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EM-Favoriten-Check: Frankreich: Alles neu macht der Blanc

Die Équipe Tricolore hat sich nach dem WM-Desaster kernsaniert. Viele altgediente Profis wurden aussortiert, dafür ist jetzt ein neues Dutzend dabei. Doch ein Problem à la francaise bleibt.

Von Cord Sauer

Der große Skandal liegt gerade einmal zwei Jahre zurück und ist doch schon irgendwie wieder aus den Köpfen – das ist das Positive im Fußballgeschäft. Die Franzosen selbst haben die WM 2010 mit all ihren Eskapaden allerdings nicht vergessen. Stürmerstar Anelka suspendiert, Trainingsboykott, Rücktritt des Teammanagers, Spitzelaffäre und dann auch noch das Aus in der Vorrunde als Gruppenletzter.

Viele Spieler mit großen Namen haben das französische Nationalteam seitdem verlassen. Unter ihnen Thierry Henry, Djibril Cissé, Nicolas Anelka, William Gallas, Jérémy Toulalan oder Sidney Govou. Für den gescheiterten Anti-Trainer Raymond Domenech kam Laurent Blanc und sorgte schnell für frischen Wind im verstaubten Altstargehege. Insgesamt holte er in zwei Jahren zwölf neue Spieler – keine andere Nation in Europa hat einen so großen Umbruch hinter sich.

Thronfolger von Zidane und Vieira in der Pflicht

Eine große Problemzone sucht man in den einzelnen Mannschaftsteilen der Franzosen vergebens. Hugo Lloris im Tor ist nicht nur Kapitän, sondern vor allem ein sicherer Rückhalt. Vor ihm hat sich mit Philippe Mexés und Adil Rami ein harmonisches Innenverteidigerpärchen gefunden. Auf der Bank lauert zudem das Riesentalent Mamadou Sakho, der schon mit 22 Jahren Spielführer bei Paris St. Germain ist.

Zur neuen Garde Frankreichs zählt auch Yann M'Vila, der sich innerhalb von vier Länderspielen unverzichtbar gemacht hat und als neuer Patrick Vieira gefeiert wird. Auch für Zinédine Zidane gibt es einen Nachfolger: Marvin Martin hat sich zum Hirn des Teams entwickelt und glänzte in der Vorsaison bei seinem Klub FC Sochaux mit 19 Torvorlagen. Sein Platz ist zunächst aber auf der Bank, wo auch Olivier Giroud sitzt. Der Stürmer ist beidfüßig, kopfballstark, fleißig, schnell und bullig. An Benzema kommt er trotzdem nicht vorbei.

Laurent Blanc weiß um die Stärken seiner Männer, lässt sich die Favoritenrolle bei der EM aber nicht aufdrücken: "Wir müssen den Befund verkraften: Frankreich gehört nicht mehr zu den großen Nationen Europas." Dieses Understatement ist ein klarer Selbstschutz vor zu großen Erwartungen. Die Franzosen stapeln tief – und hoffen insgeheim doch auf den großen Coup. Wenn er 2012 nicht gelingt, dann aber bitte spätestens bei der nächsten EM. Die findet 2016 nämlich im eigenen Land statt.

Die Stars:

Franck Ribéry, Karim Benzema, Samir Nasri, Florent Malouda, Yann M´Vila, Marvin Martin

Stärken:

Neben der Kreativität, Torgefährlichkeit und Antrittsschnelligkeit der Staroffensive ist es vor allem das neu erlernte Kurzpassspiel im Mittelfeld, das mit ordentlich Tempo und Spielgeist daher kommt. Zeiten, in denen Lust- und Ideenlosigkeit das Spiel der Franzosen dominierten, sind längst vorbei.

Schwächen:

Es ist das alte Problem der Équipe Tricolore. Es gibt viele gute Individualisten um Ribéry und Co., doch eine Einheit ist das Team nicht. Für Trainer Blanc wird es die größte Aufgabe des Turniers, seine Mannschaft in eine Form zu pressen, in die sich jeder einzelne Spieler einfügt und funktioniert.

Ein weiterer Nachteil: Kritische Stimmen von außerhalb häufen sich. Die Mannschaft steht zwar hinter dem Trainer, doch längst wurde Blanc vom Verbands-Präsidenten Noël Le Graët für seine Sturheit und kostspieligen Trainerstab getadelt. Auch Uefa-Präsident und Franzosen-Legende Michel Platini äußerte seine Bedenken und stellte die Qualität des Kaders wegen „zuviel Mittelmaß“ öffentlich in Frage. Unterstützung für das Team geht anders.

Besonderheit:

Vermutlich ist die soeben genannte fehlende Rückendeckung von allen Seiten die größte Besonderheit des Teams. Laurent Blanc steht ziemlich allein auf weiter Flur. Bei der EM spielt seine Mannschaft auch um seine Zukunft – und die ist nur gesichert, wenn Frankreich den Titel holt.

Gruppengegner:

England, Ukraine, Schweden

Wahrscheinliche Stammelf:

Lloris – Evra, Mexés, Rami, Debuchy – Diarra, M'Vila, Marvin Martin, Ribéry, Nasri – Benzema

Prognose:

Das Finale ist möglich! Aber genauso gut kann es schon nach der Vorrunde heißen: "Adieu, les Bleus". Der Kader spricht zwar gegen ein vorzeitiges Ausscheiden, doch die Gruppengegner sind nicht zu unterschätzen. Setzen sich die Franzosen hier souverän durch, kann die Euphorie sie ganz weit tragen.

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