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Russland: Liebesgrüße aus Kaliningrad: Wieso ich gleich am ersten Tag die Polizei kennenlernte

Unser NEON-Praktikant tingelt durch die Welt, er ist endlich mit der Schule fertig. Die Route: Russland, Marokko, Israel. Sein erster Tag beginnt mit der WM und endet auf einem Hochhaus-Balkon.

Von John Baller, Kaliningrad

John Baller vor einer Gruppe Polizisten

Andere Länder, andere Sitten: Unser Autor lernte gleich an Tag 1, dass man in Russland auf der Straße keinen Alkohol trinken darf. Jedenfalls nicht, ohne eine Plastiktüte darum zu wickeln.

Ehrlich gesagt, war ich vor meinem Trip nach , ins "Kleine Russland" Kaliningrad, voller Vorurteile – und ich meine nicht das Wodkatrinken. Die Russen seien nicht so scharf auf Touristen, hatte ich gehört, insbesondere die Kaliningrader nicht auf deutsche. Der Vergangenheit wegen: Königsberg, Preußen … werden vage Erinnerungen an den Geschichtsunterricht wach? Die Leute wären kühl und nicht an Fremden interessiert. Ich dachte, die Atmosphäre dort würde mich einschüchtern. Es stellte sich heraus: kompletter Bullshit. Eigentlich hätte ich es sowieso besser wissen müssen, meine Freundin ist gebürtig aus Kaliningrad und wir sind zusammen unterwegs. Schon der erste Tag dort hat mich das Gegenteil gelehrt.

Als wir durch die Straßen schlenderten, entdeckten wir neben einem großen Hochhausklotz, dem sogenannten Sowjet-Gebäude, das FIFA-Fanfest. Ein riesiges Public-Viewing-Feld. Russland spielte an diesem Tag gegen Kroatien und wir entschlossen uns, das Spiel dort zu gucken. Deutschland war sowieso längst ausgeschieden, also tat ich, was in meiner Situation wohl jeder Fußball-Desinteressierte getan hätte: Ich wurde Russland-Fan. Vor Spielbeginn kauften wir uns für 100 Rubel, das ist etwa ein Euro, ein Baltika-Bier und ließen uns von Profis eine Russland-Flagge auf die Wange malen. Dann setzten wir uns neben das Fanfest, um unser Bier aus der zweitgrößten Brauerei Europas zu trinken.

Eine junge Frau bekommt die russische Flagge auf die Wange gemalt

Vor dem Spiel muss erstmal die richtige Flagge auf die Wange, das machen an der Fanmeile echte Profis

Russland hat die freundlichste Polizei, die mir je begegnet ist

Da saßen wir also: in der einen Hand, Kippe in der anderen. Hätte eigentlich nur noch der slav squat, die stereotype Hockposition, gefehlt. Was wir nicht wussten: Man darf in Russland in der Öffentlichkeit keinen Alkohol trinken. Das ist wie in den USA, man darf es offiziell nicht. Sehr schnell kamen also vier sehr bedrohlich wirkende Polizisten auf uns zu und fingen an, auf Russisch mit meiner Freundin zu reden. Ich ahnte schon, worum es geht. Sofort gingen mir folgende Gedanken durch den Kopf: 

  • Scheiße, ich hab meinen Reisepass nicht bei mir. 
  • Ich habe keinen Bock, Bußgeld zu zahlen! 
  • Die schicken mich wahrscheinlich direkt in eine Zelle. Zur Ausnüchterung oder so.

Zwei Minuten später zog das Quartett tatenlos wieder ab und mein Herzschlag beruhigte sich langsam aber sicher. Mein partner in crime drehte sich zu mir um, lachte, und sagte, die vier hätten uns gebeten, das Bier in einer Plastiktüte zu "verstecken". Sie würden noch mal ein Auge zudrücken. Als wir uns umschauten, sahen wir, dass jeder Zweite sein Getränk in eine Plastiktüte gewickelt hatte. Was man alles sieht, wenn man mal die Augen aufmacht …

Fifa Fanmeile in Kaliningrad

Die Fanmeile in Kaliningrad

Nach zehn Minuten luden uns ein paar Menschen zu sich nach Hause ein

Als wir zum Eingang des Fanfests kamen, wurde niemand mehr reingelassen. Na super, dachte ich, erst brechen wir das Gesetz und jetzt kann ich nicht einmal meiner neuen Lieblingsmannschaft zujubeln. Doch zu diesem Zeitpunkt unterhielt sich meine Freundin bereits prächtig mit einer Frau mittleren Alters und ihrem Mann. Wie sich später herausstellte, über mich. Nach ein paar Minuten wandte sich der Mann an mich und fragte in gebrochenem Englisch: "Beer?" Dabei zeigte er in die Ferne. Die Entscheidung war getroffen: Wir gucken das Spiel zu viert in einer Bar. Dass ich kein Russisch spreche und unsere beiden neuen Freunde kein Englisch, spielte keine Rolle.

In der gigantischen Bar war es so, wie ich es mir nicht besser hätte erträumen können: Bei jeder noch so kleinen Torchance fieberte die Menge lautstark mit. Mein neuer Bier-Kumpane bestellte direkt acht Bier, um Wartezeiten zu verkürzen. Die beiden stammten aus Kasachstan, wie ich durch die Parallel-Übersetzung meiner Freundin lernte. Etwas merkwürdig wurde es, als die zwei Damen sich entschlossen, draußen eine zu rauchen und mich mit Genya, der kein Wort Englisch spricht, zurückließen. Nach diversen Versuchen, uns durch Zeichensprache zu verständigen, rettete uns das 2:2 von Russland: Wir sprangen auf, umarmten uns, stießen mit unseren Bieren an und ließen unsere Gesichtsmuskeln spielen, um unsere Begeisterung unmissverständlich zu machen.
Als Russland dann doch noch gegen verlor, machten unsere neuen Freunde das Beste daraus: Genya und Natascha luden uns zu sich nach Hause ein – auf einen Whiskey. Inzwischen war es ein Uhr nachts und wir dachten uns: Warum nicht?

Wie ich mich in einer russischen Hochhauswohnung wiederfand

Nach einer holprigen, zwanzigminütigen Nachtbusfahrt kamen wir bei den beiden an. Die Wohnung war in einem Hochhaus, für nicht ungewöhnlich, und der Balkon bot einen Ausblick über die ganze Stadt. Wir blieben bis vier Uhr morgens, wurden mit köstlichem Fisch versorgt, den Natascha für uns frisch zubereitet hatte, lauschten kasachischen Kriegsgeschichten, und ich erzählte mit Übersetzungshilfe vom Leben in Deutschland.

Zum Abschied bestanden unsere Gastgeber darauf, dass wir mit dem Sonnenaufgang im Hintergrund auf dem Balkon posieren, riefen uns ein Taxi, schenkten uns kasachische Schokolade und wünschten uns alles Gute. 

Vielen Dank, Natascha und Genya!