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Vier Wochen Dauerfußball: Gibt es ein Leben nach der WM? Und wenn ja: Hat es einen Sinn?

Tooor, Videobeweis, Elfmeterschießen. Vier Wochen lang befand sich der Fußballfan in Vollnarkose. Unser Autor wacht langsam auf und fragt sich: Was soll jetzt noch kommen? Etwa die Realität?

Gelangweilte Fußballfans sitzen auf der Tribüne

Irgendwann ist auch der längste Rausch vorbei

Picture Alliance

Dann war es plötzlich vorbei. Der WM-Pokal ist ein Franzose, goldenes Konfetti, auch der Starkregen von Moskau konnte die Coolness des Emmanuel Macron nicht wegschwemmen und Johnny Cash sang ein letztes Mal über den Schmerz des Mario Götze, der auf diese Weise – wer hätte das gedacht – am längsten von allen DFB-Nationalspielern bei dieser WM dabei war. Und dann ein schwarzer Bildschirm. Während draußen noch die Renaults hupten, sackte die Erkenntnis immer tiefer: Die schönsten vier Wochen des Jahres sind vorbei.

64 Spiele lang dauerte die WM, die Fußballfans auf der ganzen Welt haben jedes davon zum Ereignis gemacht. Marokko – Iran zum Beispiel, ein Spiel, das für deutsche Verhältnisse von vornherein etwa mittleres Zweitliganiveau hat und dieses in der Realität noch um einiges unterbot, aber natürlich wird Marokko – Iran geguckt, um vier Uhr nachmittags, denn WM ist eben WM.

Ein Spiel, das sich selbst die meisten Hardcore-Fans unter normalen Umständen nicht gegeben hätten, aber zur WM ist jede Partie Pflichtprogramm. Dass das so ist, musste man während dieser Wochen auch niemandem erklären. Nicht jeder teilt diese Art von Begeisterung, aber jeder toleriert sie. 

Unter Fußballfans legendär ist die Begegnung zwischen Japan und der Elfenbeinküste bei der WM 2014 in Brasilien, Anstoß um drei Uhr nachts deutscher Zeit: Sportlich nicht der Rede wert, aber erst dort trennte sich die Spreu der Eventfans endgültig vom Weizen der passionierten Fußballliebhaber.

Vier Wochen Dauerfußball sind Geschichte

Und jetzt ist es also vorbei. Nach vier Wochen Fußball-Druckbetankung versiegt die Quelle. Der Entwöhnungsprozess ging über die letzten vier Wochen schleichend vonstatten: Nach neun Tagen wurde die Dosis von zunächst drei Spielen am Tag auf zwei zurückgefahren. Da fehlte schon etwas. Nach zwei Wochen Dauerfußball dann der erste spielfreie Tag. Und schließlich nur noch ein Spiel am Abend, mit zwei unglaublich leeren Tagen zwischen Halbfinale und Spiel um Platz drei. Noch ein letzter großer Abend in Moskau und dann, wie gesagt, vorbei.

Vorbei, das ist die WM aus deutscher Sicht ja schon länger. Auf dem Thema Fußball lag für den schwarz-rot-goldenen Fan in diesem Jahr kein Segen. Aber reden wir nicht länger darüber. Als Kosmopolit und Anhänger des schönen Spiels fand man schließlich schnell neue Freunde: Man konnte sich hemmungslos in englische Standards reinverlieben (sorry, England, so etwas endet bei mir immer in einer Katastrophe), freute sich über belgische Konter, kriegte den Mund nicht mehr zu, wenn Kylian Mbappé loslief, ärgerte sich über Neymar und lachte zum zehnten Mal über die Videoassistenten in Schiedsrichtertrikots in ihrem Moskauer Darkroom.

Ach, wir werden das alles vermissen. Das und wie Urs Meier "kchlarer Kchontakcht" sagt und Mario Basler bei Markus Lanz. Na gut, den nicht.

Ein Leben nach der WM – willkommen in der Realität

Und wie geht es jetzt weiter? Die Zukunft liegt vor uns wie ein dunkles, wolkenverhangenes Land in einer Welt, die sich in der Zwischenzeit dazu entschieden hat, endgültig verrückt zu werden. Früher hätte man uns dazu geraten, bei solchem Wetter lieber nicht rauszugehen. Dahin ist sie, unsere kleine Wagenburg des Eskapismus, in der wir so sicher eingekreist waren von Eckballvarianten, Schiedsrichterentscheidungen und den ZDF-Ollis. 

Was kommt jetzt? Seehofer? Der war (leider) nie so richtig weg, aber wenn man wollte, konnte man ihn einsperren in die zehn Minuten "Tagesthemen" bzw. "heute-journal" zwischen zwei Halbzeiten. Genauso wie die Toten im Mittelmeer. Müssen wir jetzt wirklich darüber nachdenken?

Vier Wochen Vollnarkose sind Geschichte, willkommen zurück in der Realität. Die Leere in den Abenden, Köpfen und Gesprächen füllt sich nicht mehr von selbst. Ab heute müssen wir wieder echte Probleme diskutieren – und nicht den Tipp für das Spiel morgen. 

Es ist fast, als würde ein neues Jahr beginnen: Man spürt die Verpflichtung, wieder weniger Bier zu trinken und mal wieder ins Fitnessstudio zu gehen.

Der Ball ist rund – ohne Anfang und ohne Ende

Das Schöne am Fußball allerdings ist, dass er rund ist, ohne Anfang und ohne Ende. Schon in zehn Tagen spielt RB Leipzig in der zweiten Qualifikationsrunde zur Europa League entweder gegen FK Liepaja (Lettland) oder den BK Häcken aus Schweden. Einen Tag später startet auch schon die Drittliga-Saison.

So lässt sich dann auch ertragen, dass der Abstand zur nächsten Weltmeisterschaft so groß ist wie niemals zuvor. Erst im Winter 2022 – genau vier Jahre, vier Monate und sechs Tage nach dem Finale von Moskau – wird die WM in Katar angestoßen. Dann vielleicht sogar schon mit 48 Teams. Eine umstrittene, aber möglicherweise gar nicht so schlechte Idee.

Denn wir Fußballjunkies brauchen ja gar nicht das gute Zeug. Wir brauchen nur viel. Sehr viel.

Eine Kombo zeigt llinks Joachim Löw mit einer Espresso-Tasse am Mund und rechts Ägyptens Stürmer Mohamed Salah beim Training