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Familienleben Ich bin mit 28 wieder zu Hause eingezogen – und es gab schon am ersten Tag Stress

Zwei blonde Frauen diskutieren am Tisch
Mit 28 zieht unsere Autorin nochmal für einen Monat bei Mama ein. Funktioniert das? (Symbolbild)
© picture alliance / dpa Themendienst | Christin Klose / Picture Alliance
Mit 18 von zu Hause ausgezogen, im Lockdown wieder zurück zu den Eltern: Funktioniert das? Unsere Autorin macht den Test und trifft schon am ersten Tag auf eine Herausforderung. 

Es ist Dienstagmorgen, der erste Arbeitstag im neuen Jahr. In meinem Berliner Homeoffice würde ich mit der Kaffeetasse klappern und das klagende Miauen meiner Katze mit ebenso lauten Fragen nach ihrem Befinden erwidern. Doch ich bin jetzt in Luxemburg, in der Wohnung meiner Mutter, die um diese Zeit noch schläft. Kaffee mache ich unter der Taschenlampe meines iPhones, die Katze versuche ich durch energisches Flüstern zum Schweigen zu bringen. 

In der Vorweihnachtszeit und unter dem sich damals noch anbahnenden Lockdown in Deutschland bin ich Anfang Dezember mit einem Koffer und einem Katzenkorb im Gästezimmer meiner Mutter eingezogen. Meine Eltern sind geschieden, mein Vater und der Rest meiner Familie wohnen in einem anderen Ort. Ein Kinderzimmer habe ich in keinem der Haushalte, denn ich bin mit 18 nach Deutschland gezogen und komme seitdem höchstens zweimal im Jahr zu Besuch. 

Mit 28 wollte ich es nun noch mal versuchen und in meiner alten Heimat mit meiner Familie zusammenleben. Eine Pandemie ist unter lieben Menschen schließlich einfacher zu ertragen als in meiner Single-Wohnung im Osten Berlins, dachte ich, und die Lockdown-Regeln sind in Luxemburg weniger streng. Doch nach fast einem Monat muss ich zugeben: So spät nochmal zu Hause einzuziehen, ist eine große Herausforderung.

Meine Tollpatschigkeit wird schon am ersten Tag zum Problem

Weil es möglich ist, dass meine Eltern hier mitlesen (und die folgenden Worte natürlich auch von Herzen kommen) zunächst ein Disclaimer: Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich bei ihnen wohnen und meine Arbeitssachen auf dem Esstisch ausbreiten kann, dass meine Katze akzeptiert wird und meistens auch die Tatsache, dass ich im Alltag lauter bin als der Großteil meiner Familienmitglieder. Dabei führte allein Letzteres bereits von Anfang an zu Problemen in der neuen Wohnkonstellation. 

Ich bin nicht nur laut, weil ich lache, singe, tanze, telefoniere und Sprachnachrichten verschicke – ich bin tollpatschig. Gleich am ersten Tag werfe ich beim Arbeiten die Tasse Kurkuma-Tee um, die meine Mutter mir "für Energie und Gesundheit" gebrüht hat. Die Energie ist nun ein leuchtender gelber Fleck auf ihrem weißen Esszimmerstuhl. Am dritten Tag schaffe ich es, während der digitalen Weihnachtsfeier im Videochat in letzter Sekunde mein schwankendes Weinglas aufzufangen. In Berlin würde ich über mich selbst lachen. Doch hier verhärten sich die Fronten. 

Mit 18 war ich ein anderer Mensch als heute 

Als ich zu Hause ausgezogen bin, war ich 18 Jahre alt. Ich hatte gerade die Schule beendet, ein ordentliches Zeugnis und damals schon einen festen Freund, der mit mir nach Berlin ging. Ich trank keinen Alkohol, rauchte nicht und feierte selten. Ich war, was das betrifft, ein unproblematisches Kind. 

Heute bin ich kein Kind mehr und auch kein Teenie. Wenn ich nach der Arbeit ein Glas Wein trinken will, dann mache ich das. Wenn ich dazu hin und wieder eine Zigarette rauchen will, auch. Und wenn ich Freunde und Freundinnen treffen oder auf ein Date gehen möchte, muss ich das niemandem erklären. Doch was, wenn auf einmal wieder jemand da ist, der fragt, wen ich treffe, wie viele Gläser Sekt ich in einer Woche hatte und warum ich "schon wieder" rauche?

Wenn erwachsene Kinder wieder bei ihren Eltern einziehen, dürfte die größte Herausforderung die Rollenverteilung sein. Das US-amerikanische Pew Research Center erklärt, dass eine solche Wohnsituation oft emotionalen Stress und einen Einschnitt im persönlichen Komfort beider Parteien bedeutet. Ein klar formuliertes Abkommen über die Pflichten des erwachsenen Kindes soll dabei helfen, das Zusammenleben angenehmer zu gestalten. Gleichzeitig sei es wichtig, dass die Eltern auch die Autonomie des zusätzlichen Erwachsenen respektieren. 

Es funktioniert, wenn wir uns als Erwachsene sehen

In der Erwachsenen-WG mit meiner Mutter funktioniert das mal mehr und mal weniger gut. Ich habe das Gefühl, dass mein freiheitsliebender Berliner Lebensstil im konservativeren Luxemburg auf Unverständnis stößt. Meine Mutter hält dagegen und sagt, ich solle mehr Rücksicht nehmen und mich besser anpassen. Ich will Zeit mit Freunden und Freundinnen und mir selbst verbringen. Und ja, ich will auch hier auf Dates gehen. Sie dagegen will mehr Zeit mit mir, abends zusammen den "Tatort" gucken, öfter gemeinsam essen. Beide Ansichten sind legitim. Nur das Gespür dafür, wann die jeweils andere Ruhe braucht, haben wir nach Jahren des Getrenntlebens nicht immer. 

Und auch mir fällt es nach den ersten beiden Wochen zu Hause zunehmend schwerer, die Grenze zwischen meinem Erwachsenen- und meinem Kind-Ich zu ziehen. Ich fordere Geduld, flüchte in einer Konfliktsituation aber zu meinem Vater – wie früher in meiner Jugend. Als ich dort in einen Konflikt gerate, kommt das Scheidungskind in mir wieder bei Mama an. Und wäre die Corona-Situation nicht, wäre ich wahrscheinlich schon längst wieder in Berlin. Dort, wo ich allein leben und machen kann, was ich will. 

Als ich meine Mutter frage, ob es ihr etwas ausmachen würde, wenn ich noch etwas bleibe, sagt sie: "Nicht, wenn du so brav bist wie in den letzten beiden Tagen." Der sensible Teenie in mir verdreht bei der Wortwahl die Augen. Die Erwachsene in mir schaut auf den Laptop und sagt: "OK, Mami." Manchmal ist die erwachsenste Reaktion einfach Akzeptanz. Zumindest für die kurze Zeit, in der ich die Füße wieder bei meinen Eltern unter den Tisch stelle. 

Quelle: "Very Well Family"


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