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Lawinenunglück mit neun Toten: Montblanc - Massenmagnet und Todesfalle

Drama in den Alpen: Eine Lawine reißt neun Bergsteiger am Montblanc in den Tod. Der höchste Gipfel der Alpen gilt als relativ leicht zu bezwingen - doch genau das macht ihn so gefährlich.

Von Niels Kruse und Thomas Schmoll

Mit den Namen Jacques Balmat und Michel-Gabriel Paccard können wohl die wenigsten etwas anfangen. Dabei sind die beiden Helden und haben wahre Pionierarbeit geleistet. Die zwei Urgesteine des Alpinismus waren vor mehr als 200 Jahren die Ersten überhaupt, die den höchsten Berg der Alpen bestiegen haben: den Montblanc, der damals noch "verfluchter Berg" genannt und erst später zum "Weißen Berg" wurde. Seinen Namen verdankt er der ewigen Schneedecke, die bis zu 4810 Meter in die Höhe ragt. Am 7. August 1786 brachen die zwei Bergsteiger vom französischen Chamonix aus auf. Einen Tag später standen sie auf dem Gipfel des Montblanc.

Was für die Vorgänger von Reinhold Messner noch absolutes Neuland war, gehört heute zumindest im Sommer zum Alltag von Chamonix: Tag für Tag marschieren Scharen von Bergsteigern los mit dem Ziel, den Montblanc zu besiegen. 20.000 sind es pro Jahr. 2006 klagte der Bürgermeister der am Fuße des Berges gelegenen Gemeinde Saint-Gervais über die Touristenmassen: "Der Gletscher war vom Urin der Touristen gelb gefärbt", wird er 2006 von Bergführer Stefan Keck zitiert. Was den Berg so faszinierend und attraktiv macht, ist seine Höhe - zusammen mit dem kaukasischen Elbrus ist er der höchste Berg Europas - und sein relativ geringer Schwierigkeitsgrad. Und genau das macht ihn so gefährlich.

Ein Unfall aus purem Zufall

40 Menschen sterben im Durchschnitt jährlich am Montblanc. Mehr als am höchsten Gipfel der Welt, dem Mount Everest. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass sich deutlich mehr Bergsteiger am Montblanc versuchen als am Everest, aber eben auch damit, dass viele Alpinisten, vor allem unerfahrene, die die Gefahren des Berges schlicht unterschätzen. "Natürlich stürzen sich viele auf diesen prominenten Gipfel, sie wollen ihn unbedingt erreichen. Er ist praktisch ein Höhepunkt jedes Bergsteigerlebens", sagt Stefan Winter von Deutschen Alpenverein (DAV). Dass nun innerhalb von einer Woche gleich zwei Gruppen in den Alpen verunglückt sind, sind für ihn "tragische Einzelfälle". Es sei purer Zufall gewesen, dass zum Unglückzeitpunkt so viele Personen am Hang zum Gipfel des Montblanc gestanden haben, so Winter in einem Interview mit der Nachrichtenagentur DPA.

Auslöser des jüngsten Unglücks, bei dem neun Menschen, unter ihnen drei Deutsche, ums Leben gekommen sind, war eine Lawine. Der Gebirgspolizei von Chamonix zufolge ereignete sich der Unfall in rund 4000 Metern Höhe am Mont Maudit, ein Berg, über den der Aufstieg zum Montblanc auf einer technisch nicht allzu schweren Route erfolgt. Ersten Erkenntnissen zufolge löste sich eine 40 Zentimeter tiefe Schneeplatte und begrub die Bergwanderer unter sich, sagte der Präfekt des Departement Haute-Savoie, Philippe de Rumigny. Vermutlich sei der Schnee von einem Bergsteiger losgetreten worden. Der französische Wetterdienst jedenfalls hatte keine Lawinenwarnung gegeben. Starke Winde machen den Bergsteigern das Leben schwer, wenn sie an den Graten mit steil abfallenden Flanken heraufklettern.

"Es gibt keine Gesetzmäßigkeiten bei solchen Unfällen"

Auch zu dieser Jahreszeit sind Lawinen auf dieser Höhe der Alpen nichts Ungewöhnliches, erst Recht nicht am Mont Blanc, wo es schon auf 3500 Meter Höhe verdammt stürmisch werden kann. Grund sind Schlechtwettersituationen. "Wir haben eine Westwetterlage mit Nordwestwind. Das bedeutet niedrige Temperaturen im Bereich zwischen 3000 und 4000 Metern", sagt Winter. Dazu kämen feuchte Luft und starke Winde, die auch im Sommer zu einem Lawinenunglück führen könnten. Leider helfen am Berg selbst präzise Wetterberichte nur grob, da sich die Verhältnisse dort schnell ändern können. "Die Bergsteiger müssen selber aufpassen und schauen: Wo sind gefährliche Stellen - und wie verhalte ich mich?", sagt Winter. Unglücke wie diese seien selbst bei größten Sicherheitsvorkehrungen nicht zu vermeiden. Winter: "Es gibt für diese Unfälle keine Gesetzmäßigkeiten, so dass man keine Regel daraus machen kann."

Der Weg hinauf zum Gipfel des Weißen Berges ist nicht markiert. Wer den Aufstieg zum Gipfel wagt, riskiert sein Leben. Auf der leichtesten Route nach oben, der Gouter-Route, besteht an einer Traverse, also der Überquerung eines Steilhangs, hohe Steinschlaggefahr, weshalb der Montblanc nicht ohne Helm begangen werden darf. Es gibt immer wieder Unfälle, die nicht tödlich enden. Rettungshelikopter sind am Montblanc im Dauereinsatz. Immer wieder erwischt es unerfahrene Bergsteiger, die höhenkrank werden, weil sie ungenügend vorbereitet und aklimatisiert sind. Kein Wunder, dass immer wieder die Diskussion über Beschränkungen entflammt, also die Zahl der Alpinisten festgelegt werden soll, die jedes Jahr die Erlaubnis erhält, den Weg nach oben antreten zu dürfen. Aber die Debatten enden stets im Nichts - weil es dann viele illegal versuchen würden. Und das macht den Berg auch nicht ungefährlicher.

Von:

Thomas Schmoll und