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Filmkritik: Online-Wahn und Planlosigkeit – zeigt "LOMO" die Jugend von heute?

Nichts im Kopf, außer ein Mädchen und seine Follower: Karl soll der Protoyp eines Teenagers aus dem 21. Jahrhundert sein. Aber so richtig haut das Konzept des Films "LOMO - The Language of Many Others" nicht hin.

Auch wenn "LOMO - The Language Of Many Others" ein paar gute Ansätze hat, kriegt der Film einfach nicht die Kurve

Auch wenn "LOMO - The Language Of Many Others" ein paar gute Ansätze hat, kriegt der Film einfach nicht die Kurve

Die Panik, dass der eigene Computer gehackt und die Videokamera aktiviert wird, verstärkt sich noch mal richtig schön, wenn man "LOMO – The Language Of Many Others" geguckt hat. Anschließend klebt man auf jeden Fall ein Post-It auf die Linse im Laptop-Deckel. 

Darum geht's: Er hat schlechte Noten, eine Schwester, die ihn in den Schatten stellt, und einen Vater, der sich mehr für seine Arbeit interessiert als für seinen Sohn: Karl (Jonas Dassler) hat es nicht leicht. Das Einzige, was es für ihn erträglich macht, ist sein "The Language Of Many Others", der dem Film den Namen gibt. Darin veröffentlicht er Videos von seiner Familie am Esstisch und nihilistische, deprimierende Zitate, die auch auf Instagram gut abgehen würden. Zum Beispiel: "Die meisten Menschen glauben, sie wären einzigartig. Dabei sind sie nur Bakterien im Darm eines ziemlich hässlichen Hundes."

Dass Karl von seinen Eltern eigentlich gar nicht so schlecht behandelt wird, er ihnen aber das Leben zur Hölle macht und die Konsequenzen daraus erlebt, merkt er allerdings nicht. Karl ist viel zu verplant und zu tief in Selbstmitleid versunken.

Das zentrale Thema in "LOMO" ist Karls Blog.

 Karl benutzt die Plattform, um mit seiner internationalen Fanbase in Kontakt zu treten, aber auch, um der eigenen Welt zu entfliehen. Seine Follower scheinen fast mehr an seinem Leben interessiert zu sein als er selbst: Sie sind ständig online, sodass der Eindruck entsteht, sie täten nichts anderes, als vor dem zu hocken und darauf zu warten, dass Karl wieder ein neues Zitat raushaut, das ihnen die Welt erklärt.

Die Blogkonversationen werden im "House of Cards"-Chat-Stil gezeigt, allerdings wirken sie durch das veraltete Chat-Format eher so, als wäre sie bereits 2005 entstanden. Im Gegensatz dazu scheint der Blog selbst fast ein Produkt aus der Zukunft zu sein. Vor allem in Szenen, in denen Karls Follower ihren Helden blind über eine in einem Ansteckbutton versteckte nach Hause führen.

Dann ist da noch die Liebesgeschichte...

Als Karl die neu dazu gezogene Doro (Lucie Hollmann) das erste Mal im Klassenzimmer sieht, und sein Kumpel ihm schreibt "Die ist echt heiß" und er antwortet: "Standard" weiß man, dass sich da was anbahnen wird. Und Bingo: Die erste Liebesnacht nehmen sie prompt bewusst auf Video auf. Daraufhin landet das Video dann auch ziemlich schnell im Netz. 

Eigentlich ist die Idee des "Revenge-Porn" aktueller denn je, doch genau das ist das Problem. "The language of many others" versucht mit aktuellen Themen wie gefährdete Privatsphäre, Online-Sucht und Mikro-Kameras modern und realistisch zu sein, die Umsetzung gelingt dem Film jedoch nicht immer. Das Resultat sind dann oft Klischee-geladene Szenen, die man schon häufig in anderen Filmen gesehen hat.

Die Musik ist gut gewählt und oft schlau zusammen geschnitten. 

Auch wenn die Geschichte zu wünschen übrig lässt, ist die Kamera-Führung spitze. Die oft gewagten Close-Ups oder verdunkelten Szenen retten Teile des Films. Dazu ist auch die sehr treffend gewählt. Sie vermittelt oft genau das passende Gefühl: Während einer Hausparty erinnert die Musik direkt an die letzte Party auf der man war. 

"LOMO" ist einfach zu spät dran

Insgesamt ist "LOMO – The Language Of Many Others" für mich leider zehn Jahre zu spät dran. 

Trotzdem ist der Film zu empfehlen, wenn man sich besonders auf die relevanten Themen fokussiert: Geschwister, die auf einmal ins Ausland gehen, um dort zu studieren. Das Verlangen, sein Privatleben online zu teilen. Der zeitlose Konflikt zwischen Jugendlichen und ihren Eltern. 

"LOMO - The Language Of Many Others" läuft ab dem 12. Juli im Kino.

jpb