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Die Frage nach dem Warum: Massenansturm strapaziert den Montblanc

Hätte das schwere Lawinenunglück am Montblanc vermieden werden können? Das Drama mit neun Toten wirft viele Fragen auf - auch die nach dem Massentourismus auf Europas höchstem Berg.

Wie war es möglich?" Das schwere Lawinenunglück vom Montblanc macht Jean-Louis Verdier, den stellvertretenden Bürgermeister von Chamonix, zum viel befragten Mann. Immer wieder muss der für Sicherheitsfragen zuständige Bergführer aus der französischen Alpenstadt die gleiche Reporterfrage beantworten. Eine derart verhängnisvolle Lawine mitten im Sommer? Hätte die Katastrophe vermieden werden können?

Er selbst sieht das Schicksal am Werk bei dem Unfall, der am Donnerstagmorgen in 4000 Metern Höhe neun Menschen - darunter drei Deutschen - den Tod brachte. Schlechtes Wetter oder fahrlässiges Verhalten schließt er weitgehend aus.

Doch bei Fragen nach dem Massentourismus auf Europas höchstem Berg muss auch er zugeben: "Natürlich gibt es höhere Risiken, wenn viele Menschen im Berg sind." Jährlich sind es Tausende aus aller Welt, die sich den Traum der Ersteigung des Montblanc ermöglichen wollen. An manchen Tagen tummeln sich nach französischen Medienberichten bis zu 500 Menschen in dem Gebirgsmassiv.

Trägt der Massentourismus Mitschuld?

"Heute machen sich viele an den Montblanc-Aufstieg à la carte, als ob sie zum Gummihüpfen gingen", kritisiert etwa Gael Bouqet des Chaux vom französischen Bergsteigerverband in einem Interview. Einen fünftägigen Schnupperkurs mit anschließender Montblanc-Besteigung gebe es schon für um die 1000 Euro. Als Voraussetzung wird in der Regel nur eine gute körperliche Verfassung gefordert, schrieb die Zeitung "Le Parisien".

Hat also der Massentourismus Mitschuld an dem Drama? Auch wenn es zum fraglichen Zeitpunkt kein Gedränge gegeben habe, meint Verdier: "Na klar: Wäre da niemand gewesen, wäre auch nicht die Eisplatte gebrochen." Dem TV-Nachrichtensender BFM erklärte er: "Die ist von den vielen Leuten strapaziert worden."

Die Eisplatte wird nach bisherigen Erkenntnissen als ursächlich angesehen für die Lawine, die gegen 5.15 Uhr über die Seilschaften hinwegrauschte. Die Bergsteiger stammten nach Medienberichten aus Deutschland, der Schweiz, den USA, Großbritannien, Spanien und auch Serbien und Dänemark.

Warum das Unglück am Montblanc geschah, ist noch unklar. Mehr dazu lesen Sie auf der nächsten Seite...

"Wie in einer Waschmaschinentrommel"

Eine andere Hypothese, die Staatsanwalt Pierre-Yves Michau ins Spiel brachte, ist die von einer Schneeschicht, die vom Wind aufgetürmt wurde. Unter dem Gewicht der Bergsteiger könnte sie ins Rutschen geraten sein. Er will die Frage nach der konkreten Ursache in den nächsten Wochen mit Hilfe von Lawinenexperten klären.

Unter den Toten ist nach Informationen der britischen BBC auch einer der erfahrensten britischen Bergsteiger, der als Bergführer arbeitende Roger Payne. Viele Angehörige der Opfer wurden am Freitag in Chamonix erwartet.

Zwei von der Lawine erfasste Dänen kamen ebenso wie ihr Bergführer Daniel Rossetto mit leichten Verletzungen davon. Die Lawine sei plötzlich und "ohne Geräusch, nur mit einem Hauch" über die Gruppe hereingebrochen, sagte der 63-jährige Rossetto der Zeitung "Le Parisien". Er sei wie in einer Waschmaschinentrommel durchgeschleudert worden. Auch er bestätigte: Die Wetterbedingungen waren angemessen für die Expedition. Eine Meinung, die von Behördenvertretern geteilt wird.

Die Natur als Freizeitpark

Das Drama befeuert die Kritik am Massentourismus auf den alpinen Gipfeln ebenso wie auf Bergmassiven anderer Kontinente. "Die Natur wird degradiert zu einer Art Freizeitpark", kritisierte am Freitag der Abenteurer und Polarfahrer Arved Fuchs im ZDF-Morgenmagazin. Auch wenn die Motivation in diesem Fall eine andere gewesen sein könne, sehe er eine bedenkliche Tendenz zu einer Art Wettbewerb: "Man möchte sich schmücken mit Gipfeln und geografischen Positionen." Da sei der Wunsch häufig stärker als die eigene Fähigkeit.

Im Reisebüro könne man Expeditionen auf den Mount Everest und zum Nord- oder Südpol buchen, nicht aber die für solche Touren notwendigen Fähigkeiten. Allerdings betonte er, dass er im aktuellen Fall keine Rückschlüsse auf das Verhalten der Bergsteiger ziehen könne. Alles deute auch für ihn eher auf ein Unglück hin.

Ralf E. Krüger, DPA / DPA