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Interview

H.P. Baxxter: "Es wurde echt völlig überzogen gelästert, aber Erfolg war die beste Waffe gegen Kritik"

Scooter, deutsches Techno-Urgestein, stehen seit einem Vierteljahrhundert auf der Bühne. Vor dem Konzert in Hamburg am 17. August hat Frontmann H.P. Baxxter mit uns über die 90er, das Durchhalten und Fitness gesprochen.

H.P. Baxxter bei einem Scooter-Konzert

In Aktion: Frontmann H.P. Baxxter auf der Bühne bei einem Scooter-Konzert

DPA

"Hyper Hyper", "How much is the fish", "Döp döp döp dödö döpdöpdöp" – ob einem das nun gefällt oder nicht: Scooter sind Kulturgut. Das Techno-Trio, das 1993 in Hannover seine Karriere begann, feiert inzwischen 25 Jahre Bandgeschichte. Zelebriert wird das demnächst mit einem gigantischen Open-Air-Konzert in Hamburg, wo die Band heute lebt und auch ihr Studio betreibt. Zuvor aber haben wir den blonden Frontmann H.P. Baxxter, 54, nach dem Geheimrezept der unkaputtbaren Techno-Titanen gefragt.
 

., Scooter feiern schon ihren 25. Geburtstag. Hättest du je damit gerechnet, dass ihr so lange durchhaltet?
Nee! (lacht) Ich kann das selber manchmal gar nicht glauben. Erst wenn ich mal ein Video von damals sehe, wie anders – und wie viel jünger – wir damals aussahen, dann kann ich es so richtig begreifen. Ansonsten wird einem das gar nicht richtig bewusst, weil wir ja immer "dabei sind". Wir treten fast jedes Wochenende auf, bringen alle zwei Jahre ein Album raus. Man ist immer in so einem Kreislauf.

Was ist euer Trick? Wieso gibt es euch im Gegensatz zu den meisten anderen Bands der 90er noch?
Da gibt’s kein Patentrezept. Wir haben einfach immer weitergemacht und uns nie zu viele Gedanken gemacht. Ich schätze, wichtig ist, dass man die Sache wirklich lebt. Das kann man nicht konstruieren. Ich wollte schon in der Schule wirklich immer dieses klassische Popstar-Leben führen. Darum hab ich's von Anfang an ziemlich ernst genommen, und meinem langjährigen Mitstreiter Rick ging es damals genauso. Man muss einfach bei der Sache sein und es nicht als "Projekt" oder ein Ding von vielen betrachten.

Obwohl ihr unheimlich erfolgreich seid, kam ja gerade aus der Techno-Szene auch immer wieder bissige Kritik an Scooter. Was waren die fiesesten Sprüche, an die du dich erinnerst?
Das war vor allem am Anfang so, ja. Es entsprang, glaube ich, aus einer Mischung aus Unverständnis, Missverständnis und Neid, weil wir von Anfang an ja wirklich mit fast jedem Track Gold und Platin geschafft haben. Das kam für die Underground-DJs wie aus dem Nichts. Die wussten ja nicht, wie lange wir vorher schon daran gearbeitet hatten, die haben uns für ein Retortenprojekt gehalten, von irgendeinem Produzenten. Teils wurde da echt völlig überzogen gelästert, und klar hat einen das anfangs getroffen. Danach war's eher ein Ansporn. Erfolg war die beste Waffe gegen Kritik. An einzelne Sprüche kann ich mich aber nicht erinnern – ich will mich da eigentlich auch gar nicht so detailliert mit beschäftigen.

Eure Songs sind für ihre ganz "eigene" Lyrik bekannt. Hast du selbst eine Lieblings-Textzeile?
Das ist schwierig, das sind ja praktisch alles meine Lieblingszeilen! Aber über eine bin ich neulich mal wieder gestolpert und dachte: Die ist gar nicht so schlecht! "Life without knowledge is death in disguise". Aus "Shake That". Und eine habe ich in einem Pub in aufgeschnappt und in "Oy!" eingebaut: "Don't take life too seriously, nobody gets out alive anyway." Das ist auch irgendwie mein Motto. Ich kann immer gar nicht fassen, wenn sich Menschen so unheimlich ernst nehmen. 

Es gibt viele bekannte Bands, aber Scooter kennt in vermutlich wirklich jeder. Wie ist das für dich?
Manchmal schön, manchmal nervig. Wenn ich im Urlaub bin, wo man höchstens mal 'nen deutschen Touristen trifft – in Amerika zum Beispiel – ist das schon ganz erholsam. Sobald man dann wieder am Flughafen ist, trifft man direkt größere Gruppen, die alle Fotos mit einem machen wollen. Dann wird dir sofort klar: "Ah, wieder zu Hause". Aber ich mach das fast immer mit. Die meisten sind auch echt nett. Aber dieser Fotowahn hat sich echt potenziert: Manchmal kommt einer an, während ich gerade in den Burger beiße und noch gar nicht runtergeschluckt habe.

Ihr seid ja nicht nur in Deutschland bekannt, sondern auch in , Skandinavien, Osteuropa und Russland. Wie habt ihr das geschafft?
Indem wir über viele Jahre – und vom ersten Tag an – im Ausland gespielt haben. In einigen Ländern hat sich das etabliert, in einigen waren wir nur während diesem Eurodance-Hype mal eine Weile in den Charts. Frankreich und Italien zum Beispiel. Aber in Russland sind wir genau so bekannt wie hier. In Großbritannien ist das nicht so berechenbar, da passiert auch mal ein paar Jahre nichts und dann geht plötzlich eine Nummer wieder total ab. Und jetzt touren wir bald nach zehn Jahren mal wieder in Australien!

Scooter in den 90er Jahren: Rick J. Jordan, H.P. Baxxter und Sören Bühler

Scooter in den 90er Jahren: Rick J. Jordan, H.P. Baxxter und Sören Bühler

Picture Alliance

Was macht für dich ein richtig gutes Konzert aus?
Wir werden ja immer skeptisch, sobald nicht wirklich alle Arme in der Luft sind, dann sagen wir: "War so mittel." Aber es ist immer ein total subjektiver Eindruck. Manchmal gehe ich total begeistert von der Bühne und die Bandmitglieder sagen: "Ja, war okay". Und manchmal bin ich total geknickt und sie sagen: "Bist du verrückt? Das war super." Manchmal spielt man ja auch auf Festivals, wo vielleicht nicht alle nur wegen unserer gekommen sind, da rasten dann vielleicht nicht alle so aus wie auf einem reinen Scooter-Konzert ... wobei, doch, am Ende rasten eigentlich immer alle aus. (lacht)

Was wären deine Tipps für junge Musiker, die den Durchbruch schaffen wollen?
Ein Rezept gibt’s dafür einfach nicht. Es hängt vom Kopf ab: Was man will, wie stark die Leidenschaft ist. Wir haben früher ständig Demo-Tapes rumgeschickt, da gab es zu 99 Prozent Absagen. Dann habe ich bei den Plattenfirmen angerufen und so lange genervt, bis ich persönlich vorbeikommen und denen unsere Sachen zeigen konnte. Ich habe Manager bequatscht wie ein Vertreter. Wir haben gekämpft, um Gehör zu finden. Heute kannst du alles ins Netz stellen, aber da ist es fast noch schwerer gesehen zu werden – da gibt’s Millionen von Newcomern. Ich glaube, wenn man etwas wirklich will, klappt das auch. Bei uns hat das zwar acht Jahre gedauert, aber das kann ja auch mal schneller gehen.

Ihr habt inzwischen ja Dutzende Hits und könntet vermutlich die nächsten fünf Trilliarden Konzerte mit euren Songs füllen. Gibt's da überhaupt noch Motivation, neue Sachen zu machen?
Stimmt schon (lacht). Vor allem haben wir so viel Songs, die sich live bewährt haben. Die vielleicht gar nicht in den Charts mega erfolgreich waren, aber live total abgehen. Wir haben trotzdem das Bedürfnis, immer mal wieder einen Kracher zu produzieren. Wenn wir nur das Repertoire von 93 bis in die 00er Jahre spielen, wäre das so eine Nostalgie-Veranstaltung. Das ist langweilig. Aber nur neue Sachen spielen geht natürlich auch nicht, das hat mich selbst früher immer genervt, als ich auf Konzerte gegangen bin. Ich mach' das ja nicht zur Selbstverwirklichung, sondern es soll für alle eine mega Party werden.

Ihr nehmt in euren Sound immer wieder auch aktuelle Strömungen der elektronischen Musik auf. Was ist denn da deiner Meinung nach das nächste große Ding?
Das größte Ding ist – Techno! Ansonsten gab es zwar so Sachen im Kleineren: Hardstyle oder Dubstep oder sowas. Aber das waren kurze Erscheinungen. Die Welt ist viel schneller geworden und so eine echte Massenbewegung wie Techno gab es nicht wieder. Früher waren Sachen erst mal zwei Jahre im Underground, bevor sie groß wurden. Heute sind sie sofort omnipräsent. Manchmal entdecken wir etwas zu früh, benutzen das und es verpufft dann leider irgendwie. Aber manchmal verschlafen wir auch Sachen. Psytrance war so etwas, das höre ich auch privat gern. Da denkt man dann: Das hätten wir auch schon vor zwei Jahren mal machen können. Da ärgere ich mich dann schon.

Auf der Bühne legt ihr immer eine ziemlich ordentliche Show hin. Wie hältst du dich eigentlich fit?
In der Woche lebe ich echt gesund. Da muss ich schon drauf achten. Da trinke ich null Alkohol, mache Fitness, gehe laufen, das ist für mich sehr wichtig. Laufen brauche ich allein schon für die Kondition. Wenn man nur feiern würde, könnte man unser Pensum nicht durchziehen. Bei Konzerten haben wir dafür aber auch immer unser Programm: Warm-Up, Tassen hoch, auf die Bühne und danach noch weiterfeiern. Da brauchst du zwischendurch Auszeiten.

Wenn du aktuell das 90er-Revival beobachtest, Mädels in bauchfreien Tops und Karottenjeans siehst, wirst du da nostalgisch?
Selten. Es gibt wenige Momente – wenn man beispielsweise einen bestimmten Track hört aus der Zeit. Sonst hab ich mit Nostalgie gar nix am Hut. Ich fand auch die Mode damals schrecklich. Bis auf die Musik fand ich eigentlich alles schrecklich. Gott sei Dank ist das vorbei. Viel cooler fand ich diesen Wave-Style Ende der 80er, so ein bisschen düster mit schwarz geschminkten Augen. Aber das Gute ist doch: Heute gibt’s alles, jeder kann machen was er will. Das ist doch gar nicht verkehrt.
 

Scooter spielen am 17. August in Hamburg auf der Trabrennbahn Bahrenfeld (Tickets: 53 Euro)