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Interview

Zum Tod von Werner Böhm: "Ich bin oft traurig, dass ich meine größten Erfolge als Spaßsänger hatte"

Als Gottlieb Wendehals landete der Hamburger 1981 einen ewigen Karnevalshit: "Polonäse Blankenese". Kurz vor seinem 79. Geburtstag ist Werner Böhm auf Gran Canaria gestorben. 2017 gab er dem stern ein Interview. Zeitlebens haderte er mit seiner Rolle als Schlagersänger.

Dieses Interview mit Gottlieb Wendehals führte der stern im Februar 2017.

Schwarz-weiß kariertes Jackett, pomadiger Mittelscheitel, ostfriesischer Dialekt – so standen Sie als Gottlieb Wendehals auf der Bühne. Und hatten stets eine alte Aktentasche dabei und ein gelbes Gummihuhn. Gibt es das noch?

Ja. Liegt gerade neben meinem Laufband und schläft. Am liebsten würde ich es dort liegen lassen. Geht aber nicht. Wenn ich einen Auftritt habe, fragt der Veranstalter sofort: "Haben Sie auch Ihr Huhn dabei?" Völlig durchgeknallt. Mittlerweile bin ich 75. In meinem Alter noch mit einem Huhn durch die Gegend zu laufen ist albern.

Ihre "Polonäse Blankenese" ist noch immer ein Kultsong zu Karneval. Ihr verrücktester Auftritt?

Einmal hatte ich zuerst einen Auftritt in Köln und danach gleich in Düsseldorf. Irgendwie muss ich in Gedanken noch in Köln gewesen sein, denn ich habe in Düsseldorf zur Begrüßung "Kölle Alaaf" in die Menge gerufen. Ein Riesenfauxpas! Da verstehen die Düsseldorfer keinen Spaß. Die wollten mich verprügeln und haben mich auf der Bühne mit allem beworfen, was sie gerade zur Hand hatten – etwa mit Bierflaschen und Berlinern. Letztlich musste ich durch den Hinterausgang flüchten!

Werden Sie heute noch als Gottlieb Wendehals gebucht?

Ja. In dieser Karnevalssaison habe ich mehrere Auftritte, unter anderem in einer sehr bekannten Altstadtkneipe in Düsseldorf.

Früher verdienten Sie Millionen.

Damals war ich auch ein Big Spender. Bei einem Auftritt in einer Disco in Münster sagte ich spontan: "Ich lad euch alle ein!" Der Besitzer stellte kistenweise Bier und Cola auf die Bühne und meinte nachher, die Gage sei versoffen. Um die 18 000 D-Mark. War mir aber egal. Alle waren glücklich, das war die Hauptsache!

Vor neun Jahren mussten Sie Privatinsolvenz anmelden, hatten 600.000 Euro Schulden. Wovon leben Sie heute?

Ich habe viele Songs für andere Künstler geschrieben. Neben den Auftritten sind meine Gema-Tantiemen heute eine wichtige Einnahmequelle. Allerdings verdient meine Frau Susanne mittlerweile die Brötchen, und ich kümmere mich um unseren zehnjährigen Sohn Jerome, wenn sie unterwegs ist. War erst etwas gewöhnungsbedürftig, aber ist nun mal so. Sie ist gut 30 Jahre jünger und ein gefragtes Model. Ein bildhübsches Weib, das es locker mit jedem Girlie aufnehmen kann.

In den vergangenen Jahren machten Sie durch Ihre Alkoholprobleme Schlagzeilen. Wie geht es Ihnen heute?

Mittlerweile kann ich gut mit Alkohol umgehen. Ich weiß genau, wann ich mir einen kleinen Trip erlauben kann, bereue ihn anschließend aber schnell. Meine Frau mag das auch gar nicht. Die gibt mir ordentlich Zunder. Ich alter Sack bin unheimlich stolz, so eine Traumfrau zu haben. Deshalb versuche ich auch, mich fit zu halten, und mache viel Sport. Teilweise stehe ich um halb drei Uhr nachts auf und gehe eine Stunde aufs Laufband. Danach stemme ich Gewichte. Das geht nur, wenn ich trocken bin.

Gibt’s Pläne für eine Zukunft als Musiker?

Ja. Vor Kurzem habe ich mit Gunter Gabriel einen ironischen Schlager geschrieben, Titel: "Arbeitsloser Star". Jetzt versuchen wir, den Song bei einem Musiklabel unterzubringen. Schwierige Angelegenheit!

Frustrierend?

Definitiv. Ich bin auch oft traurig, dass ich meine größten Erfolge als Spaßsänger hatte – obwohl ich eigentlich ein ernsthafter Jazzpianist bin. Aber leider wollen die Leute nur den Wendehals hören!

Interview: Sabine Hoffmann
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