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Swatch-Jubiläum: 25 Jahre bunte Handgelenke

"Sie ist der Retter der Nation", sagte Nicolas Hayek einst über seine Erfindung: Die "Swatch"-Uhr hat die Schweizer Uhrenindustrie vorm Untergang bewahrt. Dieses Jahr feiert die Kult-Uhr 25. Geburtstag und erobert inzwischen sogar das Luxus-Segment.

Von Kinga Rustler

Da hätte Holly Golightly alias Audrey Hepburn 1961 bestimmt nicht schlecht gestaunt, wenn sie miterlebt hätte, dass die Uhrensparte des von ihr geliebten Tiffanys von der Swatch-Group betreut wird. Im Dezember 2007 hat das Unternehmen die Luxusuhrenmarke in eine strategische Allianz verzweigt und damit wieder ein Stück Firmengeschichte geschrieben. Im Auftrag von Tiffany stellt nun die Swatch Group die Edelzeitmesser für die Marke her. So wird oft angenommen, dass die Swatch-Group gleich der Marke Swatch ist und ein Übereinkommen von Luxus-Tiffany und Plastik-Pop nicht möglich sein kann. Doch dieser Eindruck ist schon lange überholt, denn die Gruppe hat Teuer und Preiswert im Programm. Da sind Prestige-Marken wie Breguet, Blancpain und Omega neben Calvin Klein und Tissot des mittleren Markensegmentes im Portfolio. Die Marke Swatch und die Kinderlinie Flik Flak siedeln sich im Basis-Marktsegment an.

Nun ist die Swatch - das ist wohl jedem klar - keine Uhr, mit der man sich beim abendlichen Dinner brüsten kann. Aber, und das wiederum ist Fakt, sie ist eine Uhr, die man nach dem Dinner im besten Falle als Bestandteil einer umfangreichen Sammlung präsentiert. Sie zieht Sammler, Liebhaber und Branchenkenner in ihren Bann und bringt es fertig, das auch noch 25 Jahre nach ihrem Bestehen zu tun. Und das, obwohl die "Second Watch" auf den ersten Blick nichts Besonderes darstellt, sondern erst beim genaueren Hinsehen offenbart, was sie legendär macht: eine unglaubliche Wandelbarkeit gepaart mit dem Überraschungseffekt einer immer neuen Kreation. Jede Swatch macht glücklich, weil sie den Menschen das verschafft, was sie oft vermissen - ein positives Lebensgefühl. Locker, leicht und unbeschwert.

Flippig, bunt, verrückt - die 80er

So war es auch in den frühen Achtzigern, als alles bunt und luftig aus der Hippie-Ära herüberschwappte. Vielleicht war es diese Unbekümmertheit, die die zwei Schweizer Ingenieure Elmar Mock und Jaques Müller dazu veranlasste, das Urmodell des bunten Kunststoff-Knallbonbons zu präsentieren. Allerdings blieb es bei der Präsentation, bis sich Uhrenkönig Nicolas G. Hayek senior den Plänen annahm. So erklang im Frühjahr 1983 zum ersten Mal das rhythmische "Tick, tack" aus einer kleinen bunten Uhr: Die Zeiger der ersten Swatch begannen über das Zifferblatt zu wandern. Und als am 1. März in Zürich eine Kollektion bestehend aus zwölf neuartigen Uhrenmodellen vorgestellt wurde, war noch niemandem klar, dass sie sich ihren Weg an viele Handgelenke bahnen würde.

Gerade in der damaligen Zeit gab dieses kleine runde Plastik der alteingesessenen Schweizer Uhrenindustrie neue Hoffnung, die durch die stark wachsende Konkurrenz aus Fernost gefährdet war. Hayek bestätigt selbst: "Es war eine fast tote Uhrenindustrie. Die Banken waren Inhaber all der großen Firmen. Am Anfang wollten sie sie schließen und die Marken verkaufen. Man hätte einfach in der Schweiz keine Uhr mehr produzieren können. Da mussten wir uns etwas Neues einfallen lassen."

Luxus oder Massenware?

Die Besonderheiten lagen im günstigen Preis und dem modernen Design. Statt der gewohnten 150 oder mehr Komponenten reduzierte Swatch die Zusammensetzung der Uhr auf wenige 51 Teile und prägte damit eine neue Ära. Nicolas Hayek, mittlerweile Präsident und Delegierter des Verwaltungsrates der Swatch Group, war vor dem Vorhaben überzeugt. "Ich wollte die Uhrentradition mit all unseren Fabriken und Fertigkeiten nicht aufgeben, die Banken hatten mich als erfahrenen Industriellen engagiert. Schließlich kämpften wir uns bis zum Ende durch", sagte der 80-Jährige.

Die Frage war, ob es um die Produktion einer teuren Uhr mit geringen Stückzahlen oder schlicht um die Herstellung von Massenware ging. Hayek sagt: "Es musste eine Volumenuhr her, keine Luxusvariante mit geringen Mengen. Die Tatsache, dass wir aus einem Messinstrument ein Schmuckstück gemacht haben, das sich auch noch jeder leisten konnte, war entscheidend für unseren Erfolg." Wenn der Vater der Swatchlancierung über die bunte Uhr spricht, ist wirklich eine Art elterliche Bindung zu hören. "Das ist die Uhr, mit der ich Schweizer Uhrenindustrie zu neuem Glanz verhelfen konnte." Altbundeskanzler Helmut Kohl fragte ihn einmal, warum er denn gerade diese günstige Uhr am liebsten habe. Da musste der Vater Hayek lachen und antwortete: "Weil sie der Retter der Nation ist."

Die beste Idee

Nun kam der Erfolg mit der kollektiven Verzückung und bereits ein Jahr nach der Lancierung konnten die Macher die Herstellung der 1 000.000. Uhr verkünden. Gefeiert wurde groß: Eine 162 Meter lange und 13 Tonnen schwere Uhr wurde an der Fassade des Frankfurter Commerzbank Hochhauses befestigt. Der Eintrag in das Guiness-Buch der Rekorde folgte. Sofort wurde klar, dass die Swatch-Uhr kein gewöhnlicher Zeitmesser bleiben würde.

Um der Eintönigkeit zu trotzen, entstand Mitte der Achtziger Jahre eine Idee, die bis heute vorherrschend ist. Das Unternehmen stellt limitierte Art-Specials von unterschiedlichen Künstlern her. Nicolas Hayek selbst sieht die Uhr als Leinwand, auf der sinnbildlich alles Künstlerische vollendet werden konnte. "Das hat mich besonders fasziniert. All die Farben, Formen und technischen Raffinessen, die bei dieser Uhr auf einmal möglich waren." Der französische Künstler Kiki Picasso, der eigentlich Christian Chapiron heißt und kein Nachkomme Picassos ist, machte das erste tickende Kunstwerk zu einer wertvollen Anlage. Der momentane Wert der limitierten 140 Exemplare weltweit wird selbst von Unternehmensseite nur geschätzt, als Zahl aber nicht veröffentlicht.

Gurken, Paprika und Vivienne Westwood

Ebenfalls bewundernde Blicke ernten die Specials von Alfred Hofkunst oder Mimmo Paladino. Hofkunsts "Swatcheables-Set" von 1991 verhilft den Gurken und Paprika nachempfundenen Uhren zu einem Gastauftritt auf Gemüsemärkten. Gleichzeitig erzielt ein Exemplar aus der Art-Special-Serie "oigol ORO" von Paladino auf einer Auktion für Gegenwartskunst in Zürich 1991 unbestätigten Angaben zufolge umgerechnet zirka 35 472 Euro.

Die Mode-Designerin Vivienne Westwood durfte sogar zweimal ran. Die Linie "Orb" von 1993 integrierte sich mit Westwoods Reichsapfel in die "Pop Swatch"-Reihe. Bis heute gibt es die 1986 lancierten "Pops" mit dem großen runden Zifferblatt. Sieben Jahre nach "Orb" reihte sich Westwood selbst in die Riege dreier Mode-Designer ein. Paco Rabanne, Daniel Swarovski , Jeremy Scott und die Britin gestalteten fünf "Golden Jelly Skin-Modelle".

Zum 5. Geburtstag der Marke entschließt sich Swatch für die Gestaltung einer kleinen Berühmtheit mit dem Namen "puff". Es entsteht eine Kollektion, die aufgrund ihres Plüsch-Charakters von der Sesamstraße inspiriert sein könnte. "Puff" ist weltweit auf 20 Stück limitiert und hat heutzutage einen Sammlerwert von zirka 19 000 Euro.

Zeitloses Fremdgehen - die 90er

Schon in den Achtzigern wandte sich das Unternehmen aber auch anderen Branchen zu und siedelte sich ab 1989 in der Telekommunikationssparte an. Das "Twin Phone" kam auf den Markt, mit dem zwei Personen gleichzeitig sprechen können. Anfang der Neunziger gab es den SMS-Vorreiter "Swatch The Beep". Ziffern und Buchstaben blinkten erst in Uhren und später auch in Pagern zur Übermittlung von Informationen. Die rasante Entwicklung der Handys durchkreuzte diese Pläne allerdings schnell.

Hinzu kam der Sport. Nachdem die Swatch-Uhr seit den Olympischen Sommerspielen 1996 in Atlanta noch zwei weitere Male für Sydney und Athen als Zeitnehmer ernannt wurde, dankten die Schweizer es wiederum den Sportlern selbst und entwickelten die "Fun Scuba" mit einem integrierten Tiefenmesser. Nicht nur tief, auch hoch hinaus sollte es gehen: Die "Fun Boarder" mit integriertem Höhenmesser wurde entwickelt. Überhaupt setzt sich die Marke zunehmend für Sportler wie Snow Boarder oder Beach Volleyballer ein. Schon zehn Jahre zuvor wird die Möglichkeit des elektronischen Skipasses in die Swatch integriert, die es Pistenbenutzern erlaubt, das Öffnen des Liftdrehkreuzes automatisch zu vollziehen.

Mit Blick in die Zukunft

Gerade in den Neunzigern Jahren blieben auch die Schweizer Uhrmacher vom Zukunftstrend nicht verschont. So präsentierten sie 1993 die erste Uhr aus Metall. Die platingehäuste "Trésor Magique" wurde weltweit auf 12 999 Stück limitiert. Da die funkelnde Metalluhr von Trägern und Sammlern mit Applaus angenommen wurde, nahm Swatch diese Idee in die Kollektionserstellung mit auf. Die "Swatch Irony " wird bis heute produziert. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Edelstahlgehäuse.

Auch die flache "Skin-Kollektion" bekam eine langfristige Berechtigung und ist bis heute in verschiedenen Varianten im Handel. Der flachste Zeitmesser aus Kunststoff misst gerade einmal 3,9 Millimeter. Der dazugehörige Chronograph, selbstverständlich 1997 auch der flachste der Welt, kommt auf 6,6 Millimeter Gehäusehöhe.

Knapp ein Jahr vor der Jahrtausendwende versucht sich Swatch an einer neuen Zeitrechnung. Mit der Lancierung der Beat-Collection aus Aluminium kommt die erste Uhr mit digitaler Anzeige und der speziell erfundenen Internet-Zeit auf den Markt, die den Tag in 1000 Einheiten unterteilt. 2000 entschied sich das Unternehmen zusätzlich für eine Veränderung der Optik. Die Designer zogen einfach die runde Uhr an ihren vier Kanten auseinander und kreierten das rechteckige Gehäuse "Square".

Luxuriöse Trendwende

Swatch und das dahinter stehende Unternehmen sind noch für so manche Überraschungen gut. Das zumindest sieht Firmenpräsident Nicolas Hayek so. "Mein Credo ist ‚Beauty, Beauté und Schönheit'. Das ist das Wichtigste. In den nächsten 25 Jahren werden wir das ganze Computer-, Telefon- und Kartensystem in die Uhr integrieren - Bank, TV, Auto." Er setzt also 2033 auf die fortschreitende Technologie? "Nein, nein. Technologie ist nicht schön, aber die Schönheit kann mit Technologie unterstützt werden." So sind auch die Umsatzzahlen beachtlich schön anzusehen. Schon 2007 erwirtschaftete die Aktiengesellschaft Netto 5,6 Millionen Schweizer Franken. Bis heute wurden zirka 350 Millionen Uhren in 5000 Modellen angefertigt und der Anteil der weltweiten Uhrenproduktion der Swatch Group AG liegt wertmäßig bei etwa 25 Prozent. Liebhaber, Sammler und Uhren-Kenner schätzen die Wandelbarkeit und Vielfältigkeit der Swatch-Uhr.

Hayek sieht auch nach 25 Jahren noch den ursprünglichen Gedanken bei der Produktion gegeben. "Ich wollte damals etwas anderes machen. Zu jeder Kleidung sollte die passende Uhr gewählt werden können. Sie wurde sozusagen zu einem immer austauschbaren Modeaccessoire, je nach Stimmung und Gefühl." Er selbst hat kein Lieblingsmodell. "Das wäre so, als wenn man einen Scheich fragen würde, welche Dame er aus seinem Harem am liebsten mag. Da gibt es sehr, sehr Viele", meint Hayek lachend, "ich trage immer vier Uhren. Zwei links, zwei rechts. Auch die erste Swatch, die vom automatischen Band lief, ist dabei. " Und zwar die Allererste, die er trotz eines Angebotes von 250.000 Dollar nicht hergab. Seine persönliche Ikone sozusagen.

Die anderen Drei sind von Blancpain, Omega und Breguet. Aber eigentlich würde er gern alle seine Marken tragen, achtzehn oder neunzehn hält er allerdings doch für ein wenig zu viel. Nachdem sich die Swatch-Uhr den Platz an Hayeks Unterarmen mit drei anderen Edel-Zeitmessern teilen muss, gönnten die Macher auch ihr eine kleine Luxuskur. Wahrscheinlich auch um endlich dem Vorurteil entgegensetzen zu können, dass die Marke stets nur Billig-Uhren produziere, wie Altkanzler Kohl einst äußerte. So besetzten die Hersteller das Christmas-Special 2007 "Diamonds in the Sky" mit 80 strahlenden Diamanten. Das hätte sicher auch Holly Golightly gefallen.