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Meinung

Comedy-Folge gelöscht: Ungeheuerliche Zensur: Es ist peinlich, dass Netflix vor Saudi-Arabien den Schwanz einzieht

Kritik an Kronprinz Salman? In Saudi-Arabien nicht erwünscht! Das musste jetzt auch Netflix erfahren. Nur leider zeigt der Streamingdienst auf den Druck des Königshauses in Riad die völlig falsche Reaktion.

Netflix Saudi-Arabien

Mohammed bin Salman, Kronprinz von Saudi-Arabien, steht international in der Kritik. Netflix ist das egal.

Netflix hat nach einer Beschwerde aus Saudi-Arabien eine Sendung aus seinem Angebot im Königreich entfernt: Die besagte Episode der Comedy-Reihe "Patriot Act mit Hasan Minhaj" hatte sich mit der Ermordung des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi und dem militärischen Engagement Saudi-Arabiens im Jemen auseinandergesetzt. "Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, unsere Beziehungen zu Saudi-Arabien zu überdenken", hat US-Komiker Minhaj darin unter anderem gesagt. "Und ich meine das als Muslim und als Amerikaner."

Netflix hat die Löschung der Folge gegenüber der "Financial Times" bestätigt – und diese Entscheidung ist eine Katastrophe für die Kunstfreiheit. Diese unterstütze der Streamingdienst zwar, wie es in einem Statement heißt, doch müsse man sich an lokale Gesetze halten: Saudische Behörden hätten die Löschung des Videos verlangt, da dieses gegen ein Gesetz gegen Cyberkriminalität verstoße.

Netflix und sein fatales Zeichen

Cyberkriminalität? Da mutet es doch seltsam an, dass der Sketch auch weiterhin in Saudi-Arabien über Youtube zu sehen ist. Das Informationsministerium in Riad hat sich ebenfalls noch nicht offiziell zur Angelegenheit geäußert. Und so sieht alles danach aus, dass Netflix vor Saudi-Arabien schlicht und einfach den Schwanz einzieht.

Das ist nicht nur peinlich, sondern ein fatales Zeichen in Zeiten, da die Führung Saudi-Arabiens wegen des Mordes an dem regierungskritischen Journalisten Jamal Khashoggi international in die Kritik geraten ist. Der Kolumnist der "Washington Post" wurde Anfang Oktober im saudischen Konsulat in Istanbul von aus Saudi-Arabien angereisten Tätern getötet und eine Reihe von Indizien rückt Thronfolger Mohammed bin Salman, den Sohn des Königs, in die Nähe der Tat.

Entsprechend kritisch reagieren Menschenrechtler in aller Welt auf die aktuelle Affäre. Die Leiterin der Nahost- und Afrika-Abteilung von Human Rights Watch, Sarah Leah Whitson, schreibt zum Beispiel auf Twitter: "Netflix' Behauptung, die künstlerische Freiheit zu unterstützen, bedeutet nichts, wenn es sich den Forderungen von Regierungsbeamten beugt, die nicht an die Freiheit ihrer Bürger glauben – nicht künstlerisch, nicht politisch, nicht humoristisch."

Whitson ergänzt: "Jeder Künstler, dessen Werk auf Netflix erscheint, sollte wütend sein, dass das Unternehmen sich mit der Zensur einer Comedy-Show einverstanden zeigt, nur weil ein paar dünnhäutige Königliche in Saudi-Arabien sich beschweren." Karen Attiah, Redaktionskollegin des ermordeten Khashoggi bei der "Washington Post", bezeichnet die Netflix-Entscheidung via Twitter als "ungeheuerlich".

Auf den Punkt bringt es die frühere Tennis-Weltranglistenerste Martina Navratilova ebenfalls per Tweet – in Saudi-Arabien sei das Sprechen über Morde eher das Problem als die Morde selbst: "HELLO?!?"

Genau das möchte man den Verantwortlichen bei Netflix zurufen: Hallo?!? Geht's noch? Welche Botschaft sendet das Unternehmen damit an alle Künstler, die sich mit ihrem Werk gegen Unterdrückung und für die Freiheit der Kunst einsetzen? Und an alle Journalisten, die im gleichen Auftrag recherchieren, und erleben müssen, auf welch groteske Weise der Mord an einem ihrer Kollegen wohl ungesühnt bleibt?

Nach Angaben der "Reporter ohne Grenzen" liegt Saudi-Arabien im weltweiten Ranking für Pressefreiheit auf Rang 169 von 180 Ländern – Tendenz stark fallend. Erst recht, wenn mächtige Milliardenkonzerne so leichtfertig Momente verschenken, in denen ein klares Signal so einfach zu setzen wäre.