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Interview

25 Jahre "Kalkofes Mattscheibe": Oliver Kalkofe: "Im deutschen Fernsehen wird fast nur kopiert"

Seit 25 Jahren kritisiert Oliver Kalkofe mit seiner Sendung "Mattscheibe" nun schon das Fernsehen. Im Interview mit NEON spricht er über "Game of Thrones", Stefan Raab – und das Problem des deutschen Fernsehens.

Oliver Kalkofe zu Gast bei Markus Lanz

Oliver Kalkofe feiert mit seiner Sendung "Mattscheibe" ein viertel Jahrhundert

Picture Alliance

Die Hassliebe zwischen Oliver Kalkofe und dem Fernsehen hört anscheinend nie auf: Seit 1994 hält er in seiner Sendung "Mattscheibe" dem Fernsehen schon den Spiegel vor – indem er sich auf satirische Weise über TV-Sendungen lustig macht. Der Fernsehsender Tele 5 feiert das Jubiläum seiner Show nun (am Gründonnerstag ab 22.10 Uhr) mit einem 25-stündigen Fernseh-Marathon. Mit NEON sprach der Satiriker über das große Problem des deutschen Fernsehens und warum der "Virus der Idiotie" nie aussterben wird.

Seit dem vergangenen Sonntag läuft die achte und letzte Staffel von "Game of Thrones". Warum entstehen solche Serien nicht mal in Deutschland?

Wenn man die Idee einem deutschen Redakteur vorstellen würde, käme man nicht mal vom Parkplatz zum Haupteingang des Senders. Alles was nicht Krimi, Schmunzel-Krimi oder Familien-Drama ist, hat im deutschen Fernsehen kaum eine Chance.

Woran liegt das?

Je neuer eine Idee, desto schneller ist man aus dem Zimmer raus. Die erste Frage, die einem gestellt wird, ist immer: Gibt es da schon was Vergleichbares in einem anderen Land? Man will hier in Deutschland immer einen Vergleich. Das ist "ungefähr wie" – oder das ist "so wie". Wenn man das nicht hat, ist man mit seiner Idee gleich raus. Und bei "Game of Thrones" hätte man diesen Vergleich eben nicht. Es sei denn, man sagt: Es ist so wie "Dallas" im Mittelalter mit Blut und Sex – und alle bringen sich um. Ach ja, und irgendwann kommen auch noch Drachen.

Also fehlt es dem deutschen Fernsehen an Innovation …

Grundsätzlich ja. Es wird fast nur kopiert. Seit Jahren laufen auf vielen Sendern die immer gleichen Formate in Endlosschleife. Das Motto lautet: Wenn es einen Erfolg gibt, muss der so lange wie möglich ausgeschlachtet werden. Gibt es heute eine erfolgreiche Quiz-Show, wird es morgen ein Dutzend geben. Gibt es heute eine erfolgreiche Verkupplungsshow, wird es morgen überall nur noch Verkupplungsshows geben. Das gleiche ist aktuell mit "Bares für Rares" zu beobachten. Auf einmal ist jede zweite Sendung eine Trödelshow – und der Gerümpelkeller wird live im Fernsehen aufgeräumt. Das wird so lange gemacht, bis eine Übersättigung entsteht, aber dann ist es schon zu spät und läuft erstmal noch endlos weiter.

Wie ist es denn in anderen Ländern?

Komplett anders. Natürlich gibt es da auch viel Wahnsinn, keine Frage, in Ländern wie den USA und Großbritannien entstehen viele schlimme Formate. Aber: Das passiert aus einem Drang der Kreativität. Ein bis zwei Mal im Jahr sind die Sender dort gezwungen, etwas Neues zu bringen und das Publikum zu überraschen. Davon scheitert der größte Teil. Aber ein kleiner Teil funktioniert – und schafft es vielleicht in die ganze Welt. Das ist eine ganz andere Herangehensweise. In Deutschland wird schlichtweg nur kopiert. 

Ist das auch einer der Gründe, warum die Einschaltquoten zurückgehen?

Ich glaube in gewisser Weise schon. Viele Menschen sind vom Fernsehen in den vergangenen Jahren enttäuscht worden. Und zwar deswegen, weil das Fernsehen angefangen hat, sie nicht mehr ernst zu nehmen. Die Sender haben geglaubt, die Menschen gucken Scripted-Reality, weil sie das wollen – und nicht, weil sie nichts anderes angeboten bekommen. Doch die Streaming-Dienste haben gezeigt, dass der Inhalt eben doch zählt. Je verrückter, je komplexer, je intelligenter, desto besser. 

Salopp gesagt: Das Fernsehen stirbt aus.

Nein, ich glaube, das Fernsehen wird nie aussterben. Allerdings sollten die Sender aufpassen, dass sie nicht in der Bedeutungslosigkeit versinken. Und das kann passieren, wenn jetzt nicht ein Umdenken stattfindet – und so weitergemacht wird wie bisher.

Du feierst mit deiner Sendung "Kalkofes Mattscheibe" nun 25-jähriges Jubiläum. Was hat sich denn in dieser Zeit überhaupt verändert?

Einiges. Vor 25 Jahren hatte das Privatfernsehen seine Blütephase. Da haben dort Menschen gearbeitet, die Fernsehen machen wollten. Die kamen aus einer Zeit der Unterhaltungsdürre. Früher wurde streng rationalisiert, was wir an Unterhaltungen und Spaß sehen durften. Und dann kam das Privatfernsehen und hat gesagt: Jetzt reicht's! Wir wollen Euch unterhalten. Da wurde dann auch Geld hereingesteckt. Da wurde finanziert. Da wurde wirklich Irrsinn in großen Mengen produziert. Der war dann aber eher naiv und überdreht. Aber das war noch aus einem positiven Antrieb geleitet.

Und dann muss ja irgendetwas passiert sein, wenn heute "nur kopiert wird", oder nicht?

Na ja, irgendwann hat sich das Fernsehen dahin verändert, dass es ein Geschäftsmodell wurde. Plötzlich ging es nur noch darum, Sendeplätze zu füllen, ohne Mühe und mit wenig Kosten. Die Folge: Aus Fernsehsendern wurden Abspielstationen. Und die öffentlich-rechtlichen Rundfunksender haben nichts dagegengesetzt, sondern einfach weiter geschlafen. Als hätte sich in der Zwischenzeit nichts verändert. Das wird nun zum Teil ganz langsam erkannt. Deshalb gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass sich vielleicht doch noch etwas verbessert.

Aber will denn kein Fernsehsender mehr unterhalten?

Ich will nicht sagen, dass es das nicht mehr gibt. Joko und Klaas sind das perfekte Gegenbeispiel, die immer wieder versuchen, etwas Neuartiges zu machen. Aber im Großen und Ganzen hat sich eine Lethargie eingeschlichen. Fernsehen ist hauptsächlich ein Geschäft. RTL macht zum Beispiel seit 15 Jahren das exakt gleiche Programm, mit nur minimalen Änderungen. Bei anderen Sendern ist es ähnlich. Da werden eigentlich nur die großen Sachen abgespult, die Erfolg garantieren. Aber das, was Erfolg immer ausgemacht hat, nämlich Neues  auszuprobieren, die Menschen immer wieder zu überraschen und auch kleine Erfolge wertzuschätzen, das ist sehr zurückgegangen.

Fehlt dir etwa Stefan Raab?

Stefan Raab war auf jeden Fall einer, der diese Kreativität noch ins Fernsehen gebracht hat. Egal, wie man die Inhalte jetzt qualitativ einschätzt. Es gab Dinge, die fand ich von ihm ganz toll. Und welche, die ich entsetzlich langweilig fand – oder die fast an Arbeitsverweigerung grenzten. Aber er hat immer wieder neue Ideen und Impulse gebracht. Nur war er auch einer der wenigen, dem das erlaubt war. Und davon gibt es viel zu wenige.

Dürfen das die Anderen etwa nicht?

Es ist kompliziert. Man lässt viele Leute einfach nicht. Erst wenn ihnen ein Riesenerfolg gelungen ist, dann schmeißen sich plötzlich alle in den Staub. Und man kann alles machen.

Wird man da nicht irgendwann ein bisschen Schizophren?

Es ist schon nicht leicht, in diesem Geschäft einigermaßen normal zu bleiben. Aber ich sehe mich da in der Tradition von Spider-Man: "Aus großer Kraft folgt große Verantwortung." Das heißt: Auch wenn man den einen Bösewicht besiegt hat – der nächste wartet schon. Und so geht das immer weiter. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen.

Woran du anscheinend nicht den Spaß verlierst.

Nee, natürlich nicht. Sonst würde ich das ja nicht machen. Ich verzweifle nicht an all dem Schrott, sondern versuche daraus etwas Schönes zu machen. Ich bin eine lebende Recyclingtonne. Das heißt: Ich nehme etwas Beschissenes und versuche Leute zum Lachen zu bringen. Darauf beruht sowohl die "SchleFaZ"-Reihe auf Tele 5 wie auch die "Mattscheibe". Es ist wie beim Arzt: Es hat etwas Homöopathisches.

Mit anderen Worten Oliver Kalkofe ist die Globuli des deutschen Fernsehens?

Ja, ich bin ein sehr großes, dickes Globuli.

Das Problem bei Globuli ist allerdings, dass keine wissenschaftlichen Belege existieren, dass es wirkt. Wird der "Virus der Idiotie", von dem du mal in einem stern-Interview gesprochen hast, also nie aussterben?

Ich glaube leider, dass es den immer geben wird – und zwar nicht nur im Fernsehen, sondern überall. Wenn wir uns jetzt mal in der Welt umschauen, scheint es, als sei dieser Virus inzwischen zur Seuche geworden. Das ist den Infizierten aber nicht bewusst, weil vor allem die Bekloppten immer behaupten, sie seien die Vernünftigsten. Das wird sich nie ändern. Es wird immer genug Bescheuertes geben. Deshalb wird der Virus der Dummheit auch leider nie aufhören sich zu verbreiten.

20 Jahre "Kalkofes Mattscheibe": Die Hassliebe zum Fernsehen hört nie auf