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Kritik

"Bohemian Rhapsody": Warum Freddie Mercurys unfassbares Leben heute nicht mehr möglich wäre – und was der Film verschweigt

Freddie Mercury war die beeindruckendste Stimme der Rockgeschichte – aber auch der maßloseste und exzessivste Star von allen. Eine Kunstfigur, die heute unmöglich wäre. Über die traurigste Erkenntnis des neuen Queen-Films "Bohemian Rhapsody".

"Bohemian Rhapsody": Freddy Mercury und Queen begeistern Millionen – dieses Mal auf der großen Leinwand

Im Januar 1985 hielt Freddie Mercury in der Präsidentensuite des Copacabana Palace Hotel in Rio de Janeiro auf die ihm eigene barocke Weise Hof. Queen befanden sich im Rahmen ihrer Tour zum Album "The Works" in der brasilianischen Stadt, um binnen einer Woche zwei Auftritte beim Rock-in-Rio-Festival zu absolvieren. Wie so oft feierte Mercury die Nächte durch und ließ sich zu diesem Zweck von seinem Manager Paul Prenter jede Menge Alkohol, Kokain und Männer aufs Zimmer bringen.

Biografin Lesley-Ann Jones lässt in ihrem Buch "Freddie Mercury" (2016 in Deutschland bei Piper erschienen) einen israelischen Prostituierten namens Patricio zu Wort kommen, der damals mehrfach Gast auf Mercurys Privatpartys war: "Die Jungs, die ausgewählt worden waren, besuchten Freddie in seiner luxuriösen Hotelsuite mit Ausblick über den Swimmingpool. (...) Erst tranken wir, dann schnupften wir Kokain. Es gab da einen kleinen Holztisch, auf dem die Lines gelegt waren, alles war vorbereitet. Dann zogen wir uns aus und betraten Freddies Zimmer, wo er uns im Morgenmantel empfing. Paul (Prenter) blieb währenddessen immer angezogen. Freddie hatte der Reihe nach mit allen Sex, vor den Augen der anderen. Wenn Freddie müde wurde, bezahlte uns Prenter und bat uns zu gehen."

Freddie Mercury

König in Pose: Queen-Sänger Freddie Mercury bei einem Konzert auf dem Maimarktgelände in Mannheim 1986

Picture Alliance

Freddie Mercury, der maßloseste Star von allen

Jones’ seriöses Buch über die 1991 verstorbene Musiklegende Mercury steht nicht im Verdacht, mit aufgeblasenen Skandalgeschichten um Aufmerksamkeit zu betteln. Es ist vielmehr die unaufgeregte Nacherzählung des Lebens eines zutiefst zerrissenen Ausnahmekünstlers. Trotzdem wimmelt es auf mehr als 400 Seiten von ähnlichen Anekdoten wie jener über die Hotelnächte von Rio.

Das liegt daran, dass Freddie Mercury laut Überlieferung nun mal so war: Ein über jedes menschliche Maß begabter Sänger und die beeindruckendste Stimme der Rockgeschichte – aber laut Angaben aller Weggefährten und Musikerkollegen (unter ihnen selbst zahlreiche Schwerenöter) der maßloseste und exzessivste Star von allen. Eine Kunstfigur der Superlative. Mercury sprengte mit seinen Ausschweifungen sogar im völlig verruchten Musikbusiness der 70er und 80er Jahre alle Grenzen.

So ein Leben ab 18 lässt sich nicht in einen familienfreundlichen Kinofilm pressen. Deshalb wurde die fast zehnjährige Produktionszeit des gerade angelaufenen Biopic "Bohemian Rhapsody", in dem die Geschichte von Mercury und Queen von den Anfängen bis zum furiosen Live-Aid-Auftritt von 1985 erzählt wird, auch von so manchen Differenzen überschattet. Mit dem ursprünglich vorgesehenen Mercury-Darsteller Sasha Baron Cohen wurde man sich beispielsweise nicht einig, weil Cohen der Meinung war, die exzessive Seite des Sängers dürfe nicht ausgespart werden.

Mit ähnlichen Argumenten verreißen gerade viele Kritiker den Film. Dabei ist es unmöglich, die Story einer Band, die bis heute weltweit so populär ist wie Queen, auf die große Leinwand zu bringen, ohne sie kräftig zu glätten. Weshalb wir "Bohemian Rhapsody" in erster Linie für das loben sollten, was es ist: Ein furioses, manchmal klischeehaftes Spektakel mit Rami Malek als spektakulärem Hauptdarsteller, das trotz der zwangsläufigen Oberflächlichkeit auch über 135 Minuten nie langweilig wird – also ganz so, wie Queen und Freddie Mercury damals als Band.

Übertrieben haben die beiden in den Produktionsprozess involvierten Queen-Mitglieder Brian May und Roger Taylor allerdings bei der Eigendarstellung: Dass nicht nur Mercury, sondern die gesamte Band Queen in den 70er Jahren neue Partymaßstäbe in der Szene setzten, wird geflissentlich verschwiegen.

Zum Vergleich ist bei Lesley-Ann Jones unter anderem die Halloween-Party der Band im Rahmen ihrer US-Tour in New Orleans im Jahr 1977 nachzulesen: "Der Ballsaal eines Hotels wurde zu einer schwülen, üppig wuchernden Sumpflandschaft umgestaltet, in der es von Zwergen und Drag Queens, Feuerspuckern, Schlammcatcherinnen, Stripperinnen, Schlangen, Steel Bands, Voodoo- und Zulu-Tänzern, Huren und Groupies nur so wimmelte, von denen manche unvorstellbare und wahrscheinlich höchst illegale Handlungen an sich und anderen vornahmen – alles in bester Sichtweite der Partygäste. Ein Model wurde auf einem Tablett mit roher Leber hereingetragen, andere schlängelten sich in Käfigen, die von der Decke hingen. Dieser Irrsinn bescherte Queen weltweite Schlagzeilen und bestätigte einmal mehr ihren Ruf als verdorbenste Partyhengste des Rockgeschäfts."

"Bohemian Rhapsody": Massenexzess tabu

Im Film "Bohemian Rhapsody" ist von derartigem Massenexzess aber nichts zu sehen. Im Gegenteil: So brav und bieder wirken die drei anderen Musiker neben Freddie, als wollten sie partout einen Streit mit ihren Frauen zuhause vermeiden.

Viel interessanter ist aber ohnehin ein anderer Aspekt der Queen-Geschichte, der viel über den Wandel von Kultur und Gesellschaft seit damals erzählt: Freddie Mercury hat seine Homosexualität nie öffentlich gemacht und später auch seine AIDS-Erkrankung bis zum Tag vor seinem Tod geheim gehalten. Er war ein auf dramatische Weise einsamer Mann, der in seinem Privatleben eigentlich immer ein Kind blieb, sich in der Öffentlichkeit aber in einen Poser verwandelte und auf der Bühne zum Tier wurde.

Die traurigste Erkenntnis des Films

Daraus zog er seine faszinierende Kreativität, und deshalb können wir uns glücklich schätzen, dass er in jener Zeit gelebt hat – und nicht heute. Denn Freddie Mercury trieb sich jahrelang mehr oder weniger anonym Nacht für Nacht durch die Schwulenclubs von New York und München, er kultivierte sein Doppelleben auch noch in den späten Tagen seiner schweren Erkrankung, und so gelang es ihm tatsächlich bei allem Pomp und aller Pose, den Menschen Mercury vor der Masse zu verbergen. Mit diesem Lifestyle hätte er 2018 sein Haus niemals verlassen können. Ob in den Clubs oder auf der Straße: Die Handy-Paparazzi hätten ihn rund um die Uhr abgeschossen.

Kurz gesagt: Das unfassbare Leben des Freddie Mercury wäre heute gar nicht mehr möglich. Vielleicht ist das die traurigste Erkenntnis der Geschichte eines spektakulär-traurigen Künstlers.