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Buchauszug: Die Wissenschaft hinter Harry Potter: Sind Voldemorts Todesser Faschisten?

In ihrem Buch "Die Wissenschaft hinter Harry Potter“ beleuchten Mark Brake und Jon Chase die magische Welt der J.K. Rowling. Bei NEON könnt ihr das Kapitel zum Thema Todesser lesen.

Bellatrix Lestrange und Lucius Malfoy

Zwei der bekanntesten Anhänger Voldemorts: Bellatrix Lestrange und Lucius Malfoy

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Ist Voldemort eigentlich ein Faschist? Und nach welchen Kriterien würde man diese Frage beantworten? Hierfür ein wissenschaftlich abgesichertes Modell zu haben könnte uns helfen, solche Politiker künftig gar nicht erst ans Ruder kommen zu lassen, seien sie nun Todesser oder nicht. Für manche Faschisten gibt es ganz simple Erkennungsmerkmale: Sie tragen gerne Schnurrbärte, Uniformen und/oder stecken im Schutz der Dunkelheit das ein oder andere in Brand. Leider ist es in der Mehrzahl der Fälle aber nicht ganz so einfach. Viele Faschisten tarnen sich geschickt. Nicht alle überfallen Polen, haben Totenköpfe auf dem Unterarm oder reden ständig davon, hohe Mauern zu anderen Ländern zu errichten oder "rote Richter" abzuservieren.

Sind Voldemort und seine Anhänger aber nun tatsächlich Faschisten? Es sieht ganz danach aus. Um diese Frage befriedigend zu klären, wenden wir uns nun dem 14-Punkte-Katalog zu, den der britische Soziologe Lawrence Britt erstellte. Hierzu untersuchte er das Regime Hitlers in Deutschland, Mussolinis in Italien, Francos in Spanien, Suhartos in Indonesien sowie einige faschistische Diktaturen in Südamerika. Britt arbeitete 14 Merkmale heraus, die all diesen Herrschaftsformen gemeinsam waren. Wir wollen uns nun ansehen, inwieweit sie auf Voldemort und seine Todesser zutreffen. 

1. Ausgeprägter und dauerhafter Nationalismus 

Faschistische Regimes gebrauchen sehr häufig patriotische Leitsprüche, Slogans und Symbole. Eine besondere Bedeutung kommt der Nationalflagge zu, die öffentlich zur Schau gestellt wird, zum Beispiel auch auf der Kleidung. In Harry Potter und die Heiligtümer des Todes übernehmen Voldemort und seine Anhänger das Zaubereiministerium. Danach errichten sie ein Denkmal in der Eingangshalle, auf dem steht: Magie ist Macht. Dies soll daran erinnern, dass Magie nur reinblütig magischen Familien zusteht.

Als Harry in Umbridges Büro einbricht, sieht er gedruckte Hetzschriften mit Titeln wie "Schlammblüter und die Gefahr, die sie für eine friedliche reinblütige Gesellschaft darstellen". Und dann ist da natürlich noch das Dunkle Mal, ein leuchtend grüner Schädel, der "am Himmel aufscheint wie ein neues Sternbild" und aus dessen Mund eine Schlange kriecht. Das Dunkle Mal wird von Voldemorts Anhängern auf der Innenseite des linken Unterarms getragen. Ist es inaktiv, wirkt es wie ein bräunlich-rotes Tattoo, aktiviert man es aber, wird es leuchtend schwarz. 

Der britische Autor Christopher Hitchens wies in der New York Times darauf hin, dass der Blitz, Harrys Narbe und Resultat von Voldemorts Angriff, auch das Symbol von Sir Oswald Mosleys British Union of Fascists war. Mosleys Gruppe sympathisierte im Großbritannien der 1930-er und 1940-er Jahre mit den Nazis. Auch die SS benutzte das Blitzsymbol für ihr Emblem. 

Versteckte Botschaft: Das könnte hinter Professor Snapes ersten Worten an Harry Potter stecken

2. Verachtung der Menschenrechte 

Faschisten kultivieren die Angst vor Feinden und schaffen so ein irrationales Bedürfnis nach Sicherheit. Das Regime überzeugt das Volk, dass die Menschenrechte in bestimmten Fällen notwendigerweise missachtet werden müssen. Man ermutigt die Menschen, "wegzusehen", selbst wenn es zu Folter, Hinrichtungen, Morden und ungerechtfertigter Haft kommt. 

3. Aufbau eines gemeinsamen Feindbildes 

In faschistischen Diktaturen wird das Volk zu patriotischen Auswüchsen angestachelt, indem man ihm eine gemeinsame Bedrohung, einen gemeinsamen Feind vorgaukelt. Die angebliche Bedrohung geht dabei gewöhnlich von rassischen, ethnischen oder religiösen Minderheiten aus. Nimmt sie politische Natur an, dann ist der Feind meist liberal, kommunistisch, sozialistisch oder – heute gern gesehen – terroristisch.

In der Harry-Potter-Saga haben wir hier die "Registrierungskommission für Muggelstämmige". Als Harry, Ron und Hermine sich ins Ministerium schleichen, können sie diese Kommission bei der Arbeit beobachten. Das Zaubereiministerium unter Voldemorts Führung betrachtet nämlich nur reinblütige Zauberer als der Magie würdig. Muggelstämmige oder Halbblüter werden verhört und regelmäßig nach Askaban ins Gefängnis gebracht. Harry nimmt – dank Vielsafttrank nicht erkennbar – am Verhör von Mary Cattermole teil, die gefragt wird, welchem Zauberer sie ihren Zauberstab entwendet hat. Diesem Verhör wohnen auch Dementoren bei. 

Muggelstämmige Zauberer und Hexen müssen sich verstecken, um nicht vom Ministerium entdeckt zu werden. Die Hexe Charity Burbage, die in Hogwarts Muggelkunde unterrichtete, wird entführt, gefoltert und schließlich getötet. J. K. Rowling selbst sagt, sie habe die Begriffe "reinblütig", "halbblütig" und "muggelstämmig" entwickelt und sie erst später mit entsprechenden Ausführungen der Nazis verglichen, die definieren sollten, was arisches und was jüdisches Blut seien. Sie meint: "Ich selbst sah eine solche Definition im Holocaustmuseum in Washington, als ich die Begriffe schon entwickelt hatte. Die Ähnlichkeit jagte mir einen Schauder über den Rücken." 

4. Vorherrschaft des Militärs 

Selbst wenn die Regierung drängende wirtschaftliche Probleme hat, erhält das Militär einen außergewöhnlich hohen Prozentsatz der Staatseinnahmen, wohingegen die Bedürfnisse der Bürger vernachlässigt werden. Soldaten und Militär werden massiv glorifiziert. Natürlich gibt es in der Welt von Hogwarts kein Militär. Und doch: Wenn wir die "Registrierungskommission für Muggelstämmige" bei der Arbeit beobachten, sehen wir, dass bei den Verhandlungen immer Dementoren zugegen sind. Früher waren die Dementoren auf Askaban beschränkt, ihre Präsenz war strengen Auflagen unterworfen. Doch als der faschistische Einfluss Voldemorts wächst, verliert das Zaubereiministerium die Kontrolle über die Dementoren. Dies geht so weit, dass Dementoren Harry und seinen Cousin Dudley in Little Whinging überfallen. 

Als Harry, Ron und Hermine den Horkruxen nachjagen, haben die Dementoren sich bereits voll auf die Seite Voldemorts geschlagen und sind sogar im Ministerium zugelassen. Die Dementoren stehen für Hoffnungslosigkeit und Unterdrückung. Ihre Präsenz hält die Zauberer und Hexen gebührend in Schach. Dabei sind sie mehr als nur eine schlichte Bedrohung. Sie sind die paramilitärische Einsatztruppe der dunklen Magier, denn es ist ihre Natur, Hoffnung und Freude der Zauberergemeinde zu zerstören. 

Die zweite paramilitärische Kraft Voldemorts sind die Greifer. Sie durchkämmen das Land nach Muggelgeborenen auf der Flucht und übergeben sie gegen eine Belohnung den Todessern. Greifer fangen Harry, Ron und Hermine und bringen sie ins Herrenhaus der Malfoys. 

5. Zügelloser Sexismus 

Faschistische Regimes werden fast ausschließlich von Männern geführt. Unter solchen Bedingungen wird die traditionelle Rollenverteilung zwischen Mann und Frau zementiert. Scheidungen, Abtreibung und Homosexualität sind verboten, da der Staat sich zum höchsten Hüter der Institution Familie aufschwingt. Das Harry-Potter-Universum kennt keinen offenen Sexismus. Dass Voldemort und seine Anhänger jedoch ein sehr traditionelles Familienbild verfechten, ist schon daran zu erkennen, dass sie großen Wert auf Reinblütigkeit legen. Der Schutz traditioneller reinblüter Magierfamilien wird damit zur Besessenheit. Muggelstämmige "verderben die Blutlinie".

Als Dolores Umbridge Mary Cattermole verhört, interessiert sie sich kein bisschen für ihre Kinder, da deren Mutter ja eine Muggelgeborene ist. Die Weasleys hingegen dürfen immer noch in der Gemeinschaft der Zauberer leben und arbeiten, obwohl sie als Mitglieder des Ordens des Phönix und damit Dumbledore-Anhänger bekannt sind. Sie sind eine reinblütige Magierfamilie und können ja vielleicht bekehrt werden.

Dolores Umbridge

Arbeitet sich schnell zu einer der meistgehassten Figuren hoch: Dolores Umbridge

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6. Kontrolle der Massenmedien 

Faschistische Regimes kontrollieren häufig die Medien. Dies geschieht zwar nicht immer, doch auch dann sind die Medien oft nur scheinbar frei, während sie in Wahrheit hinter den Kulissen von der Regierung oder von monopolistischen Konzernen reguliert werden. (Oder wie der amerikanische Schriftsteller Upton Sinclair es einmal ausdrückte: "Faschismus ist Kapitalismus plus Mord.") Aus diesem Grund kommt es häufig zur Zensur. Die einzige Zeitung in der Zauberwelt ist der "Tagesprophet". Dabei erleben wir von Buch zu Buch mit, wie die Macht Voldemorts wächst und das Ministerium immer stärker von seinen Anhängern unterwandert wird. 

Medial schlägt sich dies in der Art und Weise nieder, wie Harry und Dumbledore vom "Tagespropheten" dargestellt werden. Nach den Ereignissen, die in "Harry Potter und der Feuerkelch" geschildert werden, drängt Minister Cornelius Fudge die Zeitung, nicht über die angebliche Rückkehr Voldemorts zu berichten, für die nur Harry und Dumbledore als Zeugen auftreten. Als Voldemort sich jedoch am Ende von "Harry Potter und der Orden des Phönix" selbst im Ministerium zeigt, bringt auch der Prophet die Geschichte. Doch als das Ministerium zu Beginn der Geschehnisse um die Heiligtümer des Todes in den Hände Voldemorts fällt, stellt man Dumbledore einmal mehr als senilen Narren dar, während Harry gar zum "Unerwünschten Nr. 1" aufsteigt. 

7. Besessenheit vom Thema "Nationale Sicherheit" 

Die Behörden verbreiten Angst, um kompromisslos gegen missliebige Personen vorgehen zu können. Auch im Harry-Potter-Universum setzte man auf Angst, um die Massen zu steuern. (Mitunter erinnern die Aktionen des Zaubereiministeriums stark an die amerikanische NSA.) Zu Beginn von Voldemorts Jagd nach den Heiligtümern des Todes belegte das Ministerium den Namen "Voldemort" mit einem Tabu. Wann immer jemand den Namen aussprach, wurde dies im Ministerium registriert. Die faschistische Machtlogik dahinter erhoffte sich wohl, dass man so dem Großteil der Hexen und Zauberer Angst einjagen könnte. Denn wie sagte schon Dumbledore in "Harry Potter und der Stein der Weisen": "Die Angst vor einem Namen steigert nur die Angst vor der Sache selbst." 

Die Mitglieder von Dumbledores Armee und vom Orden des Phönix sprechen Voldemorts Namen später furchtlos aus. Dies macht sich das Ministerium wie oben geschildert zunutze, um sie aufzuspüren. 

8. Verflechtung von Religion und Regierung 

Faschistische Regimes nutzen die am weitesten verbreitete Religion in ihrem Herrschaftsbereich häufig zur Manipulation der öffentlichen Meinung. Regierungssprecher bedienen sich einer religiösen Rhetorik, obwohl ihre Ziele denen der Religion eklatant widersprechen. Im Land der Magie gibt es eigentlich keine Religion. Und doch ist die Rhetorik Voldemorts und seiner Anhänger von Verweisen auf die legendäre Historie der Magie durchtränkt. Sie regieren mit der harten Hand der Angst und einer Grausamkeit, die an die spanische Inquisition erinnert. 

Selbst die Auswahl der Horkruxe durch Voldemort zeigt diese Obsession für quasi-religiöse traditionelle Objekte der Magie. Auch seine Besessenheit davon, den Elderstab zu finden, eines der Heiligtümer des Todes, zeigt, wie tief sein Glaube an die eigene Tradition ist. Dies kommt wohl einer Religion im Harry-Potter-Universum am nächsten. 

9. Schutz mächtiger Konzerne 

Als hätte er Upton Sinclairs Verdikt über den Zusammenhang zwischen Faschismus und Kapitalismus beweisen wollen, wies Lawrence Britt nach, dass die Industriekapitäne und Wirtschaftsbarone faschistischen Regimen häufig in die Steigbügel helfen. Auf diese Weise werden die Verknüpfungen zwischen Wirtschaft und Macht immer enger. Eine Machtelite entsteht und wird geschützt. 

Wir erfahren wenig über die Macht der Konzerne in der Harry-Potter-Welt. Doch die Reinblüterideologie der Todesser findet ihre Unterstützer vorzugsweise in alten aristokratischen Familien, die nicht gerade unvermögend sind. Sowohl die Blacks als auch die Malfoys sind ausgesprochen reiche und aristokratische Zaubererfamilien. Möglicherweise haben sich ihre Mitglieder ja auch deshalb für die Mitgliedschaft in Voldemorts Todesserclub entschieden, um das Familienvermögen zu bewahren. Sirius Black hingegen wird des Hauses verwiesen, als er sich weigert, die Todesserideologie zu übernehmen, die der Rest der Familie vertritt. 

Diese Geldaristokraten bilden einen starken Kontrast zu der Welt Harrys und der Weasleys. Lucius Malfoys von Geld verstärkter Einuss zeigt sich sowohl im Zaubereiministerium als auch im Schulbeirat von Hogwarts. Auch weisen die Malfoys immer wieder auf ihren Reichtum hin und bezeichnen die Weasleys, als "Verräter des Blutes" . Harrys Familie hingegen ist zwar reich, aber auch großzügig und freundlich. In dem bereits erwähnten Artikel von Christopher Hitchens in der New York Times heißt es: "Das Vorurteil gegen das Bankmonopol der Kobolde erinnert stark an entsprechende Anschuldigungen mit antisemitischem Hintergrund, und die schlechte Behandlung der Hauselfen soll uns an die Sklaverei erinnern." 

10. Die Gewerkschaften werden unterdrückt 

Weil der Zusammenschluss der Arbeiter die einzige wirkliche Gefahr für ein faschistisches Regime darstellt, wird die gewerkschaftliche Organisation entweder ganz verboten oder massiv erschwert. Es gibt in den Harry-Potter-Büchern nur ganz wenige Referenzen auf gewerkschaftliche Ideen, aber diese sind hochinteressant. So gibt es ganz klar Arbeitskräfte im Zaubereiministerium, in den kleinen Läden der Winkelgasse und Hogsmeade, im Tagespropheten, im Klitterer und im St.-Mungo-Hospital.

Welche Einstellung die Todesser zu ehrlicher Arbeit haben, zeigt sich, als Voldemort an die Macht kommt und Umbridge beispielsweise einen Zentauren quält. Die reinblütigen Zaubererfamilien begegnen auch Kobolden und Hauselfen voller Verachtung. Bis zu einem gewissen Maß greift diese Haltung gegenüber anderen magischen Wesen auch auf andere Zaubererfamilien über. Als Barty Crouch in "Harry Potter und der Feuerkelch" die Elfe Winky misshandelt, erhebt Hermine Einspruch und weist ihn darauf hin, dass diese Behandlung der Sklaverei gleichkäme. Woraufhin Ron entgegnet, dass die Hauselfen es schließlich selbst so haben wollten und harte Arbeit liebten. Hermine ist die Einzige, die sich gegen diese Vorurteile wendet und das Los der Hauselfen ändern will.

Später behandelt Voldemort die Muggelgeborenen so, wie der Rest der Magier stets Elfen und Kobolde behandelt hat.

11. Verachtung von Intellektuellen und Künstlern

Faschistische Regimes treten Universitäten und höheren Bildungseinrichtungen mit unverhohlener Feindschaft entgegen. Professoren und andere Akademiker werden meist zensiert, mitunter sogar verhaftet. Der freie künstlerische Ausdruck wird verboten, jede progressive Kunst verbannt. Die Nazis zum Beispiel prägten den Begriff "entartete Kunst" für moderne Werke, denn diese wären "undeutsch, jüdisch oder kommunistisch" inspiriert. Stattdessen förderten sie Künstler, die Gehorsam und Rassenreinheit propagierten.

Das beste Beispiel für diese Haltung ist Dolores Umbridge in ihrer Rolle als Großinquisitorin in Hogwarts. Sie tut alles, um die Schüler dort am freien Denken zu hindern, und bestraft jeden Schüler und jeden Lehrer, der es wagt, aus der Reihe zu tanzen. Obwohl nie ganz klar wird, ob Umbridge zu den Todessern gehört, ist sie eine der leidenschaftlichsten Verfechterinnen von Voldemorts Ideologie im Zaubereiministerium. Sie gilt als einer der Charaktere mit den stärksten faschistischen Zügen im ganzen Buch. Umbridge lässt keinen Zweifel daran, dass sie die Wahrsagekunst verachtet, aber auch die Pflege magischer Geschöpfe. Da beides Wahlfächer sind und die Lehrer entsprechend unorthodox, erregen sie Umbridges Missfallen. Sie setzt Sybill Trelawney und Hagrid einfach vor die Tür. Außerdem überwacht sie den gesamten Unterricht in Hogwarts und unterbindet erfolgreich jede Versammlung von Schülern und überhaupt alle Aktivitäten, die nichts mit dem Lehrplan zu tun haben.

Professor McGonagall und ihre Verwandlungsklasse bleiben davon unberührt, doch das liegt wohl eher an McGonagall selbst, die sich von Umbridge nicht einschüchtern lässt.

12. Harte Bestrafung von Verbrechern

Unter faschistischen Regimen erhält die Polizei meist grenzenlose Macht zur Durchsetzung der Gesetze. Die Menschen sollen über den eventuellen Missbrauch dieser Macht tunlichst hinwegsehen und auf ihre bürgerlichen Freiheiten zugunsten einer patriotischen Haltung verzichten. Nationale Polizeikräfte mit nahezu unbegrenzten Machtbefugnissen sind in faschistischen Nationen die Regel.

Überwachen und Bestrafen sind die Lieblingsbeschäftigungen unserer Paradefaschistin Dolores Umbridge. Wir erinnern uns: Als sie Harry bestraft, weil er die Rückkehr Voldemorts und den Mord an Cedric Diggory nicht verleugnen will, zwingt sie ihm eine Feder auf, die den geschriebenen Strafsatz gleichzeitig in seine Haut einritzt. Beim Einbruch in Umbridges Büro findet Harry ein Foto von sich und die angeheftete Notiz: "Muss bestraft werden".

Umbridge ist auch die Leiterin der "Kommission für die Registrierung Muggelstämmiger" und führt in Hogwarts ein Inquisitionskommando von Schülern ein, dem natürlich Malfoy und seine Kumpels angehörten. Was in Hogwarts geschieht, deutet auf spätere Ereignisse im Zaubereiministerium hin. Dieses lässt die Dementoren ungehindert auf die Welt der Magier los. Unter Umbridges Diktat werden Muggelstämmige nach Askaban geschickt, weil sie sich ihre Magie angeblich widerrechtlich angeeignet haben.

13. Zügellose Vetternwirtschaft und Korruption

Faschistische Länder werden häufig von Kumpels und deren Kumpels beherrscht, die sich gegenseitig die Regierungsposten zuschustern. Dann nutzen sie ihre Autorität, um sich und ihre Freunde vor Strafverfolgung zu schützen. Üblicherweise werden die Ressourcen und Schätze der Länder in den Privatbesitz der Regimeangehörigen überführt, manchmal auch schlicht gestohlen.

14. Wahlbetrug

Wahlen in faschistischen Ländern sind meist pure Augenwischerei. Man fährt Schmutzkampagnen gegen den politischen Gegner oder ermordet Gegenkandidaten. Man nutzt die Gesetzgebung, um die Wahlen zu den eigenen Gunsten zu beeinflussen, zum Beispiel indem man die Wahlbezirksgrenzen neu zieht und die Medien manipuliert. Auch die Justiz in faschistischen Ländern wird gewöhnlich dazu eingesetzt, um die Wahlen zu kontrollieren.

Die beiden letzten Merkmale hängen eng zusammen, vor allem in der kleinen Welt der Magier, in der jeder jeden zu kennen scheint. Die Todesser bilden ähnlich wie die britische Aristokratie im realen Leben ein inzestuöses und nepotistisches Netzwerk, da sich alle aus der Schule und über die Familie kennen. Die Blacks und die Malfoys sind reinblütige Zaubererklans, die beide in Slytherin House untergebracht und eng miteinander verwandt sind.

Der erste Zaubereiminister wurde 1707 ernannt, als Ulick Gamp die Wahl gewann. Danach wurde jeder Minister demokratisch durch öffentliche Wahl gewählt. Es gab keine Begrenzung seiner Amtszeit. Trotzdem hielt man alle sieben Jahre Wahlen ab. Um diesen demokratischen Prozess zu unterlaufen, unterwanderte Voldemort das Ministerium und setzte an die Schlüsselpositionen Zauberer, die er sich mit dem Imperiusfluch gefügig gemacht hatte. So geschehen mit Pius Thicknesse, Zaubereiminister zu der Zeit, als die Todesser das Ministerium infiltrierten. Thicknesse wurde gefügig gemacht und in der Folge zum Minister ernannt. Als Marionette der Todesser war sich Pius seiner Aktivitäten nicht bewusst, daher wurde er später aus den Annalen des Zaubereiministeriums gelöscht.

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