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WM 2010 - Franzosen-Chaos: Mon Dieu, Les Bleus!

Nicolas Anelka fliegt aus der Nationalelf - und ganz Frankreich ist in Aufruhr. Das mögliche Versagen der einst stolzen Equipe Tricolore bei der WM 2010 könnte zu einer politischen Krise führen.

Von Ulrike Klode

Beruhigt euch! Es ist doch nur Fußball!" Zwei Sätzchen, die in Frankreich derzeit ungehört verhallen. Denn La Grande Nation ist in heller Aufruhr - manche Kommentatoren sehen sie sogar kurz vor einer schweren politischen Krise. Und warum das alles? Weil ein Spieler den Trainer beschimpft hat. Der Spieler: Nicolas Anelka, einer der wichtigsten Köpfe der französischen Nationalmannschaft. Der Trainer: Raymond Domenech, ungeliebter Nationalcoach. Doch das Ganze passiert zu einer Zeit, in der die Nation zu Hause wegen der Wirtschaftskrise den Gürtel enger schnallen muss und bang nach Südafrika blickt, weil der Weltmeister von 1998 einen miesen Vorrundenstart hinlegt und sich nicht als Team präsentiert.

Es waren keine schönen Worte, die in der Kabine der Franzosen in der Pause gefallen sein sollen. Es war auch keine schöne erste Halbzeit, die die Spieler da in ihrem zweiten Vorrundenspiel gegen Mexiko am Donnerstag gezeigt haben - es war schlichtweg eine Katastrophe. Und mitten in diese Katastrophe hinein platzte die Beschimpfung. Die Reaktion: Domenech schmeißt den altgedienten Star raus.

So weit, so schlimm - aber alles noch kein Grund für eine Staatsaffäre, sollte man meinen. Doch es kommt schlimmer: Am Samstag veröffentlicht die französische Sportzeitung "L'Equipe", was Anelka genau gesagt haben soll: "Va te faire enculer, sale fils de pute." Zu Deutsch: "Fick dich in den Arsch, verpiss dich, du Hurensohn".

Das Volk wendet sich ab

Alle sind empört: Die französischen Spieler sind empört, dass da jemand geplaudert hat - schließlich gibt es den Ehrenkodex "Was in der Kabine gesagt wird, bleibt in der Kabine". Ein Zeichen, wie zerstritten die Mannschaft ist. Und das französische Volk ist empört, dass so böse Worte gefallen sein sollen. Die Reaktion der Spieler: Sie verweigern das Training am Sonntag. Die Reaktion des Volkes: Es verweigert den Blauen die weitere Unterstützung.

Mehr als 80 Prozent wünschen dem Team, dass es nach der Vorrunde rausfliegt - so das Ergebnis einer Online-Umfrage der französischen Tageszeitung "Le Figaro", an der sich mehr als 60.000 Leser beteiligten. Das hat es in Frankreich noch nie gegeben. Sogar der Präsident schaltet sich ein. Während eines Staatsbesuchs in Russland wendet sich Nicolas Sarkozy in Sachen Fußball an seine Nation und ruft den Spielern zu: "Das ist inakzeptabel!" Auch andere Politiker melden sich zu Wort: "Grauenvoll" findet Außenminister Bernard Kouchner die Affäre, "erbärmlich" lautet der Kommentar von Arbeitsminister Eric Woerth.

Der Präsident greift ein

Sarkozy belässt es nicht nur bei Worten, er greift sogar ein: Sportministerin Roselyn Bachelot verlängerte auf Anordnung von ganz oben ihren Aufenthalt in Südafrika und hat am Montag den Kapitän der Blauen, Patrice Evra, Trainer Domenech und den Chef des nationalen Fußballverbandes FFF, Jean-Pierre Escalettes, zu einem Krisentreffen geladen. Wegen der "Empörung der Franzosen" über ihre Elf, sagte die Ministerin im TV-Sender TF1, rufe sie alle Angehörigen der französischen Delegation zur "Verantwortung und zur Wahrung der Würde" auf.

Natürlich ist auch die gesamte französische Journaille entsetzt - Les Bleus dominieren am Montag die Titelseiten sämtlicher Zeitungen. Man ist sich einig, die Nation ist blamiert. "Frankreich macht sich in der Welt zum Gespött", wie es "France-Soir" formuliert. Die Person Anelka wird analysiert und demontiert, genauso die Person Domenech, die gesamte Mannschaft wird auseinandergenommen.

Fußball, eine Staatsaffäre?

Und mittendrin leise Zwischentöne, die weit über das Fußballerische hinausgehen. Könnte das Ende der Ära der siegreichen Blauen etwa ein Sinnbild sein für die Ära Sarkozy? Das Fußball-Team, das derzeit weit davon entfernt ist, ein echtes Team zu sein - könnte es nicht für die Grande Nation stehen? Und der schon lange heftig kritisierte, starrsinnige, selbstverliebte Trainer Domenech - könnte er nicht für Präsident Sarkozy stehen, der so schlechte Umfragewerte hat wie noch selten zuvor in seiner Präsidentschaft?

Die Krise der einst stolzen Fußballer wächst sich so mehr und mehr zu einer Krise der ganzen Nation aus. Eine Nation, die traditionell schnell auf die Straße geht, wenn ihr politische Reformen nicht passen - und dabei auch nicht zimperlich ist. So gibt es in Frankreich derzeit Proteste gegen eine ihrer Meinung nach ungerechte Politik, die gleichgesetzt wird mit Präsident Sarkozy. Kaum auszudenken, was in Paris los sein wird, wenn die Equipe Tricolore tatsächlich nach dem dritten Vorrundenspiel am Dienstag die Sachen packen muss.

Eins ist sicher: "Es ist doch nur Fußball" wird dann in Frankreich endgültig nicht mehr gelten. Fußball ist dann eine Staatsaffäre. Mindestens.

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Mit DPA und SID

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