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Interview

Ex-GNTM-Kandidatin: "Ich hatte fünf Kleiderschränke voll": Wie Marie Nasemann zur Fair-Fashion-Bloggerin wurde

Marie Nasemann arbeitet auch zehn Jahre nach "Germany's Next Topmodel" noch in der Modebranche – doch eine Sache hat sich stark verändert. Denn sie hat der Fast-Fashion-Industrie den Kampf angesagt. Wir haben Marie zum Interview über Nachhaltigkeit getroffen.

Marie Nasemann im Interview über Nachhaltigkeit und Fair-Fashion

Viele kennen Marie Nasemann aus der vierten Staffel "Germany's Next Topmodel" – dabei ist sie viel mehr als das

Getty Images

Die meisten Menschen kennen das Gesicht von Marie Nasemann wahrscheinlich aus der vierten Staffel "Germany's Next Topmodel" – dabei steckt in der 30-Jährigen so viel mehr als das. Zehn Jahre nachdem sie bei dem Model-Wettbewerb mit Heidi Klum den dritten Platz belegt hat, setzt sie sich für Themen wie Feminismus, Nachhaltigkeit und faire Mode ein. Seit November 2016 schreibt Marie über diese Themen sogar auf ihrem eigenen Blog "Fairknallt". Wir haben sie bei einem Nachhaltigkeits-Event von Tchibo zum Interview getroffen und sie gefragt, wie man vom Shopping-Junkie zur Fair-Fashion-Bloggerin wird. 

Marie Nasemann über Nachhaltigkeit und Fair-Fashion

Warum liegt dir Nachhaltigkeit am Herzen?

Marie Nasemann: Ich hab schon vor neun Jahren aufgehört, Fleisch zu essen. Das war aus einem Impuls heraus. Ich war in einer Markthalle in Athen und bin aus Versehen in eine Art Fleischgasse geraten. Sagen wir es so, dort ist man sehr lieblos und grob mit dem Fleisch umgegangen. Davon ist mir ziemlich schlecht geworden und ich fing nach diesem einscheidenden Erlebnis an, mich mit dem Thema auseinander zu setzen. Von einen Tag auf den anderen hörte ich auf, Fleisch zu essen und vermisste nichts.

Mit der Mode kam es erst später. Das war für mich lange ein sehr positiv besetztes Thema, bei dem es darum geht, schön auszusehen. Ich habe damals immer viele Klamotten von Firmen geschenkt bekommen und bin zusätzlich noch shoppen gegangen. Ich hatte fünf Kleiderschränke voll mit Kleidung – so konnte es nicht weitergehen. So richtig "Klick" hat es bei mir aber erst nach dem Einsturz des Rana Plaza Buildings in Bangladesch gemacht. Da habe ich gemerkt: Ich möchte etwas verändern – vor allem an meinem eigenen Konsumverhalten.

Wie hat sich dein Leben seitdem verändert?

Ich sage seitdem: Shoppen ist kein Hobby – get a hobby! Ich belohne mich nicht mehr für Jobs, die ich gemacht habe, mit Einkäufen. Oder tröste mich mit einem Schnäppchen, wenn ich Liebeskummer habe. Ich kaufe nur noch Kleidung, die ich wirklich brauche und mit gutem Gewissen einkaufen kann. Dafür gönne mir öfter mal eine Massage oder verfolge nicht ganz günstige Hobbys wie Malen oder Klavierspielen, die mich nachhaltiger bereichern – im Gegensatz zu so einem Shopping-Kick, der ja meistens nach 24 Stunden wieder weg ist.

In welchem Bereich fällt es dir besonders leicht, nachhaltig zu handeln?

Ich glaube, bei der Ernährung. Ich mache zwar garantiert nicht alles richtig – ich lebe nicht vegan – aber auf Fleisch zu verzichten ist für mich überhaupt kein Problem. Ich trinke auch keine Kuhmilch mehr, sondern pflanzliche Alternativen. Super einfach ist es auch, einfach den Stromanbieter hin zu Ökostrom zu wechseln. Das ist ein einmaliger Aufwand und man tut damit jeden Monat etwas Gutes.

Und wo fällt es dir besonders schwer?

Bei der Fortbewegung. Ich fahre Auto – auch nicht zu wenig – weil ich viele Klamotten in großen Paketen zugeschickt bekomme, die ich nach meinen Shootings wieder zurückschicken muss. Das geht zu Fuß oder mit dem Fahrrad schlecht. Und für meinen Job bin ich leider doch manchmal im Flugzeug unterwegs. Innerhalb Deutschlands versuche ich, mit der Bahn zu fahren. Aber heute Vormittag zum Beispiel stand ich noch in Karlsruhe auf der Theaterbühne und um es noch rechtzeitig hier zum Panel in Berlin zu schaffen, musste ich fliegen. Das ärgert mich natürlich – vor allem wenn wir heute über so ein Thema sprechen. Aber manchmal lässt es sich nicht vermeiden.

Wie erklärst du es dir, dass Promis oder Influencer, die sich für Nachhaltigkeit einsetzen, besonders kritisch beäugt werden?

Ja, das ist sehr schade. Ich glaube, das kommt daher, dass sie oft belehrend auftreten und sich dadurch viele Menschen auf den Schlips getreten fühlen. Ich versuche, den Hatern den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem ich ehrlich bin und zugebe, dass ich nicht alles perfekt mache. Ich glaube, sobald du dich perfekt inszenierst, machst du dich angreifbar. Auf der anderen Seite ist es, glaube ich, auch das schlechte Gewissen der Hater. Ich erlebe das oft bei Abendessen, wenn die Leute bemerken, dass ich kein Fleisch esse, rechtfertigen sich viele sofort dafür, dass sie Fleisch essen – obwohl ich mit keiner Silbe irgendjemanden verurteilt habe.

Welchen Rat gibst du Leuten, die sich für nachhaltige Mode interessieren?

Ich sage immer: Fangt mit Basics an. Es gibt so viele tolle Labels, die simple T-Shirts, Hoodies, Jeans oder Sneakers nachhaltig produzieren und auch Preise haben, die wirklich fair sind. Klar, die ganz ausgefallenen Teile gibt es eher selten in nachhaltig, aber wenn alle schon mal bei den Basics anfangen würden, wäre der Welt schon geholfen. Und für die ausgefallenen Teile kann man immer noch in Vintage-Läden gehen.

Hast du das Gefühl, dass gerade ein Umdenken auf Social Media stattfindet?

Auf jeden Fall. Ich habe letztens eine Umfrage bei Instagram gemacht, weil ich wissen wollte, was meine Follower interessiert. Fast alle wollen mehr über Politik, Feminismus, Nachhaltigkeit und faire Mode von mir sehen. Das widerspricht komplett dem, was der Instagram-Algorithmus vorgibt, was gut funktioniert: Bikinifotos mit viel nackter Haut und wenig Text. Ich finde es total schade, dass nicht auch Instagram als Unternehmen sagt: Ok, wir fördern es, dass hier auch Informationen stattfinden. Durch Instagram verbinden sich auch viele Menschen, die sich für das gleiche Thema stark machen, wie zum Beispiel die "Fridays for Future"-Kids.

Welchen Satz kannst du in Bezug auf Fair-Fashion nicht mehr hören?

"Öko-Mode? Heißt das, man trägt nur braune Strickpullis?“ Das ist so Neunzigerjahre! Das hat mit der aktuellen, nachhaltigen Mode gar nichts mehr zu tun. Obwohl es natürlich auch schöne Strickpullis gibt, zum Beispiel mit fair gehandelter Wolle, für die keine Schafe leiden mussten.

Hast du ein Argument gegen Fair-Fashion-Gegner?

Wenn es immer heißt, faire Mode sei so teuer, dann frage ich die Leute, wie viele Fehlkäufe sie im Schrank haben und wenn sie die vermieden hätten, ob dann nicht das Geld da gewesen wäre, qualitativ hochwertigere, faire Mode zu kaufen. Da geben mir dann doch die meisten Leute Recht. Ich empfehle vor jedem Kauf einmal eine Nacht drüber zu schlafen. Oder besser drei. Wenn einem das Kleidungsstück dann immer noch nicht aus dem Kopf geht, ist es sicher kein Fehlkauf.

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