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Interview

"The Slow Label": Bloggerin Anna ist erst 22, hat aber schon ihr eigenes Fair-Fashion-Label gegründet

22-Jährige haben nur Netflix, Partys und das perfekte Selfie im Kopf? Von wegen! Bloggerin Anna gehört zu einer neuen, umweltbewussten Generation, der Nachhaltigkeit wichtig ist. Sie hat einen mutigen Schritt gewagt und ihr eigenes Fair-Fashion-Label gegründet.

Nachhaltigkeit: "The Slow Label" von Anna-Laura Kummer

Bloggerin Anna-Laura Kummer (2. v. l.) hat ihr eigenes Fair-Fashion-Label "The Slow Label" gegründet

Spätestens seit den "Fridays for Future"-Demos sollte auch dem letzten Menschen klar sein: Die junge Generation interessiert sich nicht nur für Netflix-Serien, Partys und das perfekte Selfie. Sie haben verstanden, wie schwerwiegend die Folgen der Klimakrise sein werden – und dass ihre Zukunft auf dem Spiel steht. Deswegen wollen sie etwas verändern. Viele von ihnen interessieren sich für nachhaltiges Einkaufen, faire Mode und minimalistisches Wohnen.

So geht es auch Bloggerin Anna-Laura Kummer. Sie hat mit 22 ihr eigenes Fair-Fashion-Unternehmen gegründet: "The Slow Label". Damit will sie ein Zeichen gegen die Wegwerfmode setzen, die leider immer noch den Textilmarkt bestimmt. Statt auf kurzweilige Trends, setzt sie auf zeitlose Basics und will die langsame, nachhaltige Mode wieder etablieren. Mit NEON hat Anna über ihre Beweggründe gesprochen.

Anna-Laura Kummer über Nachhaltigkeit und Fair-Fashion

Ich habe mir mit 22 noch nicht so viele Gedanken um solche Themen gemacht. Woher kommt dein Interesse dafür?

Anna-Laura Kummer: Das ist einerseits aus Eigeninteresse entstanden, weil sich für mich gewisse Fragen aufgetan haben. Ich habe gemerkt, dass ich Menschen beeinflusse, und wenn ich auf Youtube meine Shopping-Ausbeute gezeigt habe, habe ich immer hinterfragt, was ich damit tue. Denn die Leute haben sich die Sachen nachgekauft. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich eine Verantwortung ihnen gegenüber habe und dass das, was ich promotet habe, nicht besonders gut für uns alle ist.

Parallel zu meiner Erleuchtung kam dann dieser Trend auf Social Media, vor allem Veganismus. Da habe ich mich viel mehr damit beschäftigt, wo mein Essen herkommt und was es mit meinem Körper macht. Und wer vegan lebt, macht sich schnell auch Gedanken über Nachhaltigkeit.

Hattest du jemals Probleme bei deiner Label-Gründung aufgrund deines noch recht jungen Alters? Zum Beispiel, dass du nicht ernst genommen wurdest? 

Bisher hatte ich wenige Face-to-Face-Begegnungen, wo mein Alter eine Rolle spielen könnte. Zum Glück ist mir das also – erstmal – erspart geblieben. Aber aufgrund dessen, dass mein Label noch neu und klein ist, finde ich es manchmal schwer, ernst genommen zu werden.

Der Modemarkt ist ziemlich hart umkämpft. Wieso hast du dich trotzdem getraut, ein eigenes Label zu gründen?

Ich finde, dass es gerade in der nachhaltigen Branche noch viel zu wenige gibt. Und selbst wenn es mehr geben würde – das Angebot von Fast-Fashion ist immer noch immens ... Ich finde es einfach extrem wichtig, nicht nur mitzumischen, sondern auch meine Follower erreichen zu können. Wenn ich ein Label starte, ist es für die vielleicht das erste Mal, dass sie mit Fair Fashion konfrontiert werden. Ich möchte sie gerne mitnehmen auf ihre persönliche Reise zu mehr Nachhaltigkeit. 

Das Feedback ist durchaus positiv, ich bin total happy damit. Alle finden die Kleidung sehr bequem und die Qualität sehr gut.

Du produzierst die Kleidung für dein Label in Bangladesch – viele andere nachhaltige Labels machen das in Europa. Wieso hast du dich dafür entschieden?

Gerade bei Basics ist Europa oft nicht der richtige Ort – vor allem für kleinere Labels. Es gibt sehr hohe Abnahmemengen, das ist für uns schwer zu erreichen. Dazu kommt: "Made in Europa" heißt auch nicht immer automatisch gut. Ich finde, wir dürfen den Markt in Bangladesch nicht boykottieren, denn sonst nehmen wir dem Land große Exporteinnahmen weg. In der Textilbranche dort arbeiten extrem viele Frauen und das Problem ist, dass das Einkommen sehr niedrig ist und die Bedingungen sehr schlecht sind. Es gibt aber einige Vereinigungen, die sich dafür einsetzen, das zu verbessern. Ich finde es wichtig, diese bei ihrer Arbeit zu unterstützen.

Wie stellst du sicher, dass in den Unternehmen, die für The Slow Label in Bangladesch arbeiten, wirklich faire Bedingungen herrschen und die Vorschriften nicht einfach umgangen werden?

Das Unternehmen, das meine Kleidungsstücke in Bangladesch näht, wird von der Fair Wear Foundation überwacht. Diese kontrolliert die Fabrik in regelmäßigen Abständen, bewertet sie in Form eines ausführlichen Berichts und gibt Verbesserungsvorschläge. 

Abgesehen von Mode, wie integrierst du Nachhaltigkeit in deinen Alltag?

Ich sage immer: Ich bin nicht "Zero Waste", ich bin "Less Waste". Müll zu minimieren ist schon mal ein großer Schritt in die richtige Richtung. Gerade in der Blogger-Welt ist es recht utopisch, dass man gar keinen Müll mehr produziert, da man immer wieder Pakete bekommt. Meinen Müll reduziere ich, indem ich frisches Obst und Gemüse auf Märkten kaufe, ich habe eine Bio-Kiste abonniert, ich ernähre mich vegan und verwende nur Naturkosmetik, ich habe kein Auto und fahre eigentlich nur mit den Öffentlichen oder gehe zu Fuß. Ich verwende zum Beispiel auch einen Mehrweg-Rasierer, von dem ich extrem begeistert bin. Wir verwenden wirklich so viele Einwegprodukte, vor allem im Badezimmer: Wattepads, Rasierklingen ...

Im Fair-Fashion-Bereich ist es meistens eher schwierig, Trendteile zu bekommen, weil viele Basics produzieren. Wie schaffst du es, dem Trenddrang nicht nachzugeben?

Ich glaube, ich habe gar keinen Drang danach, ein trendiges Kleidungsstück zu tragen. Für mich muss es immer bequem sein. Meistens fühle ich mich in so trendigen Teilen nicht besonders wohl oder wie ich selbst. Ich habe meinen Stil gefunden und bin nicht abhängig von irgendwelchen Mainstream-Trends. Ich kann das aber voll verstehen, dass es nicht jedem so geht. Es gibt aber mittlerweile viele Brands, die Trends folgen und nachhaltig sind, die amerikanische Firma Reformation zum Beispiel. Ansonsten wird man oft auch in Secondhand-Shops fündig, gerade heutzutage, wo viele Trends von früheren Zeiten inspiriert sind. Da findet man dann super Originale.

Wie geht es mit deinem Label nun weiter?

Es wird Ende Mai eine neue Produktkategorie gelauncht und im Spätsommer kommt dann die neue Kollektion. Auf die freue ich mich schon sehr. Witzigerweise wurde sehr oft angefragt, ob ich nicht auch schwarze Teile anbieten kann, weil momentan noch alles in Erdtönen gehalten ist. Deswegen wird es im Herbst auf jeden Fall mehr schwarze und graue Teile geben. Im nächsten Jahr möchte ich dann auch mit eigenen Schnitten arbeiten, vor allem bei den Sommerkleidern. The Slow Label steht für Slow Fashion und da braucht man einfach ein bisschen mehr Geduld für die nächste Kollektion.

https://www.instagram.com/heylilahey/