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Sarkozy und Frankreichs WM-Aus: Ein Präsident räumt auf

Hohn, Spott und Polizeischutz: Frankreichs Nationalelf ist nach ihrem kläglichen Ausscheiden bei der WM in Südafrika mit hängenden Köpfen und abgeschirmt von wütenden Fans in Paris gelandet. Präsident Sarkozy hat aus der Sache jetzt eine Staatsaffäre gemacht und will mit harter Hand durchgreifen.

Nicolas Sarkozy zückt das Messer. Nach dem peinlichen Untergang der französischen Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika will der Staatschef die Führung des Fußball-Verbands FFF über die Klinge springen lassen. Die Spieler sollen für ihr arrogantes Auftreten finanziell bluten. "Die öffentliche Meinung fordert, dass wir das alles aufräumen", soll Sarkozy nach Berichten der Wochenzeitung "Canard enchaîné" gesagt haben. "Wir müssen bei null anfangen."

Wie geprügelte Hunde schlichen sich die französischen Nationalspieler vom Rollfeld: Kein Winken, kein Gruß in die Kameras, noch nicht einmal eine Entschuldigung. Durch die Polizei abgeschirmt vor wütenden Fans am Flughafen Le Bourget bei Paris wurden die Skandal-Fußballer nach ihrer Rückkehr aus Südafrika rasch in Busse und Limousinen verfrachtet. Der landesweiten Empörung über ihren katastrophalen Auftritt bei der WM wollten sich die Bleus gar nicht erst aussetzen. Nur einer kam am Donnerstag direkt zum Rapport: Stürmer Thierry Henry holte eine Polizeieskorte am Flugzeug ab, um ihn auf direktem Wege in den Élyséepalast zu bringen, wo er Sarkozy das Chaos erläutern soll.

Sarkozy greift durch - einer widersetzt sich

Die Presse ist begeistert. "Eine Staatsaffäre", titelt die Sportzeitung "L'Équipe" zufrieden. "Über die klägliche WM der Bleus wird auf höchster Staatsebene abgerechnet." Die Nachrichtensendungen widmeten der traurigen Heimkehr stundenlange Live-Übertragungen vom Flughafen. Und Kamerateams verfolgten die gejagten Stars sogar noch auf der Stadtautobahn mit Motorrad und Mikrofon. Doch Sarkozys autoritäres Eingreifen hat einen Haken. Er hat gar kein Recht dazu, privaten Verbänden Personalentscheidungen zu diktieren und sich in private Arbeitsverträge einzumischen. Aber egal: "Wenn die ganze Welt sich über uns lustig macht, dann ist das ein politisches Problem", meint Sarkozy. Sport-Staatssekretärin Rama Yade kündigte einen "Urknall des französischen Fußballs" an.

Sarkozy ist es gewohnt, Leute einzusetzen oder abzustrafen. Er entscheidet nicht nur, wer Minister wird, sondern auch, wer den Louvre, das Staatsfernsehen oder den Stromkonzern EDF leitet, wer Polizeipräfekt wird oder als Staatsanwalt die heiklen Fälle betreut. Aber der FFF ist ein privater Verein und die Fußball-Paten sind selbstbewusst. Da hat der Staat gar nichts zu sagen. Trotzdem sollen Sportministerin Roselyne Bachelot und Rama Yade "dafür sorgen, dass die Verantwortlichen schnell die Konsequenzen aus diesem Desaster" ziehen. Konkret: FFF-Chef Jean-Pierre Escalettes soll weg, wegen seiner Nibelungentreue zu Trainer Raymond Domenech. Doch Escalettes stellt sich stur und will "an Bord des sinkenden Schiffes" bleiben.

Spieler verzichten zerknirscht auf ihre Prämien

Weniger Probleme hat Sarkozy mit seiner Forderung, dass die Spieler keine Prämien erhalten sollen. Die mittlerweile selbst über die Wirkung ihres Auftritts entsetzten und zerknischten Fußballer hatten darauf schon vorher freiwillig verzichtet. Und Skandaltrainer Domenech ist auch bereits Geschichte. Für das nächste Länderspiel wird Welt- und Europameister Laurent Blanc verantwortlich sein - das stand allerdings bereits vor der WM in Südafrika fest.

Um das Aus seiner Equipe Tricolore gegen das südafrikanische Team zu sehen, hatte Fußballfan Sarkozy sogar die Schweizer Präsidentin Doris Leuthart kurzfristig ausgeladen. Als nach Spielerstreik, obszönen Beschimpfungen und dem Ausscheiden der Boden der Schande erreicht schien, setzte Trainer Raymond Domenech noch eins drauf und verweigerte Südafrikas Trainer den Handschlag. Im Nationalteam herrschten "unreife Gangführer über verängstigte Kinder", wetterte Sportministerin Bachelot. Der Trainer sei "ohne Autorität" und der Verband am Ende. Die Regierung müsse handeln.

Zerstrittene Mannschaft als Spiegelbild der Gesellschaft?

Henry soll beim moralischen Neuanfang helfen - ausgerechnet der Mann, der mit einem Handspiel dafür sorgte, dass Frankreich und nicht Irland zur WM fahren durfte. Um Henry zu empfangen, ließ Sarkozy sogar ein Treffen mit Hilfsorganisationen zur Vorbereitung des G20- Gipfels platzen. Sarkozys Politisierung des Fußball-Schmierentheaters hat einen guten Grund: Während die Weltmeister-Elf von 1998 als Schmelztiegel der Rassen gefeiert wurde, wird Domenechs eitle Gurkentruppe von Kommentatoren als Spiegelbild der in Super-Egos und Ethnogruppen zerfallenden Gesellschaft beschrieben. Das gibt dem Rechtsradikalen Jean-Marie Le Pen Auftrieb, der gerne gegen die vielen Farbigen in der Nationalmannschaft wettert. Fünf Prozent könne ihn das bei den Wahlen kosten, soll Sarkozy gesagt haben. Handeln tut also not.

Der landesweit größte Protesttag gegen die Rentenreform, an dem sich laut Gewerkschaften am Donnerstag rund zwei Millionen Franzosen beteiligten, wurde so zeitweise in den Hintergrund gedrängt. Die Gewerkschaft CFDT sah in Sarkozys Vorpreschen dann auch ein Ablenkungsmanöver. Sie forderte den Präsidenten auf, sich besser um die Rentenreform zu kümmern statt "um den Seelenzustand eines Fußballers". Sarkozy aber verteidigte sich mit den Worten, dass es ihm sonst später sicherlich vorgeworfen würde, wenn er sich nicht "dieses Problems" annehmen würde. Zur Beruhigung seiner Kritiker fügte er hinzu, dass er sich nicht berufen fühle, "dauerhaft bei diesem Thema einzugreifen".

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ukl/DPA/AFP / DPA

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