Rund um den Globus Der lange Weg des Look #1


Ihr Paradestück schicken die Designer auf dem Laufsteg stets voraus - und dann zu den Modejournalen rund um den Globus. Der stern zeichnet die Weltreise eines edlen Unikats nach - eines Karomantels von Louis Vuitton.

Sonntag, 7. März 2004. Ein Limousinenkonvoi schiebt sich durch die Pariser Innenstadt. Es wird gehupt, gedrängelt, und die elegant gekleideten Moderedakteurinnen bedenken sich gegenseitig mit undamenhaften Schimpfworten. Sie alle wissen, dass wer den Weg bis zum äußersten Süden der Stadt in den Parc André Citroën nicht binnen 25 Minuten schafft, bei einer der wichtigsten Shows der Saison draußen bleiben muss. Bei Louis Vuitton gilt wie bei allen anderen Prêt-à-porter-Defilees: Wenn Anna Wintour sitzt, geht's los. Die Chefredakteurin der US-"Vogue" wird ihren kritischen Blick wie immer besonders auf "Look #1" richten, denn das erste Kleidungsstück auf dem Laufsteg ist das Aushängeschild der Kollektion und für die nächsten sechs Monate ein Unikat. Im Jahr des 150-jährigen Firmenjubiläums hat Vuitton-Designer Marc Jacobs einen von den schottischen Highlands inspirierten Karo-Mantel zum "key piece" erwählt.

Er ist aus gefüttertem Wollgemisch mit echtem Iltis-fellkragen und wiegt fast acht Kilo. Preis: 5500 Euro. Gebannt starrt die Modemeute auf Anna Wintour. Ist das ein wohlwollendes Nicken? Tatsächlich, der Fashion-Queen scheint Look #1 zu gefallen. Ein Dutzend Journalisten zückt die Stifte. Schon wenige Stunden nach der Schau gehen die ersten Anfragen für Modeshootings mit dem Mantel im Pariser Hauptquartier ein, drei Tage später beginnt der Prototyp seine Welttournee. In Japan, wo das Unternehmen mit 49 Geschäften die weltweit größten Umsatzzahlen schreibt, hat ihn die "Vogue" gebucht. Auch hier hat das Magazin Vorrang vor allen anderen Objekten. Danach bleibt das Webwunder nicht etwa im Land, um "Tatler", "Elle" und Co. zu beglücken, sondern wird zunächst nach Brasilien geliefert. Erst Tausende von Flugkilometern später kehrt es nach Tokio zurück, wo es schließlich sogar den Titel einer Architekturzeitschrift ziert.

An der Copacabana

muss der Mantel mit einem Schirm vor der Sonne geschützt werden, in London vor Dauerregen, da Iltisfell keine Feuchtigkeit verträgt. Allen Beteiligten ist klar: Dem Hauptdarsteller darf unter keinen Umständen etwas zustoßen, denn Look #1 ist zu diesem Zeitpunkt unersetzlich. Weiter geht es nach Berlin, wo Fotograf Ralph Mecke für die deutsche "Vogue" einen Mantel ohne Inhalt zeigen muss, da Star-Model Nadja Auermann es als Peta-Aktivistin ablehnt, Pelz zu tragen. Auch bei den Kollegen in New York wird von einem Zwischenfall berichtet: Ein Hund habe sich während des Shootings so stürmisch in den Mantel (oder den Iltis?) verliebt, heißt es, dass er nachträglich von den Bildern retuschiert werden musste.

Ende Juli 2004. Mehr als 50 Reisen hat Look #1 inzwischen hinter sich, im Pariser Showroom hing er nie länger als zwei Tage am Stück. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Hunderte von Anfragen weltweit, aber nicht einmal die Hälfte kann erfüllt werden. Unter den privilegierten Magazinen in Deutschland ist auch die "Madame", die den Mantel im exotischen Ambiente eines Pariser In-Lokals fotografiert. Für zwei Stunden wird das kostbare Stück zum Shooting eingeflogen, um direkt vom Set weiter zur italienischen "Grazia" zu reisen. Mittlerweile ist auch die Vuitton-Anzeigenkampagne mit Scarlett Johansson erschienen, was die Nachfrage zusätzlich anheizt. Dass ausgerechnet Hollywoods neue Traumfrau ihn trägt, verschafft der Traditionsmarke ein ganz neues Image: Neben Glamour und Noblesse steht Vuitton plötzlich auch für jugendlich-frischen Charme.

Denn nur darum

geht es bei dieser Tour de Force schlussendlich - die Käuferschicht der Zukunft für sich zu interessieren. Wenn ein 5500 Euro teures Stück Stoff nach sechs Monaten und geschätzten 150 000 Werbekilometern in Deutschland gerade dreimal über den Ladentisch geht, kann man sicher nicht von einem Verkaufsschlager sprechen. Dennoch wird dieser Look #1 bei Louis Vuitton als Erfolg verbucht. Mehr noch: Seine letzte Reise darf der Mantel in die Kleiderkammer des hauseigenen Museums in Paris antreten. Als auserwähltes Stück zwischen den spektakulärsten Entwürfen der Firmengeschichte zu landen - eine Reise in die Ewigkeit.

Mareile Grimm und Swantje Nielsen print

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