HOME

Michelle Obamas Stil: "Dress, she can"

Wenn Michelle Obama morgens in ihren Kleiderschrank greift, dann wählt sie nicht nur ein Outfit, sie dreht mit ihrer Wahl jedes Mal am Glücksrad der Modeindustrie. Über Nacht schreiben unbekannte Designer Geschichte.

Von Viola Keeve und Stefanie Luxat

Sobald das erste, tägliche Bild ihres Outfits erscheint, wird es weltweit nicht nur in Modegazetten kommentiert, sondern auch auf unzähligen Blogs wie www.mrs-o.org. Einige Kritiker versuchen Michelle Obamas Kleiderwahl wie ein Orakel zu deuten: In dem "Flammenkleid" von Narciso Rodriguez, das sie in der Wahlnacht trug, sahen sie ein Symbol für den neu aufflammenden Krieg in Afghanistan, die globale Erwärmung oder die Ermordung des schwarzen Bürgerrechtlers Malcom X.

Selten war ein Hype um das Äußere eines Präsidenten und seiner Familie in Amerika so groß wie bei den Obamas. Vergleichen lässt es sich höchstens mit dem Trubel um Jackie Kennedys Stil in den 60er Jahren. Was nicht heißt, dass Michelle Obama die neue Jackie Kennedy ist, wie viele behaupten. Sie ist kein Accessoire ihres Mannes, sondern eine Harvard-Absolventin mit Humor, Pragmatik und Zielstrebigkeit. Michelle Obama kann auch nicht wie Jackie Kennedy in den 60er Jahren den neuen Wohlstand repräsentieren, sie muss sich in Schale werfen gegen die Rezession. Und wird dabei in den Spagat gezwungen: Sie muss Bescheidenheit leben, aber auch beim Geld ausgeben Vorbild sein.

Jackie Kennedy trug vorwiegend französische Haute Couture, entwarf selbst mit, setzte Trends. Michelle Obama übersetzt die "Change"-Rufe ihres Mannes in die Mode. Sie trägt eine Mischung aus bekannten und unbekannten Designern, weitab von den alt eingesessenen, amerikanischen Schneidern wie Calvin Klein und Ralph Lauren. Michelle Obama interessieren eher Modemacher, deren Biografien sich oft ähnlich lesen wie die ihres Mannes, Sohn eines Einwanderers aus Kenia: Die 47-jährige Designerin Isabel Toledo, Einwanderin aus Kuba, entwarf das sonnige Etuikleid, das Michelle Obama zur Parade für die Amtseinführung trug. Mehrere Wochen hatte ihr 13-köpfiges Team für die Fertigstellung gebraucht und sogar den Weihnachtsurlaub opfern müssen. Isabel Toledo, die bis dahin kaum bekannt war in der Modebranche, wusste angeblich bis zum Zeitpunkt der Vereidigung nicht, ob Obama ihr Kleid tragen würde.

So erging es auch dem 26-jährigen Designer Jason Wu, Einwanderer aus Taiwan, der die einschultrige Chiffon-Robe, übersät mit Organza-Blüten und Swarowski-Kristallen entwarf. Bezahlt wurde Wu für seine Abendrobe nicht, er wusste, sollte sein Kleid zum Einsatz kommen, würde es anschließend dem Smithonian Institut gespendet, wo die Inauguration-Kleider traditionell hängen.

Bereits vor fünf Jahren kaufte Michelle Obama zum ersten Mal bei der Chicagoer Designerin Maria Pinto, Tochter eines italienischen Einwanderers, ein. Heute, sagt die 51-Jährige, sei sie mit Michelle Obama sogar befreundet. Maria Pinto entwarf unter anderem das violette Kleid, das Michelle Obama zur Kandidatenkür ihres Mannes trug. Zu den Stammdesignern der First Lady zählt inzwischen Narciso Rodriguez, Sohn kubanischer Einwanderer. Der 48-Jährige gehörte auch schon zur ersten Liga der amerikanischen Designer, bevor Michelle Obama zu seiner Kundin wurde. Ein Kleid, das Rodriguez 1996 für seine beste Freundin entwarf, machte ihn über Nacht berühmt: die liliengleiche Robe, in der Carolyn Bessette mit John F. Kennedy jr. vor den Altar trat.

Doch nicht alle freuen sich über den Multi-Kulti-Modemacher-Trend der 45-jährigen First Lady. Dass sie für ihren großen Auftritt Toledo und Wu wählte, fand die "Black Artist Association", der Verband für afro-amerikanische Designer, nicht lustig. Es sei ja schön, hieß es, dass Michelle Obama auf "Kumbaya" und "We Are The World" setzen wolle, aber man könne überhaupt nicht nachvollziehen, warum sie keinen afro-amerikanischen Designer wie Kevan Hall oder B Michael gewählt habe. Bitte wen? Diese Designer dürften selbst Michelle Obama zu unbekannt oder nicht wegweisend genug gewesen sein.

Michelle Obama hat ihre Stil-Hausaufgaben bereits vor und während des Wahlkampfes erledigt. Offiziell hat Michelle Obama natürlich keine Stylistin. Auffällig ist nur, dass ihre Outfits vor allem aus einer Boutique kommen. Der von Ikram Goldman. Sie wird von Insidern als die heimliche Modewaffe von Michelle Obama bezeichnet. Der 41-jährigen gebürtigen Israelin gehört die Boutique "Ikram" in der North Rush Street, der nobelsten Einkaufsmeile in Chicago. Sie war es, die das Abendkleid für Michelle Obama bei Jason Wu in Auftrag gab. Auch das 1500 Dollar teure Seidenkleid in Zitronengras von Isabel Toledo für die Präsidenten-Parade lieferte die Boutique von Ikram Goldman, genau wie die grünen Pumps vom New Yorker Luxusschuster Jimmy Choo, die Vintage-Brosche und die Diamantohrringe für 17.000 Dollar, die Michelle Obama in der Wahlnacht trug.

Die Etuikleider, Tweed-Kostüme, breiten Gürtel, die Michelle Obama trägt, müssen alle Schichten Amerikas erreichen. Deshalb kauft die erste Demokratin nicht nur in Chicagos exklusiver North Rush Street, sondern auch günstig im Internet. Zum Beispiel bei der Modekette J.Crew, womit sie signalisieren kann: "Ich bin wie ihr!" J. Crew gilt als Marke für die breite amerikanische Masse. 2008 kriselte sie: Die Gewinne fielen in den ersten drei Quartalen um sechs Prozent. Als jetzt bekannt wurde, dass die Mäntel von Sasha und Malia Obama, die weiße Satin-Fliege zum Smoking von Barack Obama und die grünen Handschuhe, die Michelle zum gelben Toledo-Kleid trug, von J.Crew stammten, brach deren Internetseite zusammen. Die Aktie legte um fast elf Prozent zu.

Michelle Obama ist die erste Präsidentengattin, die offen zugibt, auch günstig einzukaufen: "Einige meiner Lieblings-Sommerkleider sind von H&M und Gap." Doch man müsste töricht sein, wenn man glaubte, Frau Obama ginge ihre Kleiderwahl unkalkuliert an. Sie hat die Botschaft der Mode schon im Wahlkampf virtuos beherrscht: Als sie plötzlich als Baracks "bittere Hälfte" galt, nachdem sie erwähnte, sie sei zum ersten Mal wirklich stolz auf ihr Land, wenn ihr Mann Präsident werde und seine Nominierung mit einem Faustschlag feierte, galt sie als zu laut, zu selbstbewusst. Ihr Image musste dringend weiblicher werden, volksnäher, also ging sie in eine Art Kaffeekränzchen-Show für Frauen namens "The View" und trug ein schwarzweiß geblümtes Cocktailkleid der Designerin Donna Ricco aus der Boutique White House/Black Market für 148 Dollar. Ihre Rechnung ging auf: Das Kleid war innerhalb von Tagen ausverkauft.

Eigentlich will Michelle Obama keine Modeikone sein, sagt sie. Zumindest will sie nicht auf ihr Äußeres reduziert werden. Auch wenn sie sich sichtlich über die "Dress, she can"-Rufe der Nation freut. Und anscheinend auch kein Nein über die Lippen brachte, als die US-Vogue sie für ein Titel-Shooting anfragte. Demnächst wird Michelle Obama vom Cover der US-Vogue lächeln. Die Frage bleibt: Was wird sie anziehen?