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Boyband auf Welttournee: Ich war beim Konzert der Backstreet Boys – als einer von gefühlt zehn Männern

Ja, die Backstreet Boys gibt es noch. Gerade spielen sie einige Konzerte ihrer Welttournee in Deutschland. Zu den Auftritten kommen vor allem weibliche Fans. Und unser Autor.

Backstreet Boys bei ihrem Konzert

Alles nur ironisch bei den Backstreet Boys

Picture Alliance

Dass es ein spezieller Abend werden wird, dämmert mir zum ersten Mal in der S-Bahn. Die ist normalerweise ein Querschnitt der Bevölkerung, erst recht in Berlin. Und zumindest das Verhältnis von Männern und Frauen ist dort klassischerweise so ausgeglichen wie in den Telefonbüchern. Doch je näher wir meinem Ziel kommen, desto mehr ähnelt das Männlein-Weiblein-Verhältnis dem in DAX-Vorständen – nur andersherum. Der Frauenanteil steigt und steigt immer weiter.

Mein Ziel, das ist die Mercedes-Benz-Arena in Berlin. Dort soll am Abend eine Band auftreten, deren Name das S-Bahn-Phänomen bereits hinreichend erklärt: die Backstreet Boys. Seit mehr als 20 Jahren sind die fünf Amerikaner der Inbegriff der Boyband, die Mädchenherzen höher schlagen lässt. Und ja, auch wenn es einige verwundern mag: Die Band gibt es noch. Anfang des Jahres hat sie sogar ein neues Album veröffentlicht. Auf der Welttournee zur neuen Platte spielen sie nach Jahren auch wieder Konzerte in Deutschland. Und ich war dabei – als Mann inmitten von tausenden begeisterten Frauen.

Backstreet Boys auf Tour: 95 Prozent im Frauen im Publikum

Die genießen auf dem Platz vor der Arena noch die Sonnenstrahlen des frühen Abends. In kleinen Runden und ausgelassener Stimmung wird hier und da noch eine Flasche Prosecco geleert. Die meisten, die sich hier auf das Konzert einstimmen, sind Mitte, Ende 30 und wollen wohl noch einmal die Idole ihrer Teenagerjahre erleben. Damals, ab Mitte der Neunziger, waren Howie, AJ, Nick, Brian und Kevin die Mädchenschwärme schlechthin. Kreischorgien und Ohnmachtsanfälle waren bei ihren Auftritten fest eingepreist. Heute sind die fünf smarten Jungs erwachsen – und ihre Fans auch: Sie tragen jetzt T-Shirts mit der Aufschrift "I was supposed to marry a Backstreet Boy."

"What's a boy like me doing in a place like this?", könnte man mit einer Zeile vom neuen Album der Backstreet Boys fragen. Keine Freundin hat mich mitgeschleppt, ich habe tatsächlich eine Menge Geld für diesen Abend bezahlt – wenn auch nicht die 1200 Euro, für die in den Tagen vor dem Konzert einzelne Tickets im Internet angeboten wurden. Im regulären Vorverkauf waren alle Konzerte in Deutschland innerhalb kürzester Zeit ausverkauft gewesen, viele Fans gingen leer aus. Ich stelle mich vor Eingang 41 an, in der etwa 15 Meter langen Einlassschlange sehe ich noch einen weiteren Mann.

Als Mann bei den Backstreet Boys: "Show me the meaning of being lonely"

Die Backstreet Boys sind eine Band, die von ihrer Vergangenheit lebt. Aber immerhin, sie lebt noch. Neues Album, neue Songs, interessiert die Damen Mitte, Ende 30 alles nicht wirklich. Eigentlich sind alle nur da, um die Leidenschaften vergangener Jahrzehnte aufleben zu lassen: "Backstreet's Back", "We've Got It Going On", "Quit Playin' Games With My Heart", "I Want It That Way", und ich entschuldige mich für keinen Ohrwurm, den Leser jetzt für den Rest des Tages mit sich herumtragen. In der Halle beträgt der Frauenanteil geschätzte 95 Prozent. Auf die Arena mit 17.000 Plätzen heruntergerechnet wären das immerhin noch 850 Männer. Mir kommt es eher vor, als wären wir zu zehnt. Show me the meaning of being lonely.

In meinem Block zumindest sehe ich nur zwei weitere männliche Besucher. Während des Konzerts schiele ich ab und an zu ihnen herüber. Der eine tanzt die Choreo quasi mit, der andere, dessen Begleiterin jedes Wort mitsingen kann, starrt fast zwei Stunden lang stoisch in seinen Bierbecher, der viel zu schnell leer ist. Mein Stimmungspegel befindet sich wohl irgendwo dazwischen. Ich war auch als Teenie kein leidenschaftlicher Fan, aber die Musik habe ich immer gern gehört und ich habe "I Want It That Way" auf diversen Hauspartys und Disco-Dancefloors sehr überzeugend performt (nüchtern und betrunken, alles ist möglich). Alles ironisch, versteht sich.

Boxershorts für die Fans

Ironie beherrschen mittlerweile auch die Backstreet Boys ganz gut. Gekreischt wird bei ihren Konzerten zwar immer noch im Dezibelbereich am Rande des Erträglichen, es fliegt aber nur noch ein BH auf die Bühne, statt Dutzende, wenn ein Backstreet Boy seine Deutschkenntnisse mit dem Satz "Ich will dich küssen" unter Beweis stellt. Die ehemaligen Sonnyboys, die früher nicht mit ihren Freundinnen in die Öffentlichkeit gehen durften, um die weiblichen Fans bei der Stange zu halten, erzählen 25 Jahre später auf der Bühne von ihren Familien. 

Und jetzt ist, wie AJ meint, "die Zeit gekommen, sich zu revanchieren": Er und Kevin werfen Boxershorts ins Publikum. Das bringt die Frauen dann doch wieder zum Durchdrehen. Und darum geht es bei den Backstreet Boys schließlich in erster Linie. Was nicht heißt, dass man als Mann nicht auf seine Kosten kommen kann.

Backstreet Boys: Das wurde aus den Sängern der Boyband