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Thierry Henry: Männlich, attraktiv, eloquent sucht...

...Werbepartner zwecks gemeinsamer Vermögensmehrung. Oder worum geht es sonst, wenn ein Fußballstar wie Thierry Henry und US-Designer Tommy Hilfiger auf einmal zusammen Mode machen?

Von Miriam Collée und Julia Große

Irgendwie passt er nicht so recht auf den Fußballplatz, mit diesen feinen Gesichtszügen und den dünnen Endlosbeinen, die Stutzen weit übers Knie gezogen. Ein vornehm blasierter Balletttänzer inmitten eines Haufens Naturproleten. Während andere rackern und wühlen, um den Ball ins Tor zu zwingen, lupft er den Ball am liebsten schwerelos ins Netz und tänzelt danach weiter, als wäre so ein Tor doch nicht der Rede wert.

Heute tänzelt Thierry Henry, der französische Stürmer, vielleicht sogar der beste Stürmer der Welt, durch das Londoner Covent Garden Hotel und lässt sich vor einem Häufchen Journalisten in einem unförmigen Sessel nieder. Etwas steif, aber schließlich ist er im diplomatischen Dienst. Der amerikanische Designer Tommy Hilfiger hat ihn zum Markenbotschafter seines Modeimperiums ernannt und bringt mit ihm im September eine 30-teilige Kollektion heraus: Hemden, Jeans, Cashmere- Pullover, Mäntel, Strickjacken, Hilfigertypische Upperclass-Casuals, dazu Anzüge und einen Glenncheck-Smoking.

Neuanfang für Hilfiger, weitere Werbeverträge für Thierry

Der 30-jährige Torjäger des FC Barcelona gibt sich in seinem neuen Modebotschafterposten staatstragend, sagt Dinge wie "Mode ist wie eine Flasche guter Wein. Je älter ich werde, desto wichtiger wird sie". Damals, in Les Ulis, dem Pariser Vorort, in dem er aufwuchs, hätten Trainingsjacke und Baseballkappe gereicht. Dank Tommy sei seine Kleidung heute eleganter, schwärmt Henry, deutet auf seinen rosa Wollpulli, sein dunkelblaues Nadelstreifensakko und die Vintage-Jeans. "Alles von Tommy!", sagt er triumphierend, als hätte er einen komplizierten Zaubertrick vorgeführt. "Hätten Sie nicht gedacht, oder?" Die Journalisten lächeln. "Weil Sie noch das Design mit dem großen Logo im Kopf haben!" Die PR-Damen sind zufrieden, ihr Schützling macht seine Sache gut. So gut, dass er bereits weitere Werbeverträge mit Reebok und Gillette unterschrieb.

Was aber verbindet eine uramerikanische College-Chic-Marke wie Hilfiger mit einem französischen Fußballer? Ganz einfach: ein Neuanfang. Das Modeimperium, das seinen Durchbruch in den Neunzigern Rappern wie Snoop Dogg verdankt, der sich gern in Hilfiger-Logo-Shirts zeigte, hat ein Problem: Nach jahrelangen Outletverkäufen werden einem Hilfiger-Shirts inzwischen auf Resterampen von Nürnberg bis New York hinterhergeworfen. Hilfiger musste seine Strategie ändern. Schritt eins: einen schwarzen Botschafter ernennen, der hoffentlich endgültig ein Gerücht beiseiteräumt, das Hilfiger wie Kaugummi am Schuh klebt. Seit Mitte der Neunziger soll er in regelmäßigen Abständen in der "Oprah Winfrey Show" behauptet haben, seine Mode sei nicht für Schwarze, Latinos und Chinesen gemacht, sondern für die bessere weiße Gesellschaft. Zwar dementierten sowohl Winfrey als auch Hilfiger (der bis dahin de facto nie in der Show war) die Äußerungen. Es gab Kaufboykotte. 1999 sackte die Aktie von 40 auf 6 Dollar ab.

"Sportler sind die Gladiatoren von heute"

Schritt zwei: ein neuer Look. Ein Jahr hatte sich der Designer zurückgezogen, um nachzudenken. Als er im Februar die neue Kollektion zeigte, war das Logo verschwunden. Und statt Sweatern, die aussahen, als hätte man die US-Flagge mit eingenäht, sah man schmale Faltenröcke und klassisches Karo. Mit der neuen Schlichtheit erhofft sich der 56-Jährige größere Chancen auf dem europäischen Markt. Denn anders als im übersättigten Amerika, wo bereits jeder Vierte ein Hilfiger-Teil im Schrank hat, steigen die Verkäufe hier an. In ebenso schlichter Herrengarderobe hängt jetzt also Henry, den sie in der Kabine "Titi" nennen, überdimensional groß in den Hilfiger-Stores. Mit aufgestelltem Kragen, in Humphrey-Bogart-Manier. Hilfiger lobt: "Er verkörpert perfekt den urbanen, modernen Mann." Und, als wäre es ein Wink des Schicksals, trägt er die gleichen Initialen, denen die Kollektion ihren Namen verdankt: TH2.

"Sportler sind die Gladiatoren von heute", sagt Giorgio Armani, der unlängst selbst den brasilianischen Kicker Kaká für eine Kampagne in Armani- Jeans steckte. Immer mehr Modefirmen scheinen sich auf dem Fußballplatz nach Werbeträgern umzusehen: Calvin Klein hat schon lange den schwedischen Nationalspieler Freddie Ljungberg unter Vertrag, Dolce & Gabbana kleidete den AC Mailand ein, Strenesse die deutsche Nationalelf. Im WM-Jahr 2006 erstellte die Unternehmensberatung BBDO Consulting eine Studie, die den Markenwert von 20 internationalen Starfußballern errechnete. Ihren Werbeerfolg erklärt BBDO-Chef Udo Klein- Bölting so: "Sie jubeln, schwitzen, foulen, weinen und stehen wieder auf. Sie bieten alle Facetten des Lebens, mit allen Höhen und Tiefen." Das sei nicht nur glaubwürdiger, sondern auch emotionaler als ein perfekter glatter Schauspieler.

"Er ist authentisch, modern, multikulturell, sozial, attraktiv und eloquent"

Mit einem Markenwert von 28,7 Millionen Euro landete Henry deutlich hinter den Erstplatzierten Ronaldinho (47 Millionen Euro) und Beckham (44,9) auf Platz neun. Dennoch hält Klein-Bölting Henry für einen Glücksfall: "Er ist authentisch, modern, multikulturell, sozial, attraktiv und eloquent." Und er verkörpert etwas, das in den USA derzeit der Präsidentschaftskandidat Barack Obama vorführt: Konsens. Auf Henry können sich alle einigen: Frauen, Männer, Schwule, Heteros, Briten, Franzosen, Schwarze, Weiße, Gutmenschen. Als Fifa-Botschafter gegen Rassismus und Gründer der "THe One 4 All Foundation" fördert er Antirassismusprojekte und benachteiligte Kinder mit Sport- und Lernprojekten. Kurz: Der Mann ist wie geschaffen für Hilfigers lukrativen Nebenjob. Und nimmt ihn dankend an. Der Preis dafür: Schwitzen im Fotostudio, sich von Stylisten bepudern und bezupfen lassen und vor Journalisten den Modephilosophen mimen ("Heute war mir nach Pink, also trage ich Pink"). Zum Schluss lehnt er sich nach vorn und sagt: "Der Erlös der Kollektion fließt übrigens in meine Foundation." Dann steht er auf und tänzelt nach draußen, als wäre das doch nicht der Rede wert.

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