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New York Fashion Week: Doktor Schiwago auf dem Laufsteg

Die amerikanischen Designer setzen in New York auf Nostalgie. Mit Anleihen beim modischen Glanz der zwanziger Jahre laden sie zum Träumen ein.

Nostalgie ist ein guter Stoff in unsicheren Zeiten. Und so ließen sich die amerikanischen Top-Designer, die auf der New Yorker Modewoche noch bis Freitag die Trends für die kommende Herbst- und Wintersaison präsentieren, von der Vergangenheit inspirieren. Sozusagen um auf Nummer sicher zu gehen. Staatsdefizite kaschieren sich bestens, indem die glorreiche New Yorker Boomzeit der 20er und 30er Jahre á la F. Scott Fitzgerald heraufbeschworen wird. Donna Karan beispielsweise lud ihre Gäste in die Lounge des Algonquin Hotels ein, ein legendärer Treffpunkt für Literaten. Dort hatte sie Mannequins in grauen Flanell-Kleidern mit grünem Tüll zur Begrüßung drapiert, andere räkelten sich auf Sofas und Couchtischen in weichen Samtjacken und silbernen Tops, dekoriert mit Pailletten im Art-Deco-Stil.

Auch Max Azria hatte sich für sein Label BCBG von dem britischen Literaten-Zirkel Bloomsbury-Gruppe des Londons des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts inspirieren lasen. Er schlug vor, Westen und Jacken über Mieder anzuziehen, kombinierte bestickte Mäntel mit Hemdkleidern und steckte schmal geschnittene Hosen in Stiefel aus Veloursleder. Die Französin Catherine Malandrino, die in New York lebt, hatte für ihre Kollektion die literarische Boheme im Kopf, wo bei einem Glas Absinth über das Leben philosophiert wird. Dafür lieferte sie lange Jacken aus kuscheliger Angorawolle, Tops mit Rüschen und Baumwollkleider mit Lochstickerei.

Spiegel der Zarenzeit

Der aktuelle Krieg und drohende Terroranschläge lassen sich dagegen am besten mit Reminiszenzen an die Zarenzeit und die russische Revolution vergessen, wie es die Kollektionen von Diane von Furstenberg, Cynthia Steffe und Oscar de la Renta zeigten. Schwere Brokatstoffe, die direkt von den Vorhängen am Hof von St. Petersburg entwendet sein könnten, verarbeitete Diane von Furstenberg zu schmalen Hosenanzügen. Breite goldene Gürtel an halblangen Mänteln mit schwingenden Rockschößen von Cynthia Steffe erinnerten an feurige Kosaken. Und direkt aus "Doktor Schiwago" entstiegen schien ein tiefgrüner Mantel mit einer doppelten Reihe Goldknöpfen und Pelzbesatz am Saum von Mode-Zar Oscar de la Renta, der auch First Lady Laura Bush einkleidet.

Wirklich revolutionär, im modischen Sinne, kamen dagegen die Entwürfe von Marc Jacobs daher. Er zeigte am Montagabend nach eineinhalb Stunden Wartezeit in der voll besetzten New York Armory eine wahrhaft voluminöse Kollektion: Aufgebauschte Mäntel und Kleider mit hoch angesetzten Taillen und Röcken, die bis weit über das Knie reichten. Dass diese Silhouette für fast jede Frau unvorteilhaft daherkommt, ließ sich sogar an den überschlanken Models erkennen, die beinahe in der Stofffülle versanken. Tragbarer waren die Krepp-Kleider und auf Hüfte geschnittenen Pullover mit großen Blockstreifen. Pop-Sängerin Beyoncé mit ihrem Freund, dem sichtlich gelangweilten Hip-Hop-Musiker Jay-Z, saß in der ersten Reihe. Auch Hollywood-Schauspielerin Uma Thurman stellte sich dem Blitzlicht-Gewitter der Fotografen.

Mut zu übermütigen Designs gab es wenig. Akzente setzen da auffallenderweise internationale Designer wie das australische Duo Sass & Bide, die interessante Variationen für den Poncho boten und schokobraune Stoffe mit gelben Akzenten in Szene setzen. Auch die brasilianische Ausnahmeerscheinung Alexandre Herchcovitch, der auf Rokoko-Art munter verschiedene Lagen und Stoffmuster aufeinander häufte, bot eine erfrischende Pause von all der amerikanischen Nostalgie. Die New Yorker Modewoche geht am Freitag mit der Debüt-Kollektion von Jennifer Lopez zu Ende.

Carla S. Reissman/DPA / DPA