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Reportage: Wonderful, beautiful, great!

Es ist ein Abenteuer, sich als Jeans tragender Normalbürger auf New Yorks berühmte fashion week zu wagen. stern-Reporter Michael Streck, bekennender Mode-Geisterfahrer, stürzte sich ins Getümmel - und überlebte

Es ist ein Abenteuer, sich als Jeans tragender Normalbürger auf New Yorks berühmte fashion week zu wagen. stern-Reporter Michael Streck, bekennender Mode-Geisterfahrer, stürzte sich ins Getümmel - und überlebte

Der erste Eindruck ist immer entscheidend. Und der erste Eindruck ist: Die Mädels können einem leidtun. Models haben erstens Lachverbot und müssen zweitens so merkwürdig verkrampft und versetzt über den Laufsteg marschieren, dass sie über kurz oder lang ein Fall für den Orthopäden werden. Ganz klar, Hüftschaden mindestens. Catwalk? Katzen würden nicht mehr Whiskas kaufen, sondern Whiskey saufen, wenn die wüssten, dass der Eiergang nach ihnen benannt wird. Arme Katzen. Und arme Models. Die hatte man sich anders vorgestellt. Zweimal im Jahr ist Fashion Week in New York City. Zu diesem Anlass wird im Bryant Park hinter der prächtigen Bücherei ein Zelt aufgebaut, das deutschen Schützenfest- oder Oktoberfest-Konstruktionen fatal ähnelt. Darin versammelt sich sieben Tage lang alles, was in der Branche Rang und Namen hat. Und auch alles, was keinen Rang und Namen hat, aber wenigstens so tut. Models, Designer, Zuschauer, Medienschaffende, die ausschauen wie Models oder Designer. Parfümgeruch hängt in der Zeltluft, die Bussi-Bussi-Frequenz nimmt Münchner Ausmaße an. Die Bierzelt-Gemeinde wartet auf Einlass in die beiden Säle "Josephine" und "Gertrude" und in diesem Fall auf "As Four" in "Josephine". Man hatte sich für die Schau von "As Four" entschieden, weil über die vier Kreativen aus Deutschland, Israel, Tadschikistan und dem Libanon zu lesen stand, dass sie einen Hund namens Powder besitzen und den gelegentlich anpinseln. Nur so aus Jux, aber "As Four" waren einem schon aus diesem Grund sympathisch, und irgendwo muss man ja anfangen.

Weshalb man an einem Samstag früh aufstand und sogar die Liveübertragung von Borussia Dortmund gegen Werder Bremen aus dem fernen Deutschland sausen ließ. Erste Lektion: Fußballspiele beginnen immer pünktlich, Modeschauen nie, nie, nie. Mit 35 Minuten Verspätung machen sich die Mädels auf den Weg. Der Trend, stand in den einschlägigen Gazetten, gehe zu immer jüngeren Models. Es stand nichts darüber, dass der Trend offenbar zu brustlosen Dürren und Hüftschäden geht. Das einzige Wesen, das normal über den Steg tapert, ist zum Abschluss Powder, der Hund.

Hinter der Bühne werden die vier Kreativen unterdessen gefeiert. "Wonderful!", "beautiful!", "great!", quietschen andere Kreative. Kai, als Deutscher durch Lederhose kenntlich, kommen die Tränen vor Rührung. Zweite Lektion: Man sagt selbst dann "wonderful", "beautiful" und "great", wenn man nix kapiert hat und die Klamotten eigentlich scheußlich fand. Modemenschen sind immer nett zueinander. Das ist ein must.

Als Mode-Geisterfahrer lernt man sowieso unentwegt dazu in dieser einen Woche. Zum Beispiel über, dritte Lektion: den Tüten-Wettkampf. Fast jeder Designer verteilt nämlich Geschenke ans Publikum. Pröbchen, Pinsel, Parfüm, Pfefferminz, Plastiksandalen, Sushi-Gutscheine und welche für Hundemassagen. Alles für die New Yorker Frau von heute. Und für den Mann von gestern: Wodka. Auch gut. Nach ein paar Tagen gewöhnt man sich einigermaßen an Tüten-Wettkampf und Eiergang der Dürren und gequietschtes "wonderful" und gerät langsam in den Fashion-Week-Rhythmus. Wichtig ist, vierte Lektion: früh Schlange stehen, selbst wenn's immer später losgeht. Sonst bleiben nur die billigen Plätze, falls überhaupt. Warum man sich sehr, sehr zeitig aufmacht zu Calvin Klein, der dem Bryant-Park-Bierzelt entflohen ist und seine Schöpfungen in einem lichten Fotostudio im Meatpacking District präsentiert. Um genau zu sein: Calvin Klein hat sein Imperium vor einiger Zeit veräußert, und die Szene wartet nun erregt auf das Debüt eines Brasilianers namens Francisco Costa. Calvin Klein ist auch da und muss nicht in der Schlange stehen.

Auf ihn und seine Show hat man sich besonders und aufrichtig gefreut, weil Mister Klein in letzter Zeit zu, vorsichtig ausgedrückt, erratischen Anwandlungen neigt. Ende März stürmte er aufs Spielfeld der New York Knicks im Madision Square Garden, stoppte vor dem verdutzten Basketballstar Latrell Sprewell, als der gerade zu einem Wurf ansetzte, und verwickelte den Spieler in ein kurzes Gespräch. Hernach wurde der gute Calvin von Sicherheitsleuten abgeführt und nuckelte auf seinem Sitzplatz wieder brav an einem Kaltgetränk. Diese putzige Episode will einem nicht aus dem Sinn, während man so vor sich hin steht und stiert und nach einer guten Stunde endlich mit vielen anderen und einem Cowboy mit Fuchshut auf dem Schädel in einen Aufzug gepfercht wird, der in den achten Stock gleitet. Wo die Türen aufgehen und man sich sofort heimisch fühlt, weil: Es sieht fast genauso aus wie einst auf der geliebten Südtribüne im Dortmunder Westfalenstadion. Hunderte von Menschen stehen, die wichtigen sitzen, auch Calvin Klein. Sonne fällt auf die Gegentribüne, man sieht so gut wie nichts. Ausverkauft. Es fehlt nur das Transistorradio mit der Konferenzschaltung. Der größte Unterschied zum Volkssport ist, dass es kein Bier gibt und dass eine Show auch nicht 90 Minuten dauert, glücklicherweise. Sondern maximal 20, glücklicherweise. Unglücklicherweise hat sich Calvin Klein im Griff und entert diesmal nicht das Spielfeld, was den Unterhaltungswert der Veranstaltung dramatisch reduziert. Tags drauf berichtet auch die Expertin der "Daily News", dass die Show eher fade war. Sie meinte damit allerdings die Textilien.

Überhaupt, die Expertinnen. Sehr viele Fachfrauen sind anwesend im Bierzelt, und man kann als Modenschau-Novize irre viel von denen lernen. Vor allem über Hack- und Rangordnungen. Ganz, ganz wichtig: erste Reihe! Wer nicht direkt am Runway sitzt, hat was falsch gemacht, wird nicht so gut gesehen, ergo seltener fotografiert und rutscht in der Wichtigkeitstabelle sofort auf die Abstiegsplätze. Bereits Wochen vor den großen Schauen, erzählen die Damen vom Fach, werde hektisch telefoniert, wenn die Einladungen in den Redaktionen eintreffen und darauf, sagen wir, nur "Reihe 2" steht, vulgo: Arschkarte. Drama, Panik, Entsetzen dann. Insbesondere, weil die Chefin vom Konkurrenzmagazin womöglich besser sitzt. Ähnlich ist das beim Fußball auch, nur geht man vor großen Fußballspielen nicht zwangsläufig zum Friseur und ins Nagelstudio und trägt Sonnenbrille auch nur, wenn die Sonne wirklich scheint. Die Sonnenbrille, fünfte Lektion, ist gewissermaßen der Flachmann der Modeszene. Noch so ein must.

Neben den vielen Damen und wenigen Herren vom Fach sitzen in der ersten Reihe, gern auf Höhe des Mittelkreises, die Prominenten und Semiprominenten. In diesem Herbst augenscheinlich mehr Semiprominente. Donald Trump ist da, weil er immer da ist. Liza Minnelli selbstverständlich auch, und zwar gleich im halben Dutzend. Verblüffend viele Damen machen in diesem Herbst nämlich auf Minnelli, was die Lichtbildner erheblich irritiert - ist sie?s wirklich oder doch die da hinten? Salma Hayek, Susan Sarandon und Tim Robbins, die üblichen Verdächtigen, kommen und gehen, alle erste Reihe, logisch. Und schließlich begegnet einem am Samstagabend im Bierzelt der Schriftsteller Salman Rushdie an der Seite seiner Freundin Padma Lakshimi.

Mister Rushdie versprüht wenig gutes Karma, er guckt, als habe er schlechte Miesmuscheln zu sich genommen. Rushdie lächelt gequält und gnädig zugleich, was tut man nicht alles der Liebe wegen? Er muss (?), darf (??), will (???) in die Schau von "Zang Toi", sehr hip und angesagt. Zu allem Überfluss verrät seine Flamme einem Klatschblatt noch, dass sie ihren Salman liebend gern in der TV-Sendung "Queer Eye For The Straight Guy" sähe. Einem in Amerika sehr populären Fernsehformat des Inhalts, dass fünf Schwule sich über einen zauseligen Hetero hermachen, binnen weniger Tage dessen Wohnung und Kleiderschrank auf Vordermann und dem Zausel obendrein Manieren beibringen. Derart generalüberholt wird der entzauselte Hetero sodann auf die Damenwelt losgelassen, mit bahnbrechenden Erfolgen. Nur, hat Salman Rushdie das nötig? Er wird jedenfalls danach nicht mehr im Zelt gesichtet. Und auch nicht bei den berühmten Fashion-Week-Partys. Auch die: ein must.

Man begibt sich also an einem späteren Abend ins Village zur Feier des Parfüm-produzenten "Symrise" und trifft da auf den Studenten Nicola aus Mailand. Nicola sitzt in einem weißen Raum auf einem Stück Wiese, rezitiert Rimbaud-Gedichte, benetzt Papierstreifen mit Parfüm, stülpt dem Besucher Kopfhörer über die Ohren, Schuberts Klaviersonaten!, und beginnt, über den Einklang der Sinne zu philosophieren. Genau dies ist der Moment, in dem man sich ernsthaft fragt, ob man noch alle beieinander hat. Eilt zum Verköstigungstresen und testet vorsichtshalber den Geschmackssinn: ein Wein, noch ein Wein. Geschmackssinn ist noch da. Nach dem dritten Wein glaubt man tatsächlich, dass Isabella Rossellini neben einem steht - hinter ihr das Bild einer Nackten mit kaviarbesprenkelten Brüsten. Es reicht, nur noch Wasser ab jetzt, Fashion Week vernebelt die Sinne. Grelles Licht plötzlich, ein Fernsehteam baut sich auf. Die Reporterin sieht aus wie Liza Minnelli und fragt: "Frau Rossellini, wie gefällt Ihnen die Fashion Week?"