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Trendsport Mermaiding: Die Mutter aller Meerjungfrauen

Es ist eine Geschichte wie im Märchen: Kirsten Söller entwirft für ihre Tochter zu Fasching ein Meerjungfrauenkostüm. Sechs Jahre später beliefert sie mit ihren Magic Tails die ganze Welt. 

Von Jessica Kröll, Port Ghalib, Ägypten

Kirsten Söller in einem ihrer Nixen-Outfits: Aus dem Wunsch ihrer Tochter nach einem Meerjungfrauenkostüm entwickelte sie eine ganze Firma

Kirsten Söller in einem ihrer Nixen-Outfits: Aus dem Wunsch ihrer Tochter nach einem Meerjungfrauenkostüm entwickelte sie eine ganze Firma

Das Leben schreibt manchmal Geschichten, die sind wirklich filmreif. Die Geschichte von Kirsten Söller, 44, aus Waldkirch ist genau so eine. Eines Tages wünscht sich ihre Tochter ein Meerjungfrauenkostüm. Kirsten Söller erfüllt ihr diesen Wunsch – und stellt damit ihr ganzes Leben auf den Kopf.

Alles beginnt im Februar 2009. Moja ist acht Jahre alt, als sie sich von ihrer Mutter ein Meerjungfrauenkostüm wünscht, mit dem sie richtig schwimmen kann. "Ich hab ein paar Flossen genommen und mit einem Stück Holz zusammengeschraubt", erzählt Söller von dem Beginn ihrer märchenhaften Geschichte. Als Kostüm dient ihre eine Wachstischdecke, auf die sie, gemeinsam mit ihrer Tochter, in mühevoller Kleinarbeit mit Wachsmalkreide Schuppen malt. Die beiden machen sich auf ins nahegelegene Freiburg, ins Thermalbad. "Es hat keine zehn Minuten gedauert, da standen schon 15 Mädchen um uns herum und haben Fotos gemacht", so Söller. "Alle waren ganz angetan von dem selbstgebastelten Kostüm."

Erste Recherchen

Als Söller nach Hause kommt, erzählt sie ihrem Lebensgefährten von dem Erlebnis. "Der hat gleich mal im Internet nach Meerjungfrau und Schwanzflosse gesucht. Es gab zwar Einträge, aber keine Anbieter. Wenn es welche zu kaufen gab, dann für Schauspieler und nicht unter 2000 Euro." Also macht sich die gelernte Handweberin und Kunsttherapeutin ans Werk. "Ich habe anfangs viel herumexperimentiert. Mit Fahrradschläuchen, Isomatten oder andere Materialien. Überall im Haus lagen Stoffe oder Plastikteile herum." Ein halbes Jahr lang geht das so, bis sie schließlich das geeignete Design und eine Druckerei mit dem passenden Bikinistoff findet. Ihr Freund macht sich daran, die Webseite www.magictail.de zu programmieren. "Kaum war die online, hatten wir schon die ersten Bestellungen. Und das, obwohl noch nicht einmal Bilder zu sehen waren und die Lieferzeit acht Wochen betrug."

Die berufstätige Mutter stellt die tatsächlich zum Schwimmen geeigneten Meerjungfrauenkostüme zunächst in ihrer Freizeit her. "Ich habe nachts, an den Wochenenden und im Urlaub genäht", erzählt sie. Doch schnell wird ihr klar, dass es zu viel wird. Sie hängt ihren Job an den Nagel und stürzt sich in ihr größtes Abenteuer. Die ersten Stoffe und Materialien für die Flossen kauft sie noch von ihrem Ersparten und finanziert die anderen durch Verkauf mit Vorkasse. "Ich wollte keinen Kredit aufnehmen. Ich wusste ja nicht, wie sich das Geschäft entwickelt", so Söller.

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Es läuft besser als erwartet

Eines Tages erhält die Unternehmerin einen Anruf vom CEO und Founder der "Miss Mermaid"-Wahl. William Balser bittet sie, bei seiner Veranstaltung die Kandidatinnen mit ihren Schwanzflossen auszustatten. Und nicht nur das. Kirsten Söller soll mitfahren und die jungen Teilnehmerinnen aus den USA, Mexiko, Ägypten, Serbien, Tunesien, England, Deutschland, Frankreich, Belgien und der Schweiz zu Meerjungfrauen ausbilden. In Ägypten, wo in diesem Jahr am 27. Oktober die Wahl in einem 5-Sterne-Luxusresort in Port Ghalib stattfindet, unterrichtet sie die jungen Frauen im Flossenschlagen und gibt Hilfestellung beim Apnoetauchen und Unterwasser-Posing. Bei dem Event trifft Söller auf Menschen wie Markus Wagener (Spitzname "Hightower", bekannt aus "Goodbye Deutschland") oder die Nichte von Musiklegende Quincy Jones, Tracy Frank Mayer, die beide in der Jury sitzen. Der Gouverneur der Red Sea Region, Ahmed Abdullah, überreicht höchstpersönlich den Siegerpokal. 

Mermaiding-Unterricht in Ägypten: Kirsten Söller (links mit Taucherbrille) lehrt die Mädchen den Umgang mit der Flosse

Mermaiding-Unterricht in Ägypten: Kirsten Söller (links mit Taucherbrille) lehrt die Mädchen den Umgang mit der Flosse

Kirsten Söller kann es selbst kaum glauben, wohin der Wunsch ihrer Tochter, einmal im Leben Meerjungfrau zu sein, sie geführt hat. Mittlerweile ist aus ihrem Zwei-Mann-Betrieb ein Unternehmen mit 20 Mitarbeitern, einer großen Näherei mit eigener Flossenabteilung und 600 Quadratmeter Büro-, Produktions- und Lagerfläche geworden. 2012 gründete sie die Magic Tail GmbH, die pro Jahr etwa 15.000 bis 20.000 Meerjungfrauenkostüme in mehr als 100 Länder der ganzen Welt verschifft. Denn das sogenannte Mermaiding hat sich inzwischen zu einer Trendsportart entwickelt. Es gab 2016 sogar Meerjungfrauen-Meisterschaften und im deutschsprachigen Raum existieren mehr als 100 Nixenschulen, die das Mermaiden lehren. Die Meerjungfrauenkostüme haben Kirsten Söller jede Menge Glück gebracht. "Mein Leben ist ein wahr gewordenes Märchen", sagt sie. 

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