in allem nicht gut genug ist.

Herr Dolce, Sie haben sich in dieser Zeit bei Giorgio Armani beworben.

Dolce:

Ich bin einfach bei ihm reinmarschiert und wusste nicht einmal, ob ich den hellen Teppich im Empfangsbereich betreten durfte. Meine Zeichnungen haben es aber nie auf den Schreibtisch von Armani geschafft.

War eigentlich von Anfang an klar, dass Sie Ihr Label Dolce & Gabbana nennen würden?

Dolce:

Nein, unsere ersten Rechnungen schrieben wir noch getrennt, selbst wenn sie an denselben Auftraggeber gingen. Bis uns jemand riet: Macht es euch doch einfach, schreibt beide Namen obendrauf. So ist Dolce & Gabbana entstanden.

Wie oft zeigen Modekonzerne wie die Prada-Gruppe oder LVMH Interesse an Ihrem Unternehmen?

Gabbana:

Das hat sich beruhigt. Heute sind meist wir es, denen ein Label zum Kauf angeboten wird. Wir sind alle auf dem Markt und alle käuflich. Es geht nur um Macht, Macht und noch mal Macht. Und natürlich ums Geld.

Dolce:

Es gibt zu viele Modelabels. Seit wir anfingen, ist die Mode zum großen Anziehungspunkt für junge Leute geworden. Alle finden die Modewelt so fabelhaft schick. Aber kaum jemand versteht, wie hart gearbeitet werden muss. Wo bleibt der weibliche Designnachwuchs?

Gabbana:

Die einzige Modemacherin, die es wert ist, sich an sie zu erinnern, ist doch Coco Chanel. Frauen entwerfen nur Kleider für sich und ihre Welt, ihre Fantasien beschränken sich auf sich selbst.

Seit Ihrer Debütkollektion von 1986 haben Sie sich von starken Frauen inspirieren lassen. Das ist vorbei. Können Sie sich nicht mehr auf einen Frauentypus einigen?

Dolce: Doch, wenn es sie denn gäbe. Aber eine Anna Magnani, Sophia Loren oder eine Madonna, die uns begeistert haben, gibt es nicht mehr. Hollywoodstars sind heute keine Ikonen mehr.
Gabbana: Es interessiert mich nicht, was die so anziehen. Mir fällt niemand ein, dem ich meine Entwürfe widmen möchte. Ganz normale Leute von der Straße sind heute unsere Protagonisten.

Einige Kritiker vermissen die Pracht mediterraner Üppigkeit in Ihren aktuellen Kollektionen. Sind Dolce & Gabbana zu amerikanisch geworden, zu kommerziell?

Dolce:

Wir würden Amerika als Inspirationsquelle niemals in Erwägung ziehen. Setzen Sie sich mal fünf Minuten vor einen amerikanischen Fernseher: Das Programm ist so trostlos, dass man sich nach kurzer Zeit erschießen möchte.

Gabbana:

Wir haben uns lediglich dagegen entschieden, zu provinziell, zu folkloristisch zu sein. Wir können nicht mehr den Touristentraum der Siebziger bedienen, dieses "Bella Italia con spaghetti und Mandolinen". Übrigens stöhnten am Ende der letzten Schau ein paar Journalisten: Oh, schon wieder schwarze Höschen und Bustiers. Ja, antwortete ich, das sind wir, und das bleiben wir!

Dolce:

Wir können gar nicht ohne die klassische italienische Schönheit.

Gabbana:

Leider kommt nichts Neues nach.

Immerhin ein neuer Papst. Was halten Sie von Benedikt XVI.?

Dolce:

Auch wenn viele Joseph Ratzinger als konservativ kritisieren - ich bin zufrieden mit seiner Wahl. Nach Wojtyla, einem beinahe alternativen Papst, braucht es einen, der die Dinge ein bisschen an den rechten Ort rückt.

Dass Ratzinger Homosexualität als "böse" geißelt, stört Sie nicht?

Dolce: Wir sind immer schnell dabei, dem Staat und der Kirche vorzuwerfen, dass sie die Homosexualität nicht als normal akzeptieren. Dabei gibt es Schwule, die schimpfen auf die Kirche und organisieren die "Gay Pride"-Parade, aber sie trauen sich nicht, ihrer eigenen Familie zu erzählen, dass sie schwul sind.
Gabbana: Vergiss bitte nicht, dass wir einen Beruf haben, der es uns einfach macht, zu zeigen, wie wir sind. Aber es gibt auch heute noch genug Leute, bei denen das nicht so ist.
Dolce: Das ist doch eine Frage der Ehrlichkeit sich selbst gegenüber!
Gabbana: Wenn die Kirche uns akzeptierte, gäbe es auch keine "Gay Pride"-Umzüge mehr. Dann gäbe es auch keinen Grund mehr, sich derart aufzubrezeln. Ich laufe doch auch nicht mit einer Perücke herum - nicht mal an Sonntagen.

Wenn Sie zurückblicken auf die vergangenen 20 Jahre: Haben Sie gravierende Fehler gemacht?

Dolce:

Wir haben viele Fehler gemacht, doch keiner von ihnen endete tragisch. Unsere Irrtümer haben uns immer weitergebracht, denn letztlich hören wir auf Ratschläge. Auch wenn wir erst einmal schwer beleidigt sind.

Gabbana:

Man soll die Welt auch mit den Augen der anderen sehen. Wer nur auf sich selbst hört, der kommt in Schwierigkeiten.

Dirk van Versendaal print

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