HOME

Public-Viewing in Taizé: Ich habe das 7:1 gegen Brasilien gesehen - unter Brasilianern

Es ist noch heute ein Albtraum für wohl jeden Brasilianer, der sich auch nur ein bisschen für Fußball interessiert - das 1:7 gegen Deutschland bei der WM 2014. Unsere Autorin hat diese 90 Minuten in ganz besonderer Umgebung erlebt: inmitten einer Gruppe Brasilianer.

Von Anne Richter

Die 1:7-Halbfinalniederlage gegen Deutschland bei der WM 2014 sorgte nicht nur im Stadion von Belo Horizonte (l.), sondern auch im französischen Dorf Taizé (m.) für Entsetzen bei den Brasilianern

Die 1:7-Halbfinalniederlage gegen Deutschland bei der WM 2014 sorgte nicht nur im Stadion von Belo Horizonte (l.), sondern auch im französischen Dorf Taizé (m.) für Entsetzen bei den Brasilianern

Picture Alliance

Der 8. Juli 2014 ist ein historischer Tag in der Geschichte des deutschen Fußballs: Deutschlands 7:1-Sensationssieg im WM-Habfinale gegen Brasilien. Während die DFB-Elf und viele ihrer Fans dieses Ereignis im Stadion oder auf den Fan-Festen feierten, erlebte ich an diesem Tag die Kehrseite - ich schaute das Spiel inmitten von Brasilianern und sah: tränenüberströmte Gesichter, leises Wimmern und laute Wutschreie; beim Public Viewing in Taizé.

Wo? In Taizé, einer kleinen Gemeinde im Osten Frankreichs, idyllisch zwischen saftig-grünen Wiesen und Feldern gelegen. Ein 161-Einwohner-Dorf und trotzdem weltbekannt. Und zwar für die Communauté de Taizé, einen ökumenischen Männerorden, der seit den sechziger Jahren Jugendliche aus aller Welt zusammenkommen lässt. Die auf einem kleinen Hügel liegende Communauté versorgt sich komplett selbst.

WM 2014 im Multi-Kulti-Dorf Taizé

Als ich Taizé 2014 mit meiner Schule in der Projektwoche besucht habe, mussten auch wir beim Kochen, Reinigen der Toiletten oder beim Aufbau der Zelte mit anpacken. Aber auch in Taizé waren alle im Fußballfieber, denn die Vorrunde war lange vorbei und nun ging es ans Eingemachte: das Halbfinale. Deutschland gegen Brasilien. Für das Spiel gab es frei von den Pflichten des Alltags im Orden.

Meine Freunde und ich saßen in unserer Vorfreude schon weit vor dem Anpfiff an der Leinwand. Nach und nach trudelten auch alle anderen Fußballfans ein. Auf dem Boden vor dem klapprigen Beamer unter einem Vordach saßen Deutsche neben Franzosen, Spaniern, Holländern. Und ganz am äußeren Rand, ganz hinten eine kleine Gruppe, die durch ihre knallig gelb und grün geschminkten Wangen besonders herausstach: die Brasilianer. Je näher der Anpfiff rückte, desto aufgeregter wurden wir und die anderen jugendlichen Fans aus aller Welt. Wir waren sicher: Ein spannendes, ein dramatisches Spiel liegt vor uns. Vor dem Anstoß wurde hier und da natürlich gefrotzelt, die Brasilianer machten Späße über vergangene Niederlagen Deutschlands und es wurden Tipps zum Spielausgang in die Runde geworfen: 2:1, 1:3, Elfmeterschießen. Doch es kam bekanntlich anders, ganz anders.

22 Uhr. Anpfiff. Gespannte Blicke auf die Leinwand. Nach ruhigem Beginn, brach in der 11. Minute der Damm: Thomas Müller schoss das erste Tor - und sorgte für die erste Enttäuschung bei den brasilianischen Fans. Ich hörte leicht frustriertes Stöhnen aus der hinteren Ecke, während wir vorne jubelten. Doch noch war natürlich nichts entschieden. Als dann aber in der 23. Minute das 2:0 für Deutschland fiel, wurden die Brasilianer schon sehr unruhig. Von Deutschland im eigenen Land aus dem Turnier gekickt werden? Niemals! Doch war da noch was zu retten für Brasilien?

Ein Traum zerplatzt

Knapp 25 Minuten waren gespielt, als es plötzlich dunkel auf der Leinwand wurde. Der Beamer: aus. Unruhe bei uns Zuschauern. "Nicht jetzt! Warum ist da kein Bild mehr?" Aufregung in zig Sprachen sprudelte aus den Mündern.

Irgendjemand friemelte an den Kabeln, versuchte das Problem zu lösen - und schaffte es nach endlos scheinenden zwei Minuten: Der Beamer ging wieder an. Ein Glücksmoment für uns, ein Schock für die Brasilianer: Es stand 3:0. Ist das jetzt wirklich passiert, oder ist die Anzeige falsch? Es stimmte, Toni Kroos hatte getroffen. Und noch bevor wir uns sammeln konnten, traf er schon wieder. Vier. Zu. Null.

Nach dem Jubel ein Blick nach hinten: Die ersten Tränen verschmierten über die grün-gelbe Schminke. Der Traum des Weltmeistertitels im eigenen Land zerplatzte vor den Augen der Brasilianer.

Keine Minute später: wieder Dunkelheit auf der Leinwand, wieder ging der Beamer aus, wieder sprang er kurz darauf an. Und wieder hatte sich die Anzeige geändert. 5:0! Khedira.

Endstand Brasilien - Deutschland: 1:7

Wir fielen einander vor Freude in die Arme und feierten. Die Südamerikaner in der letzten Reihe dagegen sahen nun aus wie kleine, in sich zusammen gesackte Häufchen Elend. Als nach dem Torjubel Ruhe einkehrte, guckten wir uns ungläubig an: Die vergangenen 30 Minuten wirkten surreal. Fassungsloses Staunen bei uns, fassungsloses In-die-Leere-Starren bei den Brasilianern.

Was konnte da noch kommen? Als die Deutschen noch zwei Tore schossen, war es schon gar nicht mehr überraschend. Die Fernsehkameras schienen sich mittlerweile mehr für die traurigen brasilianischen Fans im Stadion zu interessieren als dafür, ob jetzt noch ein Tor fallen würde oder nicht. Der brasilianischen Elf gelang am Ende des Spiels zwar noch der Ehrentreffer, aber der Blick nach hinten verriet: nicht einmal ein Lächeln in den Gesichtern der Brasilianer. Stattdessen noch mehr Tränen. Bei ihnen aus Trauer, bei uns aus Freude.

Waren es zum Anpfiff nicht noch mehr Brasilianer? Einige wollten sich das Debakel offenbar nicht mehr ansehen. 

Doch das war uns und den Franzosen, den Spaniern und den Holländern egal. In diesem Moment waren wir alle Deutschland-Fans und feierten. Es wurde eine lange Nacht.

Und am nächsten Tag - 7:1 hin oder her - standen wir wieder in der Küche oder putzten die Toiletten. Mit den ausgeschlafenen Brasilianern. Ihre Tränen waren getrocknet.

wue
Themen in diesem Artikel