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Maries Modelcheck: "Curvy Supermodel": Umstyling zwischen Alkohol und Gleitgel

Juror Jan Kralitschka motzt seine Mädchen an und es folgen Tränen der Verzweiflung. Allerdings nicht aufgrund des bösen Bachelors, sondern weil die Kandidatinnen Haare lassen müssen. Es steht das Umstyling an. Endlich!

Von Marie von den Benken

Die "Curvy Supermodel"-Kandidatinnen Alina, Pamiche, Larissa, Sabrina (v.l.n.r.)

Die "Curvy Supermodel"-Kandidatinnen Alina, Pamiche, Larissa, Sabrina (v.l.n.r.)

Vielleicht erinnern Sie sich. Vergangene Woche hatte ich die Frage gestellt, warum RTL2 "Curvy " wochenlang exzessiv mit "etwas Großes kommt auf uns zu!" bewerben darf, als würden die Zuschauer gleich von einer wilden Elefanten-Horde aus dem Fernseher überrannt werden, ohne dass der sonst so locker sitzende Netzfeministinnen-Shitstorm-Detektor ausschlägt. Mittlerweile, viele hundert Tweets und eine gesundheitsgefährdende Anzahl von Schlägen mit der flachen Hand auf die eigene Stirn später, kenne ich den Grund. Die Damen, die dafür gesorgt haben, dass so etwas elementar wichtiges wie Feminismus leider inzwischen oft als "Männerhass" diskreditiert wird, waren nämlich mit Größerem beschäftigt: Breitbeinig in der S-Bahn sitzende Männer. Ja, Sie lesen richtig. Die kleine Filter-Bubble im Netz, in der sich jede Protagonistin für die neue Simone de Beauvoir hält, haben fleißig Bilder von fremden Männern gepostet und kommentiert, die breitbeinig in öffentlichen Verkehrsmitteln sitzen. Klimawandel, aufkommender Rechtspopulismus, Altersarmut – klar, ist blöd, aber diese unverschämten, breitbeinig sitzenden Männer in den S-Bahnen, das geht dann wirklich zu weit.

Rosa Luxemburg dreht sich im Grab um

Inzwischen kategorisieren die verirrten Kämpferinnen für Frauenrechte die Gesellschaft schon mal vorsorglich in "Menschen" und "Männer". Menschen sitzen normal, Männer breitbeinig. Bei der Lektüre solcher Beiträge nehmen Schläge mit der flachen Hand auf die eigene Stirn schnell mal die Frequenz einer handelsüblichen Maschinenpistole an. Und Schläge auf den Kopf sind gefährlich. Vergleichbar wäre etwa ein Kopfball beim Fußball. Angeblich gehen dabei jedes Mal 1000 Gehirnzellen kaputt. Klingt im ersten Moment beängstigend. Wenn man dann aber bedenkt, dass das "Kopfballungeheuer" Horst Hrubesch in seiner Karriere mehr Kopfbälle hinter sich gebracht hat, als es Nacktbilder von Deutschlands berühmtester Feministin, Micaela Schäfer gibt, relativiert sich das. Immerhin konnte Hrubesch der Welt nach wie vor Satz-Perlen wie "Wir müssen das alles noch mal Paroli laufen lassen" schenken.

Die oft als Femtrolle verunglimpften Netzfeministinnen dagegen schenken der Welt lediglich die Aussage, alle wären Müll. Glauben Sie nicht? Dann googeln sie doch mal "#MenAreTrash". Populär gemacht hat dieses Hashtag die Social Media Managerin Sibel Schick. Den Original-Tweet werden Sie aber möglicherweise nicht finden. Sie hat nämlich im Rahmen der für Feministinnen so wichtigen Meinungsfreiheit so ziemlich jeden geblockt, der Kritik übt oder ihre Ansicht nicht teilt.

Mein Körper, mein Feind

"Curvy Supermodel" bleibt also diese Staffel weitestgehend Feministinnen-Shitstormfrei. Unbehelligt steht für die 17 Kandidatinnen der Endrunde in Woche vier also ein Model-Casting-Show All-Time-Favorite auf dem Programm: Das Umstyling. Außerdem, verrät Jana Ina Zarrella, "steht etwas Großes an". Ihre Ohrringe vermutlich, denn die könnte ein durchschnittlicher Profi-Wrestler locker als Hula-Hoop-Reifen benutzen. Vorher quetscht Curvy-Therapeutin Angelina Kirsch aber aus den Kandidatinnen noch ein paar besonders prägende Erinnerungen heraus. Im RTL2-Stuhlkreis offenbaren die Curvy-Kandidatinnen völlig überraschende Geheimnisse, wie etwa in ihrer Jugend für ihren Körper gehänselt worden zu sein. Gemeinsam mit Curvy-Philosophin Angelia werden dann Slogans entwickelt, die sie vor der Kamera aufsagen. Ein Beispiel? "Früher war mein Körper mein größter Feind, heute ist er mein bester Freund." Das ist natürlich tolles Futter für den Facebook-Status der geschätzten 234 Zuschauer dieser Folge.

Feministin Jan Kralitschka

Als erste Challenge wird in mehreren Gruppen ein Werbevideo in (wer hätte das ahnen können?) Unterwäsche gedreht. Die Gruppe von Juror Jan Kralitschka zettelt dabei eine Diskussion mit dem Fotografen an. Das passt dem Ex-Bachelor gar nicht. Mit der Weisheit seiner 15-jährigen Erfahrung im Model-Business attestiert er: "Mitdenken ist super, aber nicht alles gleich hinterfragen." Wohl Feministin, der Jan. In seiner Gruppe erklärt Juror Oliver Tienken dagegen seinen Kandidatinnen noch mal schnell, wie Model-Formate im TV funktionieren: "Wer sich nicht steigert, für den kann es vorbei sein." In Anbetracht der Tatsache, dass aus den 17 Aspirantinnen am Ende nur eine "Curvy Supermodel" werden kann (dieses einzigartige Konzept hat man sich von GNTM abgeschaut), trifft das die Mädchen natürlich unvorbereitet. Aber auch Oliver Tienken hat es ja nicht leicht. Sieht aus wie Ex-Juror Peyman Amin und klingt wie Rapper Casper. Immer, wenn er redet, habe ich Angst, gleich springt Marteria ins Bild und sie rappen gemeinsam "Wer sich nicht steigert, für den kann es vorbei sein". Wie ein Champion!

Dauerwerbecasting

Das bleibt aber nicht der einzige Experten-Tipp. liest versehentlich die letzte WhatsApp an ihren Mann Giovanni Zarrella vor: "Du kannst nicht ihren Po streicheln!" Da ist die Ex-Miss-Intercontinental eiskalt. Aber mal was anderes: Seit wann haben Hotelketten eigentlich eigene Model-Wettbewerbe? Nach dem Dreh holen sich die Gruppen einzeln ihr Urteil bei der Jury ab. Jan Krawallitschek pöbelt seine Mädchen noch mal ordentlich an, dann schmeißt das RTL2-Curvy-Kompetenzteam Natalia und Viktoria raus. Zum emotionalen Ausgleich gibt es dann Werbung. Da geht es erst um Alkohol, dann um Gleitgel und schließlich um Windeln. Quasi die Entstehungskette menschlichen Lebens.

Anschließend, endlich: das Umstyling. Dafür braucht es, verrät Jana Ina, "echte Experten". Anders als beispielsweise für die Jury. Oliver Casper Tienken-Amin legt noch einen drauf: "Heute haben wir Hammer-Veränderungen vor!" Klassisches Clickbait. Am Ende wird kein einziger Hammer umgestylt, sondern ausschließlich Curvy-Kandidatinnen. Und ein Bachelor.

Drama, Drama, Drama

Zur Auflockerung lässt sich nämlich Jan Kralitschka höchstselbst auf ein Umstyling ein. Er bekommt eine Perücke und sieht danach aus wie eine Mischung aus Iris Berben und Conchita Wurst. "Total hässlich!" entfährt es Jana Ina. Und dann auch noch die Haare! Bei der ersten echten Kandidatin Jessica funktioniert das Umstylig besser. Sie bekommt eine Linda Evangelista Kurzhaar-Frisur und rötliche Haare verordnet – und profitiert. Ein ohne Zweifel gelungenes Make-Over. Dennoch folgen viele Tränen der Verzweiflung. Und da spreche ich nicht von der RTL2-Chefetage in Anbetracht der "Curvy Supermodel"-Quoten.

Kandidatin Andy will nämlich kein Risiko eingehen und hört schluchzend "auf ihr Bauchgefühl". Sie steigt aus, kurz bevor ihre langen blonden Haare in kurz und brünett verwandelt werden. Plötzlich will sie doch nicht mehr "Curvy Supermodel" werden, sondern Tänzerin bleiben. Ob Oliver Tienken kurz darüber nachgedacht hat, sich solidarisch zu zeigen und auch nicht mehr Juror werden zu wollen, sondern Rapper zu bleiben, ist nicht überliefert.

Womit können wir euch Locken?

Das Hauptstilmittel bei den meisten der folgenden Umstylings sind Lockenwickler. Da hat das Stylisten-Team aber vermutlich nicht richtig zugehört. Immerhin sind wir bei "Curvy Supermodel" und nicht bei "Curly Supermodel". Ein paar Tränen und Zickereien weiter, sehen am Ende alle irgendwie anders aus. Aber – das muss man wirklich sagen – besser als vorher. Um nicht nur für das Foto, sondern auch für den Catwalk fit zu werden, geht es danach gnadenlos mit Laufsteg-Training weiter. Das übernimmt Drill-Instructor Oliver, den Angelina als "unseren Professor Catwalk" bezeichnet. Laufen ist jetzt also ein Hochschulstudienfach. Wo Oliver Tienken im Real Life Catwalking unterrichtet, bleibt unklar. Ich tippe ja auf die Bruce Darnell Gesamtschule Hamburg-Steilshoop.

Tienkens Ziel: Er möchte den Mädchen die elementaren Dinge beibringen. Beispielsweise: "Wie energetisch muss ich meine Beine schmeißen?" Ich freue mich schon darauf, wenn die Drop Outs dieser Folge in der kommenden Woche zur Strafe die ganzen geschmissenen Beine wieder einsammeln müssen.

Bella Ciao Sabrina, bella ciao Pamiche

Der Final Walk, der entscheiden wird, wer diese Woche bleiben darf, steht unter dem Motto "Move your Curves". Am wenigsten gemoved haben offensichtlich die Curves von Sabrina und Pamiche. Für sie ist die Reise bereits vorbei. Sie können nicht mehr "Curvy Supermodel" werden. Die Gewinnerin landet übrigens am Ende auf dem Cover der "Joy". Echt. Schön Kurvig. Passend dazu lautet eine aktuelle Titelstory der "Joy": "Healthy Summer Food – Was uns schlank macht". Aber auch da bleiben sie stumm, die Netzfeministinnen. Mal sehen, was kommende Woche passiert.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie

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