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"This Is America": Dieses Musikvideo schockiert gerade die ganze Welt - und nicht nur das

Ein Musikvideo als radikale Geschichtsstunde: "This Is America" von Childish Gambino packt die Evolution des US-amerikanischen Rassismus als bitterböse Satire in ein pralles Vier-Minuten-Video.

Szene aus dem Musikvideo "This Is America" von Childish Gambino

Szene aus dem Musikvideo "This Is America" von Childish Gambino

Jahrelang war Kanye West zuständig für den Geniestreich der Stunde: den Song oder den Clip, der allen den Mund offen stehen lässt - gerne versehen mit einem politischen oder gesellschaftskritischen Statement, das Diskussionen auslöst. Aber bekanntermaßen ist der gute Kanye gerade ein bisschen vom Weg abgekommen. Umso furioser übernimmt Donald Glover als sein rappendes Alter Ego Childish Gambino dieser Tage den Part des Künstlers, der den Stein des Anstoßes wirft.

Dieser Stein heißt "This Is America", feierte am Wochenende im Rahmen der US-Comedy-Show "Saturday Night Live" seine Premiere und trendet seitdem wie verrückt: Bei Youtube verzeichnete das Musikvideo binnen drei Tagen über 30 Millionen Views und über 1,4 Millionen Likes. Die drastischen Bilder des Clips schockieren und polarisieren, "This Is America" ist nach langer Zeit mal wieder ein Musikvideo, über das die ganze Welt diskutiert. Aber was will uns der Künstler damit eigentlich sagen?

Die gesamte Geschichte des US-Rassismus

Die kurze Antwort: eine ganze Menge. Die massenhaften Referenzen und Deutungsmöglichkeiten werden seit Tagen gleichermaßen von Kulturjournalisten und Twitter-Usern diskutiert. Kein Wunder, denn auf den ersten Blick ist das Video ein Schlag ins Gesicht des Zuschauers, der zwischen plötzlichen Gewaltausbrüchen und den Grimassen des tanzenden Glover hin und her gerissen wird, bevor er die apokalyptischen Wahnsinnigkeiten, die sich derweil im Hintergrund abspielen, überhaupt wahrnehmen kann.

Auf jeden weiteren Blick entpuppt sich "This Is America" als ein meisterhafter visueller Mix aus Zitaten, der auch von eskalierender Waffengewalt erzählt, aber vor allem die gesamte Geschichte des US-amerikanischen Rassismus als bitterböse Satire in ein pralles Vier-Minuten-Video packt.

Das sind die spannendsten Anspielungen in "This Is America":

Jim Crow

Die grotesken Gesichtsverrenkungen und exaltierten Posen von sollen offenbar an Jim Crow erinnern. Die seinerzeit vom Komiker Thomas D. Rice geprägte Figur steht für den Stereotyp des dummen, faulen, nicht selten kriminellen Schwarzen und war im 19. Jahrhundert beliebter Bestandteil der sogenannten Minstrel Shows jener Ära, bei denen weiße Unterhaltungsmusiker mit schwarz gefärbten Gesichtern die Kultur der Afroamerikaner karikierten - zur Belustigung eines überwiegend weißen Publikums. Im Verlauf von "This Is America" dienen die Jim-Crow-Moves von Glover immer wieder zur Ablenkung des Zuschauers von den beiläufig anmutenden Ungeheuerlichkeiten, die um ihn herum passieren.

Das Charleston-Massaker

Der brutalste Moment des Videos: Ein schwarzer Gospelchor singt die bezeichnenden Zeilen "Get your money, black man, get your money" ("Hol dir dein Geld, schwarzer Mann, hol dir dein Geld"), als Glover durch die Hintertür reinkommt und für einen kurzen Moment vor dem Chor tanzt, bevor er alle zehn Sänger mit einem Sturmgewehr abknallt. Eine Szenerie, die Erinnerungen an das Massaker in einer Kirche von Charleston im US-Bundesstaat South Carolina heraufbeschwört, bei dem der damals 21-jährige Dylann Roof im Jahr 2015 während einer Bibelstunde neun Schwarze erschoss.

"This Is America": Polizeigewalt und "Get Out"

Polizeigewalt

Während Glover den Zuschauer auffordert, ihm beim Tanzen zuzugucken, jagt die Polizei im Hintergrund Menschen. Anschließend verweist Glover auf junge Leute mit Mobiltelefonen in der Hand und bezeichnet die Handys als "Werkzeug" - und meint damit offensichtlich, dass in den letzten Jahren immer häufiger Polizisten dabei gefilmt wurden, wie sie Gewalt gegen Schwarze ausübten. Einige Twitter-User erkennen in den 80er- und 90er-Jahre-Modellen der Autos im Video zudem eine Referenz an die folgenschweren Unruhen in Los Angeles, die im Frühjahr 1992 ausbrachen und über 50 Todesopfer forderten. Vier Polizisten, die der brutalen Misshandlung des Schwarzen Rodney King beschuldigt worden waren, sind damals von einem Gericht freigesprochen worden. Autos dieser Bauart stellten damals die reale Kulisse für die tagelang im Fernsehen übertragenen Bilder aus der brennenden Stadt.

"Get Out"

Gegen Ende des Clips hetzt Glover einen dunklen Gang entlang, verfolgt von einer dunklen Bedrohung, die manche Analysten an den "versunkenen Bereich" aus Jordan Peeles Erfolgsfilm "Get Out" erinnert, in dem die rassistische Bedrohung in den USA als Horror-Plot ausgearbeitet wird. Kein Zufall ist es deshalb wahrscheinlich, dass "Get Out"-Schauspieler Daniel Kaluuya die Performance von "This Is America" bei "Saturday Night Live" am anmoderierte - sondern eher der Moment, in dem sich der Kreis dieser radikalen Kulturgeschichtsstunde schließt.

Kanye West hat "This Is America" übrigens vor zwei Tagen bei Twitter gepostet. Es war sein stärkstes Statement seit langer Zeit.