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Wer steckt hinter ...: ... dem Chanel-Konzern?

Heimliche Geschäfte, unheimlicher Erfolg: Die Brüder Gérard und Alain Wertheimer haben Chanel zur erfolgreichsten Luxusmarke der Welt aufgebaut.

Chanel ist die bekannteste Modemarke der Welt, Coco die berühmteste Modeschöpferin, der Duft No 5 das meistverkaufte Parfüm, Karl Lagerfeld amüsiert seit 22 Jahren mit medialer Allgegenwart als Chanel-Designer - lauter Rekorde, und hier ist noch einer: Alain und Gérard Wertheimer, die Besitzer von Chanel, sind die schlimmsten Geheimniskrämer der Branche.

Bei den Chanel-Schauen sitzen die Brüder in den hinteren Reihen, bei Boutique-Eröffnungen und auf Partys sieht man sie nie, sie meiden die Kreise der Pariser Hautevolee mit beleidigender Hartnäckigkeit; Interviews geben sie grundsätzlich nicht und auf Fragen nach dem Geschäft die immergleiche Antwort: "Chanel ne donne pas des chiffres" - Chanel nennt keine Zahlen.

Mit beispielloser Diskretion haben Alain und Gérard die Geschäfte geführt, seit sie 1974 das Haus Chanel übernahmen. 1924 hatte sich Großvater Pierre vertraglich mit Coco Chanel zusammengetan, um den Verkauf ihres Parfüms No 5 zu organisieren. 1940 mussten er und sein Bruder Paul vor den Nazis aus Paris nach New York fliehen; 1954 ging die Marke Chanel komplett in Wertheimer-Besitz über.

Heute ist das Firmengeflecht des Konzerns "blickdicht" konstruiert, wie das amerikanische Businessmagazin "Forbes" lobend anerkennt, sodass über die Ausmaße des Unternehmens nur spekuliert werden kann: Vermutlich macht die Höhe der Einkünfte Chanel zum größten Luxusunternehmen der Welt, noch vor Louis Vuitton. Hätte nicht Gérard vor ein paar Jahren in einem schwachen Moment einer Reporterin der "New York Times" gegenüber geplaudert, dann wüssten wir bis heute nicht, was es mit all der Heimlichkeit auf sich hat: "Es geht um Chanel. Es geht um Karl. Es geht um alle, die für Chanel entwerfen und arbeiten", sagte Gérard. "Es geht nicht um die Wertheimers."

"Zwei tolle Brüder"

Geschadet hat die Diskretion nicht, weder Chanel noch den Brüdern: Sie besitzen eine imposante Gemäldesammlung (Picasso, Matisse, Rousseau ...), immens viele Immobilien, ein paar Weingüter im Bordeaux und ein Chalet in den Schweizer Alpen. Gérard lebt in Genf und hält die um die Welt verteilten Pferdegestüte der Familie am Laufen; Alain lebt auf der New Yorker Fifth Avenue, und vielleicht badet er dort in Geld - das Familienvermögen wird auf fünf Milliarden Dollar geschätzt.

"Zwei tolle Brüder", findet Karl Lagerfeld, der seit 1983 in ihren Diensten steht und dessen Chanel-Vertrag "aus nur einer Seite für die Bank" besteht. "Ansonsten herrscht Vertrauen zwischen uns", sagt er. "Ich kann machen, was ich will." Wer so angenehme Arbeitsbedingungen hat, dem nimmt man nicht übel, dass er den eigenen Chef in den Himmel lobt: "Es gibt nur ein göttliches Wesen im gesamten Modegeschäft, und das ist Alain Wertheimer", beteuert Lagerfeld. "Wenn er nicht wäre, würde Chanel nicht funktionieren."

Dem Vernehmen nach soll der Gepriesene seine Dankbarkeit für dieses Loblied mit einer Drohung vergolten haben: Wenn Karl sich eines Tages zurückziehen werde, dann werde auch das Kapitel Wertheimer bei Chanel zu einem Ende kommen. Hat Alain so gesagt, angeblich. Ganz sicher weiß das aber niemand.

Dirk van Versendaal / print