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Interview

Autorin Anna Schatz: Unerfüllter Kinderwunsch: "Wenn ich noch eine glückliche Mami sehe, muss ich kotzen"

Als kinderlose Frau muss man sich viele anmaßende Sprüche anhören. Anna Schatz hat das am eigenen Leib erfahren. In ihrem Buch schreibt sie über ihr Leben mit unerfülltem Kinderwunsch. Wir haben mir ihr gesprochen.

Unerfüllter Kinderwunsch

Anna Schatz beschreibt in ihrem Buch das Leben mit unerfülltem Kinderwunsch

Unsplash

In ihrem Buch "Wenn ich noch eine glückliche Mami sehe, muss ich kotzen" schreibt sich Anna Schatz ihren Frust von der Seele. Sie ist kinderlos – gegen ihren Willen. Die Reaktionen auf ihr Buch haben gezeigt, dass viele Frauen ähnlich fühlen.

Welche fiesen Sprüche sie sich schon anhören musste, was sie an der deutschen Gesetzeslage ändern würde und wie es sich anfühlt, wenn man gesagt bekommt, man könne keine Kinder bekommen – darüber hat die 37-Jährige mit NEON gesprochen.

Autorin Anna Schatz

Anna Schatz ist 37 und kinderlos - gegen ihren Willen. Ihren Frust hat sich die in Hamburg lebende Autorin jetzt von der Seele geschrieben. 

NEON: Anna, wann und wie hast du erfahren, dass es mit dem Kinderkriegen womöglich nichts werden könnte?

Mir wurde mit 16 gesagt, dass ich keine Kinder bekommen kann. Das habe ich damals mit einem halben Schulterzucken hingenommen und habe da nicht weiter drüber nachgedacht, weil das in dem Alter noch nicht so wichtig ist. Nach meiner ersten Fehlgeburt habe ich mich mehr damit beschäftigt. Das ist mittlerweile zwölf Jahre her und ich bin immer noch nicht Mutter – und ich kann zwar durchaus schwanger werden, ich bin es nur bislang nicht geblieben.  

Du beschreibst es in deinem Buch sehr emotional: Was hast du damals gefühlt?

Da war ich schon sehr betroffen. Ich habe gewusst, dass es Möglichkeiten gibt, damit umzugehen und bin erstmal in einen Aktionismus verfallen, um herauszufinden: Woran liegt es? Was kann ich tun? Ich habe nicht daran gedacht, mein Leben auf die Kinderlosigkeit einzurichten. Ich neige dazu, die Dinge zu verdrängen und emotional nicht so an mich heranzulassen. Ich war traurig, habe die emotionale Schublade aber nicht sofort aufgemacht sondern erstmal gehandelt.

Wäre das ein Tipp für andere Frauen, die einen unerfüllten Kinderwunsch haben?

Sich auf eigene Faust zu informieren, kann auch ein Fluch sein. Ich habe das zu viel gemacht. Anderen Frauen würde ich eher raten, mit den Ärzten zu sprechen, Informationen und Gespräche einzufordern, statt das alleine zu übernehmen.

Anna Schatz

Anna Schatz' Buch "Wenn ich noch eine glückliche Mami sehe, muss ich kotzen" (Rowohlt, 14,99 Euro)

In deinem Buch "Wenn ich noch eine glückliche Mami sehe, muss ich kotzen" schreibst du dir den Frust von der Seele. Was war deine Intention dahinter?

Zum einen habe ich für mich während des Schreibprozesses um einiges besser verstanden und die Muster, nach denen ich gehandelt habe, erkannt. Andererseits fehlen mir solche Stimmen in der Literatur. Es gibt unzählige Ratgeber, aber niemanden, der kinderlosen Frauen mal sagt: Ihr müsst euch die dummen Sprüche nicht gefallen lassen. Und da wollte ich eine Hilfestellung geben – auch für Angehörige.

Welche Sprüche, die dich besonders genervt haben, musstest du oft hören?

Viele sagen: "Ist bestimmt besser so, da bleibt dir eine Menge erspart". Ich habe nie verstanden, was der Spruch soll. Auch die Menschen nerven, die nicht wissen, dass man ungewollt kinderlos ist und denken, man wollte einfach nur mehr Geld für sich. "Double income no kids", sagen sie dann, und: "Jeder lebt eben seinen eigenen Egoismus".

Neben anmaßenden Sprüchen bekommen Frauen mit Kinderwunsch häufig (ungefragt) Rat. Was wünscht du dir stattdessen?

Ich wünsche mir eine gesunde Empathie. Natürlich können manche Menschen nicht mit dem Thema umgehen. Ähnlich ist es ja, wenn man einen Freund besucht, der schwer erkrankt ist – auch da weiß man häufig nicht, was man sagen soll. Aber es reicht oft, wenn man gesagt bekommt: "Das ist wirklich traurig" und in seiner Trauer ernstgenommen wird. Ein Freund sollte einfach nur da sein, ohne zwangsläufig einen Rat oder einen Lösungsvorschlag zu präsentieren.

Denn man muss auch mal traurig sein dürfen.

Was stört dich im gesellschaftlichen Umgang mit kinderlosen Frauen?

Mich stört der Rechtfertigungsdruck. Sobald man zwischen 30 und 45 ist und die Frage nach Kindern gestellt bekommt, wird immer gefragt, warum man keine habe. Als wäre man zwischen 30 und 45 – ohne Kinder – in einer Warteschleife und müsse sich daran messen, ob man welche hat oder nicht. Die Entscheidung ist jedem selbst überlassen. Ich bin auch ohne Kind ein eigenständiger Mensch.

Andererseits sagen Frauen häufig nicht offen, dass sie tatsächlich einen Kinderwunsch haben. Woran liegt das?

Ein ausgeprägter Kinderwunsch wird Frauen oft als Schwäche ausgelegt. Im Job zu sagen, dass man Kinder möchte, heißt im Umkehrschluss: Gib mir keine spannenden Projekte, weil ich könnte ja schwanger ausfallen. Das darf so nicht sein.  

Was den Beruf und die Karrierechancen angeht, haben Mütter oft Nachteile. Aber du kritisierst auch den (beruflichen) Umgang mit kinderlosen Frauen. Inwiefern?

Natürlich hat eine kinderlose Frau keine beruflichen Nachteile im Hinblick auf die Karriere – im Gegenteil. Andererseits ist es immer die kinderlose Frau, die für andere einspringen muss. Jemandem zu helfen und Arbeit zu übernehmen für eine Kollegin, die es gerade nicht leicht hat, ist etwas Selbstverständliches. Aber es wird selten gedankt, im Gegenteil, sogar oft erwartet. In meinem Befinden werden kinderlose Frauen im Job häufig für ihre Kinderlosigkeit ausgenutzt. "Du hast ja kein Kind, dann kannst du das ja übernehmen", wird einem dann gesagt. Aber nur weil man kein Kind hat, hat man ja nicht gleich kein Privatleben.

Was könnte eine Lösung für diese Schwierigkeiten im Umgang sein?

Das ist schwierig. Jeder Arbeitgeber möchte, dass seine Firma gut läuft. Aber es wäre schön, wenn kinderlose Frauen genauso sagen könnten, wenn sie eine Aufgabe nicht übernehmen können. Nur solange Frauen noch schlechter bezahlt werden als Männer und eine Schwangerschaft immer noch als Schwäche angesehen wird, solange wird sich da nichts ändern.

Was hast du für Erfahrungen gemacht – bei Frauen im Vergleich zu Männern - in den Reaktionen auf deinen Kinderwunsch?

Frauen sind sehr viel empathischer, sind aber manchmal auch etwas rücksichtsloser. Sie sprechen manches direkter aus als Männer. Und für Männer ist es ohnehin schwieriger, mit einer Frau mit Kinderwunsch umzugehen. Da denken sie direkt: Oh Gott, die ist über 30 und will Kinder – Gefahr! Aber ich habe in meiner Recherche gemerkt, dass auch viele Männer einen großen Kinderwunsch, jedoch viel größere Probleme damit haben, darüber zu sprechen. Für meinen Freund zum Beispiel ist die Situation auch schwer. Blöde Sprüche wie: "Warum machst du ihr denn kein Kind?" belasten ihn natürlich auch. Es ist unfair, jemandem die Schuld zuzuschieben – dem Mann oder der Frau.

Es gibt mittlerweile auch viele Single-Frauen, die mithilfe von Samenspende ein Kind bekommen. Du  schreibst in deinem Buch darüber, dass viele Paare nach Polen reisen, weil es dort erlaubt ist, eine Leihmutter zu engagieren. In Deutschland ist das noch immer verboten. Zu Unrecht?

Ich würde die Gesetzeslage von einer anderen Seite anfassen und das Adoptionsgesetz überarbeiten. Ich kann nur von mir sprechen, aber: Wenn der Wunsch nach einem Kind so groß ist, dass man solche Wege geht und sich womöglich eine fremde Eizelle einsetzen lassen würde, dann wäre es doch womöglich sinnvoller, wenn man leichter adoptieren könnte. Vielleicht wäre das ein besserer Ansatz.

Es gibt viele Richtlinien, die das Adoptieren erschweren. Ein Paar, das adoptieren möchte, darf zusammen nicht über 80 sein.

Und der Mann darf nicht älter als 59 sein. Zu jung dürfen sie aber auch nicht sein. Teilweise sind die Voraussetzungen antiquiert. Eine alleinstehende Frau, die es finanziell schaffen würde und gerne ein Kind möchte – die darf in Deutschland nicht adoptieren. Weil sie alleinstehend ist. Das ist doch absurd. Ich habe mir doch nicht mit 24 überlegt, dass ich schnell heirate, weil ich mit 34 ja möglicherweise ungewollt kinderlos bin und adoptieren möchte.

Nach 67 Jahren: Die 94-jährige Marilyn Wallace trifft ihren Sohn wieder.

Also war eine Adoption bei dir kein Thema?

Eigentlich schon, aber als 37-jährige Freiberuflerin, unverheiratet, falle ich da aus dem Raster.

Brauchen kinderlose Frauen eine Lobby?

Auf jeden Fall. Es sollte mehr Möglichkeiten geben für Frauen, damit sie wissen, dass sie nicht alleine sind. Je weniger Lobby es für diese Frauen gibt, desto größer ist das Gefühl, dass es an einem selbst liegt.

Wie hat dein Umfeld auf das Buch reagiert?

Die waren sehr überrascht. Vieles habe ich in den vergangenen Jahren mit mir selbst ausgemacht. Mein Vater sagte mir, ihm wäre klar geworden, wie wenig er über mich weiß. Ansonsten waren die Reaktionen eigentlich durchweg positiv.