Trend Junge Alte


Sie sind meist bunt und billig: Youngtimer haben zwar schon mehr als 20 Jahre auf dem Blechbuckel, sind neuerdings aber wieder groß in Mode.

Mit seinem ersten Auto hat Helge Thomsen vor allem Mitleid erregt. Gerade einmal 400 Mark hat ihn der rostbraune Ford Granada vor zwölf Jahren gekostet. "Die Leute haben das Auto angeschaut und verständnisvoll genickt: Klar, als Student kann er sich nicht mehr leisten", sagt er. Doch als die Freunde reicher wurden und die Familie kritischer, wandelte sich das Mitleid in Spott. "Was fährst du denn da für einen Schrotthaufen?", hänselten sie Thomsen. Der kurvte unbeeindruckt weiter mit dem alten Blech über Hamburgs Straßen - bis heute. "Und jetzt heißt es auf einmal: Geil, ein Granada", sagt Thomsen stolz.

Thomsen, 39, ist Chefredakteur der Zeitschrift "Motoraver", sein Ford Granada ist einer von derzeit rund einer Million in Deutschland zugelassenen Youngtimern. Die 20 bis 30 Jahre alten Autos liegen voll im Trend: Weil sie ein Lebensgefühl vermitteln und anders als die Oldtimer ohne das Stigma des Statussymbols auskommen, suchen immer mehr Käufer die kantigen Autos der 70er und 80er Jahre. Das Kraftfahrtbundesamt in Flensburg registrierte im vergangenen Jahr fast 50 Prozent mehr zugelassene Youngtimer als noch vor zehn Jahren. Und deren Besitzer sind kaum älter als ihre Autos. "Die 25- bis 40-Jährigen haben die Welt auf den Rückbänken dieser Autos kennengelernt. Dort, wo sie groß geworden sind, wollen sie jetzt am Steuer sitzen", sagt Thomsen.

Auch Jens Nodop, 36, fuhr schon vor 30 Jahren in einem 5er BMW durch die Gegend. "Das war eben unsere Familienkarre", sagt er. Heute hält er sich neben einem Porsche 928 auch einen resedagrünen BMW 633. "Das ist ein Vergnügen, das ich mir leisten kann", sagt er und rechnet vor, dass die beiden Youngtimer zusammen mit dem Alltags- smart nicht mehr gekostet haben als ein neuer Golf. Von dem aufgemotzten Interieur einiger Youngtimer hält Nodop dagegen wenig. Doch das Spielzeug aus den Siebzigern und Achtzigern ist fast genauso beliebt wie das Blech drum herum: Schaumstoffwürfel am Spiegel, Billardkugel auf dem Schaltknüppel, und auf der Heckablage wackelt Dackel Waldi.

In ihrem ersten Leben waren die Youngtimer als Gebrauchswagen konzipiert. Millionenfach liefen sie als Alltagsautos von den Bändern - die Nachfrage war enorm: Denn der Opel Rekord, Admiral und Commodore, der Ford Capri und Granada, der VW Scirocco hatten nicht nur Ecken und Kanten, sondern auch ein vernünftiges Preis- Leistungs-Verhältnis. Das ist bis heute so geblieben. Die Autos kosten je nach Typ und Zustand zwischen 2500 und 6000 Euro, TÜV-Plakette inklusive. Das begehrte H-Nummernschild, mit dem die Oldtimer zum Steuersparschwein werden, gibt es zwar erst ab Jahrgang 1976. Doch weil viele Youngtimer-Fahrer nicht nur einen Wagen, sondern gleich zwei oder drei rollende Souvenirs aus ihrer Kindheit besitzen, können sie bislang eine der begehrten roten 07er-Nummern beantragen: Auf das Wechselkennzeichen können mehrere mindestens 20 Jahre alte Fahrzeuge eingetragen werden. Diesen Vorteil gibt es allerdings nur noch bis Ende 2006. Doch für die Thirty-Somethings ist sowieso nicht der Preis entscheidend für den Kauf. "Die Leute kaufen mit dem Auto ein Lebensgefühl. Sie wollen Spaß auf der Straße und beweisen mit einem Youngtimer ihre Individualität", sagt Thomsen. "Die sind zu alt für Yamba und Ikea, aber hängen trotzdem noch an ihrer Jugend." Generation Golf lässt grüßen.

Auf die Pflege wird wenig Zeit verschwendet. Statt ihr Auto durch stundenlanges Wischen und Polieren zum Museumsstück zu tunen, kreuzen die Fahrer lieber durch das Großstadtdickicht. Beulen, Kratzer und andere Gebrauchsmerkmale werden gern in Kauf genommen. Alle zwei Jahre naht für viele Youngtimer-Fahrer allerdings der Schicksalstag. Wenn das angejahrte Gefährt durch den TÜV muss, kann aus dem geliebten Klassiker schnell ein Altauto werden.

Thomsen plagen noch ganz andere Sorgen. Weil seit den frühen 90er Jahren bei Autos die optische Monotie einsetzte, ist die Ära der Youngtimer begrenzt. "Bald wird der Nachschub knapp", befürchtet er.

Stéphanie Souron print

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