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Nachruf

Zum Tod von Avicii: Der traurige Superstar und seine Suche nach dem Glück

Avicii tourte mit seinen Dance-Hits um den Globus wie ein Rockstar. Sein Lebensstil brachte ihn dabei schon vor Jahren an den Rande des Abgrunds. Über die tragische Pointe einer ungewöhnlichen Weltkarriere.

Man sagt, die Großen erkennen sich untereinander. Der ehemalige US-Präsident Barack Obama hat in einer Rede einmal die großen kulturellen Errungenschaften Skandinaviens aufgezählt. Dabei sprach er über Ikea und Spotify, bevor er anmerkte: "Einige von uns tanzen zu Abba oder Avicii." Es gibt eine Szene in "True Stories", einer bemerkenswerten Dokumentation über die Karriere von Avicii, in der Freunde dem schwedischen Star-DJ die Rede des früheren US-Präsidenten zeigen. Der kann in dem Moment kaum damit umgehen, wie er es mit vielen anderen Facetten seines Ruhms auch nicht konnte.

Avicii ließ die Welt tanzen

Jetzt ist Avicii, der mit bürgerlichem Namen Tim Bergling hieß, im Alter von 28 Jahren gestorben. Er wurde am gestrigen Freitag tot in Maskat, der Hauptstadt des Oman, aufgefunden. Es ist die denkbar tragischste Pointe für den ungewöhnlichen Verlauf einer Weltkarriere: In der ersten Hälfte des Jahrzehnts wurde Avicii mit Über-Hits wie "Levels" und "Wake Me Up" zu einem der reichsten DJs der Welt. Alleine "Wake Me Up" verzeichnet bei Youtube bis heute knapp 1,5 Milliarden (!) Klicks. Obama hat untertrieben: Einige von uns tanzen zu Avicii? Wohl eher so ziemlich alle von uns!

2016 verabschiedete sich der Schwede zur Bestürzung seiner Fans vom Tourleben, das ihn nur noch traurig machte: "Ich wurde erwachsen, während ich als Künstler wuchs", sagte er, "ich lernte mich selbst besser kennen und stellte fest, dass ich noch so viel mit meinem Leben anfangen möchte." Live-Auftritte gehörten nicht mehr dazu. Er kündete an, nur noch im Studio Musik machen zu wollen.

Der Star-DJ litt unter Gesundheitsproblemen

Allerdings litt er damals schon unter massiven Gesundheitsproblemen. Exzessiver Alkoholkonsum auf Tour hatte eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse (Pankreatitis) verursacht. Außerdem mussten ihm Gallenblase und Blinddarm entfernt werden. Der psychische Druck, den er mit wachsendem Erfolg verspürte, machte sich längst körperlich bemerkbar. Avicii zog die Notbremse.

So konnte er sich zuletzt in aller Ruhe neuer Musik widmen. Wir können nur ahnen, was uns durch seinen Tod entgeht – denn es war nicht nur der unglaubliche kommerzielle Erfolg, der ihn von seinen Branchenkollegen abhob, sondern das musikalische Genie. Avicii hatte als Musikproduzent ein Gefühl für Melodien und Songs mit Ewigkeitsanspruch, die er manchmal allzu gut unter ein paar Kirmestechno-Effekten versteckte. Trotzdem gehört er in der Galerie der Pop-Geschichte als erster Künstler der Electronic Dance Music gleich neben die schwedischen Legenden Abba und Roxette. 

Chris Martin: "Du bist SO talentiert!"

Man sagt, die Großen erkennen sich untereinander. In "True Stories" vergleicht Nile Rodgers das musikalische Gehirn von Avicii mit dem von Michael Jackson. In einer anderen Szene guckt Coldplay-Sänger Chris Martin seinen jungen Kollegen bei der gemeinsamen Arbeit im Studio irgendwann so verblüfft an wie ein schockverliebter Junge und sagt: "Du bist SO talentiert!"

So talentiert – und so traumatisiert. Der Rückzug aus der Öffentlichkeit wurde ihm von Managern und Bookern nicht leicht gemacht, auch das ist in "True Stories" zu beobachten. "Ständig ging es nur um Erfolg des Erfolges wegen", sagte Avicii. "Ich war einfach nicht mehr glücklich." Nicht einmal die Konzerte anderer Künstler habe er noch genießen können. Also änderte er sein Leben radikal und machte sich auf die Suche nach dem Glück, das er auf dem Weg in den Pop-Olymp verloren hatte.

Wir wissen nicht, ob er es in der Zwischenzeit gefunden hatte. Aber seine Suche ist gestern zu Ende gegangen.

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