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Wer steckt hinter...: ...dem Montblanc-Füller?

Lutz Bethge, der Geschäftsführer von Montblanc, hat den Füllfederhalter zum Prestigeobjekt erhoben - und sein Unternehmen damit auf Luxuskurs gebracht.

Von Oliver Creutz

Wenn Lutz Bethge sein Jackett öffnet, um in die Innentasche zu greifen, wirkt er für einen Moment wie die Sesamstraßen-Figur Schlemihl, die Ernie verschwörerisch zuflüstert: "Pssst, willst du ein O kaufen?" Doch Bethge offenbart keine Buchstabensammlung, sondern eine Auswahl an teuren Schreibgeräten. Bei fast allen Exemplaren handelt es sich um neue Produkte von Montblanc, der Firma, deren Geschäfte Bethge führt: Füllfederhalter und Kugelschreiber in höchst edler Form. "Ich trage sie bei mir, um sie für unsere Produktabteilung zu testen", erklärt der 50-Jährige. Nur ein Füller ist schon älter; bei ihm handelt es sich um das Modell "Meisterstück", das Bethge zu seinem Dienstantritt vor 16 Jahren überreicht bekam: "Mit ihm unterschreibe ich Geschäftsverträge und verfasse liebe Briefe an meine Frau."

Für solch gewichtige Anlässe scheint das "Meisterstück" wie geschaffen; einer tiefschwarzen Minihantel gleich liegt es in der Hand, und löst man den Schraubverschluss, zeigt sich die Goldfeder, in welche die Zahl 4810 graviert ist - die Meterhöhe des Montblanc. 1924 wurde dem "Meisterstück" seine Form gegeben, 18 Jahre nachdem der Schreibwarenhändler Claus Johannes Voß, der Bankier Alfred Nehemias und der Ingenieur August Eberstein sich 1906 zusammengetan hatten, um einen Federhalter zu erschaffen, der kein Tintenfass mehr brauchte, da er die Tinte in seinem Bauch trug. Seit 1909 firmiert das Unternehmen als Montblanc mit Sitz in Hamburg, sein Erkennungszeichen ist ein weißer Stern, bei dem es sich um die Nachbildung der Gletscherzungen des Mont Blanc handelt. Anfang der 90er Jahre wurde die Firma Teil des Luxuskonzerns Richemont, unter dessen Dach auch Marken wie Cartier und Dunhill ihren Platz haben.

"Schreiben ist Macht"

Im Erdgeschoss des Unternehmenssitzes nahe des Hamburger Volksparks findet sich die Werkstatt: Hier erhalten die Goldfedern ihren Schliff. Mikrometerarbeit, die von jedem einmal übernommen werden muss, wie Lutz Bethge erläutert: "Jeder neue Mitarbeiter schleift seine eigene Feder, um Demut vor dem Handwerk zu erlernen." Auf das Werk von Händen hat sich Montblanc spezialisiert - und sich eine verkaufsfördernde Philosophie zurechtgelegt: "Computer haben das Schreiben automatisiert", sagt Bethge, "dadurch haben wir vergessen, was Schreiben bedeutet." Schreiben sei Macht, behauptet er und verweist auf den Federstrich des Königs, der über Krieg und Frieden bestimmt.

Ein Stift verwandelt sich auf diese Art in ein Machtobjekt ("Power Pen sagen sie an der Wall Street dazu", so Bethge), in einen Lebensbegleiter, den man später weitergibt - "Opa hat mir sein Meisterstück vermacht" hört sich einfach besser an als: "Er hat mir einen Plastikkuli hinterlassen." Um das Erinnerungsstück noch wertvoller zu machen, hat sich Montblanc auf limitierte Editionen kapriziert: Im Jubiläumsjahr kommen drei "Meisterstücke" auf den Markt, bei denen das Montblanc-Massiv aus blauen und weißen Diamanten nachgebildet wurde.

Konsequent betreibt Bethge die Erweiterung des Schreibgeräteherstellers zum Luxusunternehmen. Längst tragen auch Lederwaren, Uhren und Schmuck große Teile zum Gesamtumsatz bei. Einen Nachteil gegenüber den Federhaltern haben sie dennoch: Man kann sie so schlecht in Jackett-Innentaschen herumtragen.

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