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Wiesn: Wie das Oktoberfest zur "Oktoberfestung" wurde

Diese Jahr ist beim Oktoberfest alles anders: Zäune und Sicherheitskontrollen sollen mögliche Terroranschläge verhindern. Viele Promi-Stammgäste sagten ihre Anwesenheit ab.

Von Rupp Doinet

Oktoberfest

Das weltbekannte Oktoberfest in der Abenddämmerung.

Wer heuer auf das Münchner Oktoberfest will, die "Wiesn", der sollte zuerst die "Milchprobe" bestehen. Nämlich versuchen, drei Packungen  Milch in der Tasche zu verstauen, die er mitnehmen möchte, wie es Münchens Bürgermeister Josef Schmid, CSU, erklärte, der auch Chef der Wiesn ist. Gelingt der Versuch, bleibt dem Besucher das größte Volksfest der Welt verschlossen. Da nämlich sind nur noch Taschen oder Rucksäcke erlaubt, die weniger als drei Liter fassen und nicht größer sind als 10x15x20 cm.

Nach den mörderischen Anschlägen in München, Würzburg und Ansbach mit insgesamt zwölf Toten wurden für die Wiesn 2016 alle denkbaren Sicherheitslücken geschlossen. Zum ersten Mal in ihrer 206-jährigen Geschichte ist sie heuer vollkommen umzäunt. Selbst die letzte Lücke, am sogenannten "Kotzhügel" hinter den Bierburgen, wo die "Bierleichen" öffentlich ihre Räusche ausschlafen, wurde geschlossen. Ein 250 Meter langer "secu fence", der bei einer Panik innerhalb von 50 Sekunden eingerollt werden kann, versperrt den bisher offenen Zugang. Niemand soll unkontrolliert Bierhallen oder Schaustellerstraßen betreten.

Neues Sicherheitskonzept : Was Wiesn-Besucher jetzt wissen müssen


Für die bis zu knapp sieben Millionen Besucher des Oktoberfests gibt es 15 Eingänge, die ständig von Sicherheitskräften überwacht werden. Sie können mit Metalldetektoren Besucher kontrollieren, zu großes Gepäck einziehen und verwahren - und die Wiesn bei Überfüllung komplett schließen. Insgesamt sichern 450 zivile Ordner das Fest und 600 uniformierte Polizisten die zwischen Zelten, Fahrgeschäften und Würstlbuden patrouillieren. Und natürlich sind die Bierburgen mit Videokameras bestückt und eigener "Security" gesichert. Dass die, wie immer wieder behauptet, zum Teil mit Schusswaffen ausgerüstet ist, wird offiziell heftig dementiert.

"Sicherstes betreutes Besäufnis ever"

"Oktoberfestung", sagen Münchner Kritiker der "Hochsicherheits-Wiesn" oder: "sicherstes betreutes Besäufnis ever", aber auch: "Wost hischaugst, Bullen". Die Münchner sind gespalten, in Befürworter und Gegner der Wiesn. Das waren sie immer, aber diesmal sind sich selbst notorische Wiesn-Fans uneins, ob sie sich trauen dürfen. Sich "nicht bange machen lassen", oder bedenken, was für ein Triumph ein geglückter Anschlag auf das weltberühmte Volksfest für den Terrorismus wäre - das ist hier die Frage.

Die spektakulärste Absage kam von der Autoverleiherin Regine Sixt. 1400 Plätze hatte sie im Marstall-Zelt reserviert, bevor sie aus Angst vor Anschlägen ihre Charity-Damen-Wiesn "Tränchen trocknen" stornierte. Werner Baldessarini, Modemacher, der gerne mit den Klitschkos feiert, traut sich nicht. Helmut Baurecht aus der Kosmetik-Branche verzichtet, Evi Brandl, Modeschöpferin, mag nicht. Auch Trachtenvereine haben abgesagt. Beim Heimat- und Trachtenverein Bernried entschieden sich von 65 Trachtlern nur drei für die Teilnahme am Trachtenumzug zur Theresienwiese. Bei der "Schwälmes Tanz- und Trachtengruppe Loshausen" aus Hessen waren es zwei von 17. Dummerweise hatten sie bereits ein Hotel reserviert. 8000 Euro Anzahlung sind futsch.

Für die Festwirte ist das alles offiziell kein Problem. Zu viele Leute wollen auf die Wiesn. Und wenn es gut ausgeht und abgesehen von den üblichen Schlägereien nichts weiter passiert, profitieren sie sogar. Denn wegen des Verbots von Rucksäcken und der großen Taschen werden die Diebstähle von Maßkrügen - 220.000 waren es 2015 - "wohl zurückgehen". Und die Mehrkosten für Sicherheit, werden sowieso im nächsten Jahr in den Preis für eine Maß "eingepreist".