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Size Zero vs. Plus Size: Die Kurvendiskussion: Was sieht besser aus?

Links Größe 34. Rechts Größe 44. Schlank soll besser aussehen als kurvig? Diese Fotos beweisen: Beides ist toll.

Von Dirk van Versendaal

Macht Schluss mit dem falschen Körperkult! Feiert eure vermeintlichen Makel!" Es war Lady Gagas Aufruf zur "Body Revolution", der im Herbst 2012 allein auf Twitter und Facebook rund 80 Millionen Follower erreichte. "Ihr arbeitet mit einem fetten Mädchen zusammen. Findet euch damit ab!" Zur gleichen Zeit redete Christina Aguilera Klartext mit ihren Plattenbossen. Die hatten die Sängerin jahrelang gezwungen zu hungern, bis sie "so dünn war wie ein Zahnstocher". Und ihre Kollegin Jennifer Lopez erklärte der Welt: "Ich könnte meine Kehrseite als Serviertablett für Kaffee verwenden, aber ich bin trotzdem stolz auf sie." Ja, deutliche Ansagen gegen den Schlankheitswahn hatte es in letzter Zeit reichlich gegeben. Und auch die Modebranche hatte es kapiert, dachte man. Endlich.

C & A schaltet im Internet Werbebanner mit kurvigen Frauen, Closed und S. Oliver führten Große-Größen- Kollektionen ein, sogar Luxusmarken wie Stella McCartney oder Roberto Cavalli, deren Größenspiegel bis dahin bei Größe 42 endete. Die Ausgaben der "Vogue" überraschten mit "Plus-size-Models" in verführerischen Posen, die italienische Ausgabe präsentierte gar auf ihrem Titel, wie das Frauenbild in Zukunft aussehen möge: rund und füllig

Oft ist bei Größe 42 Schluss

Es war auch der Wunsch des stern, per Größenduell zu zeigen, dass eine Größe 44 genauso gut, schön und sexy ist wie eine Größe 34. Die Beschaffung der Kleider für das Model Naomi Shimada, Konfektionsgröße 44, erwies sich allerdings als mühsam. Etwa zwei Drittel der angesprochenen Modelabels nämlich lassen ihre Kollektionen noch immer nur bis zur Größe 42 herstellen - und schließen viele Frauen von der modischen Entwicklung aus.

Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist das grob fahrlässig: Etwa ein Drittel der knapp 28 Millionen Frauen zwischen 14 und 70 Jahren in Deutschland trägt Kleidergröße 44 und größer, unter jungen Frauen steigt ihr Anteil stark, sämtliche Reihenmessungen belegen dies - ebenso wie die Zunahme des Brustumfangs: Der Busen hat seit 1994 im Schnitt um 2,3 Zentimeter zugelegt, der Big- Cup-Anteil am Miederwarenumsatz liegt heute bei 27 Prozent.

Vor allem beim Onlinekauf sagen Experten dem Große-Größen- Segment riesige Chancen vorher. Die Kundinnen informieren sich zunehmend über Modeblogs, kommunizieren über soziale Netzwerke, kaufen per Homeshopping, das gerade bei jenen Frauen an Bedeutung gewinnt, die Anproben im Geschäft als unangenehm bis peinlich empfinden. Warum bestückt die Modeindustrie ihre Kampagnen und Defilees dann trotzdem mit jungen Frauen, die aussehen wie im Lungensanatorium aufgesammelt?

Weil an der Spitze vieler Modehäuser Männer stehen, "die mit dem weiblichen Körper nicht so viel anfangen können", wie es das österreichische Topmodel Iris Strubegger vornehm umschreibt? Weil es schnitttechnisch angeblich so wahnsinnig kompliziert ist, aus einer 40 eine 44 zu entwickeln? Weil irgendjemand mal verkündete, Kleider ließen sich besser an großen und schlanken Frauen präsentieren, amen? Alles keine schlüssigen Antworten, am ehesten trifft noch die Vermutung des Philosophen Peter Sloterdijk zu: "Von allen Tyranneien ist der Ästhetizismus die strengste und die am schwersten zu bekämpfende." Auch das stern-Model Naomi Shimada hat einen zähen Kampf mit sich und ihrer Branche gefochten.

Die heute 25-Jährige begann früh vor der Kamera zu arbeiten, hatte aber mit 16 schon genug - als sie davon zu träumen begann, "in einer Müslischüssel mit einem Milchbrunnen zu schwimmen". Anders als manche Kollegin war sie "nicht verzweifelt genug, sich ausschließlich von Apfelscheiben zu ernähren" und gab das Modeln auf. 2010 stieg sie mit der Kleidergröße 44 wieder ein, ist seither ausgebucht und zählt zu jenen Models, die für das Ende des Diktats von der "Size zero"-Schönheit stehen könnten.

Modefirmen täuschen die Kunden

Ein "Plus-size-Model" genannt zu werden mag sie nicht. "Hoffentlich heißen wir bald alle einfach nur Models." Ja, die Welt der Konfektionsgrößen ist eine der Notlügen und Umetikettierungen. Gängiges Lockmittel von Modefirmen ist das Auszeichnen der Kleidung mit eigentlich zu kleinen Konfektionsmaßen - wer kauft nicht lieber eine 40, wenn er eigentlich 42 trägt.

Hat sich die Mode, die sich selbst gern als demokratisch sieht, zu weit von den echten Kundinnen entfernt? Sogar Franca Sozzani, als Chefredakteurin der "Vogue"-Italia nicht gerade auf das üppige Körperbild eingeschworen, fordert von der Mode, "realer, authentischer" zu sein. "Auf den Laufstegen sehen wir schöne Gesichter, wir sehen Jugend, aber wir sehen keine Frauen." Keine Frage, auch eine schlanke Kate Moss sieht klasse aus - sie ist aber auch nicht mehr so dünn wie Mitte der Neunziger, als sie die Blaupause lieferte für den "Heroin-Chic".

Aber Adele sieht nicht minder schön aus, oder Christina Hendricks, die in der TV-Serie "Mad Men" nicht nur imposante Kurven vorzeigt, sondern auch ein fettes Selbstvertrauen: "Ich finde mich gut so." Sie alle sind Trägerinnen der befreienden Botschaft: Schwestern, ihr braucht keinen Hunger zu leiden, um sexy zu sein - entspannt euch! Im Kampf gegen absurde Körperideale bedarf es offenbar vieler kleiner Schritte. Ein wichtiger wäre, die Kleidung den wirklichen Größen anzupassen. Und sanfter Druck muss dabei nicht schaden. Der US-Designer Michael Kors etwa rät Frauen dazu, beim Einkauf abzustimmen über das Frauenbild in der Werbung. "Wenn ein Designer eine krank aussehende 14-Jährige für seine Kampagne nimmt, dann hat die Kundin die Wahl." Einfach nicht kaufen - so leicht könnte es sein.

Dieser Artikel erschien am 21. März 2013 im stern

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