VG-Wort Pixel

Interview Kilian Kerner "Die Deutschen trauen sich zu wenig"


Eigentlich wollte Kilian Kerner Schauspieler werden. Gott sei Dank hat er es sich anders überlegt. Seit fünf Jahren arbeitet der gebürtige Kölner als Modemacher in Berlin. stern.de bat ihn im Rahmen der Fashion Week zum Gespräch.
Von Julia Mäurer, Berlin

Herr Kerner, zum vierten Mal in Folge findet in Berlin die Mercedes Benz Fashion Week statt. Nach ihrem Debüt im Sommer 2008 sind Sie nun wieder mit einer eigenen Show vertreten. Welchen Stellenwert hat Berlin als Modestadt?

Die Fashion Week ist eine schöne Gelegenheit, Presse und Einkäufer auf deutsche Mode aufmerksam zu machen. Denn das generelle Problem in Deutschland ist ja, dass sich die Leute selten trauen, etwas Neues auszuprobieren. Da ist man etwas scheu. Berlin steckt in den Kinderschuhen und dafür ist es sehr beachtlich was hier passiert.

Wo haben Sie Ihre Mode präsentiert als es die Berliner Fashion Week noch nicht gab?

Wir haben schon Shows in Berlin gemacht. Natürlich nicht in diesem Umfang wie jetzt bei der Mercedes Benz Fashion Week. Aber ich war auch in New York, Paris, London und Florenz mit meiner Mode bei Messen vertreten.

Ihre aktuelle Kollektion trägt den Titel "Gute Nacht, du Wunderschöne(r)". Was verbirgt sich dahinter?

Es geht um Schicksalsschläge, die jemandem widerfahren sind. Darum. Diese anzunehmen, zu verarbeiten und sich dann aufzurappeln und weiterzumachen.

Sie feiern in diesem Jahr das fünfjährige Jubiläum Ihres Labels...

Oh Gott, tatsächlich! Im September werden es fünf Jahre. Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Nächstes Jahr um diese Zeit habe ich meine zehnte Kollektion fällt mir da gerade mal auf. Wahnsinn!

Wenn Sie so zurückblicken, was hat sich in den vergangenen fünf Jahren in der deutschen Modebranche getan?

In Berlin hat sich Einiges getan, seit die Fashion Week im Sommer 2007 zum ersten Mal stattfand. Vor allem die Organisatoren von IMG und Sponsoren wie Mercedes Benz unterstützten uns Designer enorm.

Wie sieht diese Unterstützung aus?

Die ganze Logistik, die Location - das würde ich als Designer allein gar nicht bezahlen können. Da greifen uns die Organisatoren der IMG und Sponsoren schon enorm unter die Arme. Ansonsten sieht es mit Nachwuchsförderung in Berlin nach wie vor schlecht aus. Von der Stadt habe ich als Designer noch keine Unterstützung erfahren.

Können Sie von Ihrer Mode leben?

Mal mehr, mal weniger. Bis vor einigen Monaten habe ich mit einem Investor zusammengearbeitet, der meine Arbeit finanziell unterstützt hat. Das war hilfreich. Allerdings gab es dann Differenzen über die Ausrichtung meines Labels. Die Zusammenarbeit hat nicht mehr funktioniert und wir haben uns getrennt. Nun führe ich das Label allein.

Haben Sie viel Kontakt zu Nachwuchsdesignern?

Zu keinem, der sein Label gerade frisch gegründet hat. Die Leute, die ich kenne und mit denen ich mich austausche, sind meist in der gleichen Situation wie ich, also seit mehreren Jahren dabei. Zuletzt habe ich mit den Designern des britischen Labels Komodo zusammengearbeitet. Das war eine große Freude und die Zusammenarbeit wird wohl fortgesetzt werden.

Haben es junge Designer momentan, in Zeiten der Wirtschaftskrise, besonders schwer Fuß zu fassen?

Zurzeit ist es für niemanden einfach. Das gilt für Nachwuchsdesigner ebenso wie für etablierte Labels. Eine Modemarke zu unterhalten kostet unwahrscheinlich viel Geld, das sehen die meisten Leute nicht.

Spüren Sie bereits Auswirkungen der Krise?

Noch nicht konkret. In den USA, wo ich mit meiner Mode auch vertreten bin, ist die Kaufkraft etwas zurückgegangen. Aber wirklich Einbußen haben wir noch nicht zu verzeichnen. Spannend wird es erst, wenn die Einkäufer in wenigen Wochen mit ihren Bestellungen beginnen. Dann wird man sehen, ob sie im Vergleich zum vergangenen Jahr geringer ausfallen.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie?

Ich beschäftige eine Festangestellte. Dazu kommen vier Freiberufler, die mich unterstützen, und immer wieder auch Praktikanten.

Sie leben und arbeiten in Berlin. Lassen Sie dort auch Ihre Mode produzieren?

Nein, wir produzieren im Ausland. Würde ich alles in Berlin herstellen lassen, wären die Sachen noch viel teurer. Nur die Muster nähen wir zum Teil selbst.

Wo werden Ihre Sachen denn produziert?

In Polen.

Wer kauft Ihre Mode?

Ich verkaufe viel in den USA, in Japan, in Frankreich und in Deutschland. Den konkreten Kilian-Kerner-Kunden gibt es nicht. Vom 16-jährigen Mädchen bis zur älteren Dame ist alles dabei. Zu meinen bekanntesten Kundinnen zählen die Schauspielerinnen Jeanette Biedermann und Nora Tschirner.

Fördert es Ihren Verkauf, wenn ein Prominenter in Ihren Kleidern fotografiert wird?

Mir hat noch keiner den Laden eingerannt, nur weil Jeanette Biedermann meine Mode trägt. Trotzdem ist es hilfreich, wenn eine bekannte Schauspielerin in meinen Sachen abgelichtet wird. So bleibt man im Gespräch und das wiederum fördert den Verkauf.

Was planen Sie als nächstes, nach der Fashion Week?

Ziel ist natürlich, das Label immer bekannter zu machen und weiterzuentwickeln. Ich möchte gern wieder nach New York. Dort habe ich meine Mode vor gut zwei Jahren sehr erfolgreich verkauft. Die Leute sind schier ausgeflippt, obwohl mich als Designer niemand kannte. Wenn der Dollar wieder besser steht, dann heißt mein nächstes Ziel definitiv New York. Und wer weiß, vielleicht schaffe ich es mit einer Kollektion sogar mal zur New Yorker Fashion Week. Das wäre mein Traum.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker